Corona: Sachsens Kliniken fehlen Intensiv-Pflegekräfte

Die Zahl der Corona-Patienten steigt - Die Krankenhäuser kommen personell bereits jetzt an Grenzen

Dresden.

Normalstationen werden derzeit zu Isolierbereichen umgebaut, Pflegekräfte aus den freien Tagen zurückgeholt: Die Lage in Sachsens Krankenhäusern ist angespannt. Größte Sorge bereitet Ärzten die wachsende Anzahl von Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Zwar gebe es zurzeit noch ausreichend Betten und medizinisches Gerät. Ein Engpass könne aber beim Pflegepersonal drohen, sagt Friedrich R. München, stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

Auf die Intensivstationen kommt eine zweite Welle zu, die jene vom Frühjahr übertreffen könnte. "Grob geschätzt fehlten bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege", sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Genaue Zahlen für Sachsen kann die Krankenhausgesellschaft nicht nennen.

Nach Angaben des Sozialministeriums werden derzeit im Freistaat 727 Corona-Patienten stationär behandelt. Laut Intensivregister vom Donnerstag liegen 158 davon auf der Intensivstation, 50 werden beatmet. Um ihre bestmögliche Behandlung zu gewährleisten, seien nach Ansicht von Friedrich München vor allem zwei Dinge erforderlich: die Verschiebung geplanter Eingriffe sowie ein flexibler Einsatz des Personals. Dazu gehöre auch die Qualifikation von Pflegekräften für den unterstützenden Einsatz in der Intensivmedizin. Doch gerade an Flexibilität fehlt es in den Kliniken. Ein Grund ist die Personaluntergrenzen-Verordnung. Sie sieht in der Intensivmedizin tagsüber eine Pflegefachkraft für 2,5 Patienten vor, in der Nacht für 3,5 Patienten. Im März wurde die Regel aufgrund der Anweisung ausgesetzt, Kapazitäten für Corona-Patienten freizuhalten - zum 1. August trat sie aber wieder in Kraft. "Die Untergrenzen müssen schnellstmöglich fallen", so München. "Dann könnte Personal fachbereichsübergreifend entsprechend des Patientenaufkommens eingesetzt werden." Pro schwer krankem Covid-Patienten auf der Intensivstation wird eigentlich eine Pflegekraft benötigt, sagt Susanne Johna von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Die Aufenthaltsdauer bei beatmeten Patienten beträgt laut Janssens zwei bis drei Wochen.

In Sachsen sind derzeit 1292 der insgesamt 1748 Intensivbetten belegt, davon 9,1 Prozent mit Corona-Patienten. Im Frühjahr hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verfügt, dass Krankenhäuser 50, später 25 Prozent der Intensivbetten für Corona-Fälle freizuhalten haben. Diese Regelung gibt es nicht mehr. Vielmehr sind die Kliniken angewiesen, gemäß der Notwendigkeit zu entscheiden. So wird beispielsweise im Klinikum Chemnitz wöchentlich eingeschätzt, wie viele Infektions- und Intensivbetten vorgehalten werden. Um ausreichend Personal für Corona-Patienten zu haben, werden dabei auch geplante Eingriffe und Aufnahmen neu bewertet. Trotz voll besetzter Stellen entstünden in einigen Bereichen aber Besetzungslücken, sagt Dirk Balster, Kaufmännischer Geschäftsführer des Chemnitzer Klinikums. Der Hauptgrund: Mitarbeiter, die unter Symptomen einer Atemwegsinfektion leiden oder Kontakt zu einem Erkrankten hatten, können erst nach negativem Testergebnis ihren Arbeitsplatz wieder besetzen. Bis dahin müssen sie zu Hause bleiben. "Bislang sind bei unseren prophylaktischen Mitarbeiter-Screenings keine Covid-19-Fälle entdeckt worden", sagt Sprecher Arndt Hellmann. Andere Kliniken in Sachsen blieben nicht verschont. "Erste Coronafälle unter Beschäftigten sind bekannt", sagt München. (mit dpa)

1414 Kommentare
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  • 7
    3
    Pelz
    31.10.2020

    Wenn sich Politik und Journalismus an der Volksmeinung orientieren würden, wäre MEINER unbedeutenden Meinung (und vieler anderer? ) nach viel getan.

  • 5
    1
    Steuerzahler
    31.10.2020

    @Kofmich: Sollten Sie Ihre Rente aufgrund der Pflege eines Familienangehörigen erhalten, würde ich Ihnen dringend einen Anlageberater empfehlen, damit Sie diese Rente gut anlegen können! Ironie aus! Sie scheinen nicht zu wissen, wie die Lage der pflegenden Familienmitglieder ist! Und Pflegegeld bekommt meines Erachtens der Pflegebedürftige, nicht der Pflegende. Oder wissen Sie da mehr?

  • 2
    2
    Kofmich
    31.10.2020

    Lisa... wer Angehörige pflegt, hat immer die Möglichkeit Pflegegeld zu beantragen. Und die Pflegezeit wird auf die Rente der Pflegeperson angerrechnet.

