Politikwissenschaftler: "Die AfD ist für mich der eindeutige Sieger"

Chemnitz.

Nach den ersten Hochrechnungen für Sachsen sprach Stephan Lorenz mit dem Chemnitzer Politikwissenschaftler Eric Linhart. Er sieht eine schwierige, Regierungsbildung voraus. Die Kenia-Koalition aber sei eine Option.

Freie Presse: Wie bewerten Sie den Wahlausgang in Sachsen?

Eric Linhart: Die Ergebnisse sind zwar noch vorläufig, aber eines ist für mich schon überraschend: Die AfD hat in Sachsen besser abgeschnitten, als ich es erwartet habe - insbesondere mit Blick auf die relativ hohe Wahlbeteiligung. Ein großes Interesse spielt normalerweise den eher moderaten Parteien in die Karten. Schon deshalb ist das AfD-Ergebnis eine Überraschung.

Auch das relativ schwache Abschneiden der Linken war so nicht zu erwarten, oder?

Die Linkspartei lag bei den Umfragen immer bei rund 15 Prozent. Die Ergebnisse für die Partei sind eine ungewöhnliche hohe Abweichung nach unten von den Stimmungsbildern vor der Wahl.

Hat die Linke am Sonntag ihren Status als regionale Ost-Partei verloren? Sie hat ja nicht nur in Sachsen, sondern auch in Brandenburg stark verloren?

Ja, zumindest teilweise. Die Linke hat immer davon gelebt, dass sie viele Bürger in den neuen Bundesländern als eine Identifikationspartei für den Osten wahrgenommen haben. Diesen Status hat die Linkspartei sicher nicht komplett verloren, aber die AfD hat ihr diesbezüglich klar den Rang abgelaufen.

Wen sehen Sie als Sieger der Landtagswahl?

Eindeutig die AfD. Sie hat zugelegt und zwar über die Erwartungen hinaus, die sie wohl selbst hatte. Da muss man von einem klaren Sieger sprechen.

Und die CDU?

Bei der CDU und Michael Kretschmer bin ich etwas zwiegespalten: Die CDU hat zwar gegenüber der letzten Landtagswahl viel verloren, konnte aber noch einen bemerkenswerten Endspurt hinlegen. Das sah bei der Bundestags- und bei der Europawahl sowie in den Umfragen für die sächsische CDU noch weitaus düsterer aus. Daher würde ich den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer auch als einen Sieger der Wahl einschätzen.

Die Grünen hatten auf ein zweistelliges Ergebnis gehofft. Die Umfragen waren gut, nun liegen sie doch knapp drunter. Eine Enttäuschung für die Grünen?

Es ist für die Grünen hier in Sachsen immer noch ein gutes Ergebnis. Aber sie sind natürlich unter ihren eigenen Erwartungen geblieben. Anders als etwa bei den Linken liegt ihr Ergebnis aber noch im Rahmen des Toleranzbereichs für Stimmungsbilder.

Wer wird künftig in Sachsen regieren?

Was Koalitionsmöglichkeiten anbelangt, wäre ich am Sonntagabend mehr als vorsichtig. Das hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens hat der Sächsische Wahlausschuss die AfD-Liste auf 30 Sitze begrenzt. Dagegen wird die AfD nach der Wahl vermutlich noch gerichtlich vorgehen. Diese Frage aber wird die Mehrheitsverhältnisse im Landtag beeinflussen. Bevor wir das Urteil nicht haben, ist die Koalitionsrechnerei völlig offen. Zweitens wissen wir noch nicht, wie die Verteilung der Direkt- und Überhangmandate aussehen wird.

AfD-Chef Jörg Urban strebt eine Neuwahl an, sollte seine Partei mehr Sitze erreicht haben, als sie Kandidaten aufstellen durfte. Was halten Sie davon?

Für den Bürger, wäre es sicher angenehmer, nicht noch einmal zur Urne gerufen zu werden. So kurz nach der Wahl sehe ich persönlich auch gar keinen Sinn darin.

Wäre eine Kenia-Koalition eine realistische Option?

So wie es im Moment aussieht, halte ich das für die wahrscheinlichste Option, die verhandelt werden und auch zustande kommen könnte.

Wird das schwache Abschneiden der SPD hier Auswirkungen auf die Groko in Berlin haben?

Darüber bin ich mir am Wahlabend noch nicht klar. Die sächsische SPD hat doch mit einem schlechten Ergebnis gerechnet. Ob das ausreicht, die Groko in Berlin infrage zu stellen, möchte ich bezweifeln. Zumal das Ergebnis der SPD in Brandenburg ja ganz ordentlich ist.

Zum Nachlesen: Liveticker zur Landtagswahl

Zur Wahlpräsentation: Alle Daten aus den Gemeinden und Wahlkreisen

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    cn3boj00
    10.09.2019

    Und dafür muss man Wissenschaftler sein? Na ja, manche kommen mit Zahlen nicht so zurecht, die brauchen immer Erklärer.