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    Haju
    31.10.2020

    @BuboBubo
    Exakt genauso können aber alle Branchen klagen - Sie gewinnen auch keinen einzigen Lehrer mehr, wenn Sie jetzt auch noch die Privatschulen verstaatlichen.
    Man könnte aber (z.B.) die Prozentzahl an Abiturienten UND nachfolgende Phantasiestudienfächer noch mehr abbauen, um so wieder mehr qualifizierte Lehrlinge UND Lehramts-Studenten zu bekommen.

  • 6
    1
    Lisa13
    31.10.2020

    Haju

    Um hochqualifiziertes Personal ..da muß ich lachen ...es gibt nicht nur keine Ärzte , nein es gibt in allem was das Gesundheitswesen betrifft zu wenig Personal..und mit Corona hat das schon mal gar nichts zu tun. Ein KH ist kein Industrie Betrieb, der Gewinne durch den Verkauf seiner Produkte erzielt..hier geht es um Menschen und deren Gesundheit. Solange es , laut 01/2020 105 gesetzlich KK gibt ..wo jede ihren eigen „ Wasserkopf „ hat wird sich nichts ändern .
    Und in der Pflege geht ist es noch schlimmer zu, wenn plötzlich die über 3 Millionen , pflegenden Familienangehörigen fehlen würden , und diese bekommen gar keine Bezahlung , werden noch bestraft ...wenn es nach Jahren um die eigene Rente geht ...sind sie sozial Fälle

  • 3
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    BuboBubo
    31.10.2020

    @Haju: "...hier geht es neuerdings um 'Fachkräfte für die Intensivpflege'"

    Das stimmt - bis auf das Wort "neuerdings".
    Ich plädiere weder für den Einsatz von Hartz-IV-Empfängern in der Altenpflege (mit dem jemand vor 5 Jahren dort den Pflegenotstand beenden wollte) noch für den Einsatz von Altenpflegern in der Intensivmedizin.

    Dennoch ist der Personalmangel auch in diesem Bereich ein alter Hut:

    "Nach der Befragung, an der sich 314 Krankenhäuser mit Intensivstationen beteiligten, waren dort [an Intensivstationen] im Herbst vergangenen Jahres mehr als 3000 Vollzeit-Pflegestellen vakant und können nicht besetzt werden. Das ist annähend drei Mal so viel wie vor fünf Jahren." (FAZ.net, 25.07.2017)

    Diese Erkenntnis ist drei Jahre alt. Konsequenzen? – Keine.
    Also weiter so, oder?

  • 5
    3
    Haju
    31.10.2020

    @BuboBubo
    Beim "Pflegenotstand" geht es immer um höher qualifiziertes Personal; gering qualifiziertes Personal hat schon jetzt Schwierigkeiten, einen Job zu finden.
    Beim "Pflegenotstand" war früher und auch vor 5 Jahren die Altenpflege gemeint - hier geht es neuerdings um "Fachkräfte für die Intensivpflege", da können Sie keine Altenpfleger einsetzen.
    Was machen Sie, wenn es da genügend Pfleger gäbe und Corona wieder vorbei ist? Nur bei den Parteien selbst, die Sie meinen, dürfte es immer Weiterbeschäftigungspläne geben, falls man da auf allen Ebenen verdientermaßen unter 5% fallen sollte.

  • 15
    4
    nnamhelyor
    31.10.2020

    Der "Gesundheitsexperte" und "Dauer-Talkshowgast" Lauterbach hat doch die jetztige Situation des Gesundheitswesens maßgeblich mitgestaltet. Gewinnoptimierung, massive Einsparungen und gar die Schließung jedes zweiten Standortes waren doch noch bis kurz vor C seine Lieblingsthemen!

  • 9
    7
    BuboBubo
    31.10.2020

    @Hinterfragt: "Ich kann's nicht mehr hören mit den fehlenden Pflegekräften.“

    Und? Ändert das was an den Tatsachen?

    Pflegenotstand ist ein alter Hut, hat bisher aber nur die Betroffenen ernsthaft interessiert.

    Schlagzeile in der FP vor 5 Jahren: "600 Pflegestellen in Sachsen unbesetzt"
    Kommentar damals: "Ich habe da einen Tipp : Es gibt um die 3 Millionen Arbeitslose. Und es gibt um die 3 Millionen Hartz IV - Empfänger. Dort müßten doch 600 Pfleger zu finden sein ..." - Hat scheinbar nicht geholfen.

    Jetzt schlägt das Problem direkt auf die Spaßgesellschaft zurück und stößt damit auf breiteres Interesse, zumindest eine Zeit lang. Mit weiteren klugen Ratschlägen ist daher zu rechnen.

    Da eine grundlegende Lösung des Problems letztlich den eigenen Gelbeutel angreifen wird, dürften die Sympathien für das Pflegepersonal spätestens zur nächsten Wahl wieder abgeklungen sein.

    Es gibt übrigens Parteien, die eine Ent-Ökonomisierung des Gesundheitswesens im Programm haben...

  • 21
    0
    Manara4
    31.10.2020

    Die Kliniken können kaum mehr für Personal bezahlen, da sie verpflichtet sind in Infrastruktur zu investieren. Deshalb auch die heftige Abwehr zu Sonderzahlungen an das Pflegepersonal. Es gibt auch andere Gründe für die Gegenwehr, doch dieser Grund ist der Wesentliche.
    Im Juli 2019 gab die Bertelsmann Stiftung eine Studie heraus, in der eine Reduzierung der Kliniken in Deutschland von 1400 auf 600 vorgeschlagen, gefordert und verlangt wird. Es geht um Kostenreduzierung. Es gibt keine Studie für einen Ausbau der Gesundheitsversorgung. Nach 1990 wurden Kliniken geschlossen, neue entstanden kaum, viele wurden privatisiert, sind also profitorientiert. Wo Gewinne der Maßstab sind, kann es keine ausreichende Basis für Volksgesundheit geben. Der Föderalismus und die Konkurenz in den Städten und Gemeinden tut seinen Teil dazu. Der Staat sollte Ärzte langfristig ausbilden, verpflichtend anstellen, perspektivisch fachspezifisch geplant und dafür sorgen, daß alle in eine Krankenkasse einzahlen.

  • 30
    3
    Manara4
    31.10.2020

    Es ist ein Schrecken mit Ansage. Selbstverständlich muß jetzt reagiert werden. Jedoch wird kaum über die Vorgeschichte und wie es scheint über die Zukunft des Gesundheitswesens gesprochen. Es gibt keine gesteuerte Koordinierung der Verteilung von Ärzten. Einzig die staatliche Zulassung, die sich leider nur an den maximalen Stellen orientiert und nicht an den Bedarfen. Deshalb fehlen in großen Regionen Deutschlands Hausärzte, Fachärzte Spezialisten. Gab es eine Zeit in der Gesundheitsversorgung für alle kostenfrei flächendeckend angeboten wurde, folgte darauf eine an Profit orientierte Zweiklassenmedizin gestützt durch Krankenkassen in steter Konkurenz. Dort werden Gelder verschwendet für die zigfachen Verwaltungsapperate. Dazu kommt im Osten der Abbau der Polikliniken, das Abwerben von Krankenschwestern und Ärzten durch bessere Löhne und garantierte Arbeitsplätze nach Westen, z.B. Bayern. Erst nach 2000 entstanden wieder Ärztehäuser.

  • 34
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    Steuerzahler
    31.10.2020

    Vollkommen richtig, Hinterfragt! Und wie immer wird niemand von den dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen! Jeder „kleine“ Arbeiter würde bei solch einer Fehlleistung auf die Straße gesetzt. Wieviel Krankenhäuser wurden geschlossen und Personal damit frei? Für jeden musste klar sein, dass das derzeitige, pandemische Szenario irgendwann eintreten konnte. Aber das Aufkommen an Steuern und Abgaben wurde lieber anderweitig verschenkt, obwohl Deutschland ggü. den anderen Ländern der EU ( vgl. z. B. Österreich) beispielsweise minimale Renten zahlt. Es ist einfach nur beschämend! Aber spätestens zur nächsten Wahl ist alles vergessen!

  • 45
    4
    Kofmich
    31.10.2020

    @ hinterfragt, das kann ich nur bestätigen...für den herrschenden Mangel an Pflegekräften hat doch die Politik in den vergangenen Jahren alles dafür getan, dass jetzt diese Zustände herrschen. Kranke Mitarbeiter und Mitarbeiter im Urlaub gab es schon immer. Das hat nichts mit Corona zu tun..vieviele Pflegekräfte sind in die alten Bundesländer abgewandert. Ich gehörte auch dazu. Keiner wollte uns haben und wenn dann für einen Hungerlohn. Heute haben wir die Folgen. Mein Mitleid hält sich arg in Grenzen. Es ist nur bedauerlich für alle Patienten und Heimbewohner welche diese Situationen zu spüren bekommen. Die Pflege war immer ein Dreck wert. Seit Corona wird die Pflege plötzlich so gewertschätzt. Hoffentlich werden die Pflegekräfte endlich auch mal entsprechend entlohnt. Denn auch darin spiegelt sich die angebliche Wertschätzung wieder.

  • 47
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    Hinterfragt
    30.10.2020

    Ich kann's nicht mehr hören mit den fehlenden Pflegekräften.
    Es ist doch ein absoluter HAUSGEMACHTER Zustand!

    Man hat ja in den letzten Jahren an allen Ecken und Enden des GW massiv eingespart und das rächt sich jetzt.
    Es ging nur noch darum möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, der Patient stand bei den Entscheidungen ganz hinten.

    Das jetzt alles auf Corona zu schieben ist einfach Lüge und Ablenkung von Managementfehlern der letzten Jahre/ Jahrzehnte.
    Derzeit (Stand gestern Abend) werden gerade mal 10% der Intensivbetten für Coronapatienten *reserviert*, im Frühjahr waren es 50%. (Quelle: https://www.tvnow.de/shows/rtl-nachtjournal-290/2020-10/episode-211-sendung-vom-30-10-2020-3571939, Minute 05:08)