  • 2
    4
    Blackadder
    03.09.2019

    @HHCL: Das weiß ich auch. Vielleicht überspiele ich diese Angst hier auch nur...

  • 7
    1
    HHCL
    02.09.2019

    @Blackadder: Ich gönne es Ihnen ja, habe nur etwas Angst, dass Sie nicht der letzte sein werden, der lacht.

  • 3
    8
    Blackadder
    02.09.2019

    @HHCL: Dennoch finde ich es gut, wenn das braune Lager sich zerstreitet und gegeneinander antritt, warum auch nicht? Es gibt weiß Gott wenig, worüber man sich bei dieser Wahl freuen kann...lassen Sie mir doch das bisschen Häme.

  • 7
    4
    HHCL
    02.09.2019

    @Blackadder: "Nichtsdestotrotz hat ProChemnitz hier auch mindestens ein Direktmandat der AfD verdorben (Wahlkreis 3), weil sie mit einem Direktkandidaten angetreten sind. Weiter so!"

    Glauben Sie wirklich, dass es irgend ein Problem löst, wenn Sie sich an der "taktischen Ungeschicklichkeit" der AfD und von ProChemnitz so erfreuen? Diese Wahl ist sehr knapp gerade nochmal gut gegangen. CDU und SPD haben sich gerade noch als Sieger ins Ziel gebracht in Sachsen und Brandeburg. Die Möglichkeit, dass das beim nächsten Mal anders aussieht, ist nicht so klein.

    Es wäre wohl wichtiger über die Sache zu reden und nicht diese kindischen Spielchen zu veranstalten.

  • 8
    6
    Interessierte
    02.09.2019

    Das ist doch mal eine ehrliche Meinung ….

  • 13
    2
    HHCL
    02.09.2019

    Also, wenn ich mir so die Artikel und Schlagzeilen ansehe, müssten morgen ziemlich viele Kündigungen ausgesprochen werden, denn überall (zumindest dort wo ich nachgelesen habe) wird geschrieben das die AfD die stärksten Zugewinne für sich verbuchen konnte.

    Dieses angebliche Meinungskartell, das den Sieg der AfD verschweigt, gibt es schlicht nicht. Hier wurde keine "verschwiegene Wahrheit" ausgesprochen, die morgen den Kopf kostet.

    (Wenn ich mir die aktuellen Schlagzeilen (Montag Mittag) aber so ansehe, bekomme ich leider auch den Eindruck der Versuch der Uminterpretation der Ergebnisse hat begonnen. Das Abendblatt zeigt sich jedenfalls amüsiert über Gaulands leider zutreffende Feststellung einer der Sieger zu sein. Muss sowas sein?)

    Auch die Feststellung, dass die CDU in Sachsen und die SPD in Brandenburg die stärkste Kraft ist, ist nicht falsch. Insofern sind auch diese Parteien trotz teilweise massiver Verluste Sieger. Allerdings ziemlich lädierte Sieger. Betrachtet man die Spitzenwerte, die CDU und SPD einst hatten, kann man durchaus von einer Halbierung der Wählerzahlen sprechen. Meiner Meinung nach sollte man daher eher nachdenklich feiern und sich intensiv überlegen, woher es kommt. Bei Kretschmer habe ich allerdings das Gefühl, dass er das schon vor der Wahl getan hat, denn die Abkehr vom höfischen Benehmen, das unter Hr. Tillich praktiziert wurde, scheint mir dieser Tatsache geschuldet zu sein.

  • 3
    14
    Blackadder
    02.09.2019

    @DTRFC2005: Nichtsdestotrotz hat ProChemnitz hier auch mindestens ein Direktmandat der AfD verdorben (Wahlkreis 3), weil sie mit einem Direktkandidaten angetreten sind. Weiter so!

  • 4
    9
    DTRFC2005
    02.09.2019

    Es ist kaum zu übersehen, das die Chemnitzer AFD mit den Stimmen von PC Wählern auf 25 Prozent kommt. Hierbei vergleicht man einfach die kürzlich statt gefundene Kommunalwahl mit der Landtagswahl. Ich würde fast einschätzen, das dieses Wahlverhalten für ganz Sachsen gilt, wo bestimmte Vereinigungen und Gruppierungen wie z.B der Dritte Weg nicht zur Wahl standen.

  • 17
    11
    Lesemuffel
    02.09.2019

    Das ist mal ne klare Ansage, wer der eindeutige Sieger ist. Wenigstens eine vernünftige Beurteilung zu all denen, die Stimmenverlust in Gewinne ummünzen. Hoffentlich fällt der jetzt nicht unter den Bann und muss um seinen Job fürchten.



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