Sie kommen langsam näher

Manche Fußballroboter fallen um oder finden den Ball nicht. Doch wie die Weltelite beim Robocup in Leipzig gezeigt hat, gelingen die Bewegungen und Spielzüge immer besser.

Leipzig.

Erstes Spiel des Tages, Carlos und Kenzo rechnen sich Chancen aus. Seit 14 Jahren kämpft die Universidad de Chile aus Santiago im Roboter-Fußball um den Weltmeistertitel. Bei den jüngsten Turnieren, die mal in Mexiko, mal in Singapur, mal in Brasilien oder China stattfinden, immer jährlich, erreichten sie die Halbfinals.

Doch was passiert in Leipzig? Anpfiff, Chiles Kicker orientierungslos, sehen den Ball nicht. Hamburg gewinnt. "Als der Ball orange war, war es einfach", sagt Carlos Celemin, Kolumbianer und Doktorand der Elektrotechnik. "Jetzt ist er schwarz-weiß, zum ersten Mal. Der Roboter muss ihn von den Linien auf dem Feld und von hell-dunklen Flächen unterscheiden. Viel schwerer!" Ob sie das noch hinbekommen?

Seit 1997 gibt es den Robocup, jedes Jahr werden die Schrauben ein bisschen weiter angezogen. Gestern ging in Leipzig die jüngste Auflage der WM zu Ende. Chile startete in der Standard-Plattform- (SPL-) und der Heimroboter-Liga. In der SPL wird mit putzigen humanoiden Robotern gespielt, französisches Fabrikat, Name "Nao", knapp 60 Zentimeter hoch, Stückpreis bei 7000 Euro. Drinnen werkelt ein Intel-Atom-Prozessor wie im Notebook. Vor Nao war der Aibo von Sony das Standardgerät, ein Roboterhund, der nicht mehr hergestellt wird.

Die Software des Nao wird von den Teams durch eigenen Code ersetzt. Nicht jede Zeile ist von Hand programmiert. Seit einigen Jahren lernen die Roboter selbst. Um ihnen beizubringen, wie ein Ball aussieht, lässt man sie tausende Fotos von Bällen analysieren: die "Deep-learning"-Methode. Mal einfach gesagt.

In der Standardliga ist ein Heimteam aus Leipzig am Start, das einzige aus Sachsen. Seit 2009 nimmt die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) am Robocup teil und spielt immer unter den Besten mit. Diesmal traten sie erst einmal nicht in der Messehalle 2 an, wie die Chilenen, sondern in der Mittelhalle, wo die Bedingungen am extremsten sind. Beim Robocup heißt das "Technical Challenge": Tageslicht, Sonne und Wolken über dem gläsernen Gewölbe, viel weniger berechenbar als das Kunstlicht in den Seitenhallen. Außerdem haben sie hier Kunstrasen ausgelegt, der den Gang des Roboters erschwert.

Anpfiff: HTWK Leipzig gegen Tongji-Universität Shanghai. Zwei mal zehn Minuten Spielzeit. Je fünf Roboter in blauen und roten Leibchen stehen in Positur. Wer den Anpfiff erkennt, darf gleich losspielen. Weil das nicht allen gelingt, kommt nach 15 Sekunden ein Signal per W-Lan als freundlicher Schubs. Das macht sie helle. Autonom, also ohne jeden Eingriff von außen (eben nicht "ferngesteuert") staksen sie über das Feld und versuchen, Tore zu schießen.

Leipzig gerät sofort in Not: Die HTWK-Roboter fassen keinen Tritt. "Fallen Robot!" - "umgefallener Roboter!" ruft der Schiedsrichter ein ums andere Mal, marschiert in Socken auf das Feld, hebt ein desorientiertes Nao-Männchen hoch und platziert es am Rand. Für Minuten stehen fünf chinesische Roboter auf dem Feld und kein Leipziger mehr. Das Tongji-Team schießt und punktet.

Man dürfe den Leipziger Teamchef Rico Tilgner jetzt keinesfalls ansprechen, warnt Hannes Hinerasky, der von den Leipzigern eigens dafür abgestellt wurde, den vielen Zaungästen das Spiel zu erklären. Tilgner, lichtes Haar mit Pferdeschwanz, sprintet barfuß vom Spielfeld zum Teamplatz, wo einige Leipziger im Schneidersitz vor ihren Laptops sitzen und versuchen, die Programmierung der Roboter aufzumöbeln. "Irgendjemand hat eine einzige sch... Zeile geändert!" beschwert sich einer. "Kommt, wir spielen die Vorversion wieder auf!"

Leipzig nimmt eine Auszeit, Time Out, pro Match einmal erlaubt, wenn es "kritische Probleme" gibt. Hinerasky: "Die Roboter haben keine Sohle. Sie sinken ein und rutschen weg, wenn sie auf einem Bein stehen. Das müssen wir ausbalancieren. Wir feilen seit zwei Jahren daran, haben extra einen identischen Teppich für das Institut angeschafft. Im Training mit einem Roboter hat es geklappt. Aber hier..."

Während die Leipziger also darum kämpfen, ihrer Roboter-Elf den verlorenen aufrechten Gang zurückzubringen, sieht Patrick van Brakel den ersten Auftritt seines Teams aus Eindhoven mit Wohlgefallen. Ob die Niederländer sich Chancen ausrechneten? "Also, die letzten acht Jahre haben wir im Finale gespielt..." Zu den Stars des Robocups gehört auch das Team "B-Human" der Universität Bremen. Man hört, dass Teile der Bremer Software auch anderen Naos Leben einhauchen, weil sie so gut ist. Zwar benutzt jedes Team der Standardliga denselben Nao-Typ, Version Fünf. Ihr programmiertes Verhalten variiert erheblich. Typisch für die Leipziger: eine Armhaltung hinter dem Körper, die mit den ZweikampfEigenschaften zu tun hat, wie Hannes Hinerasky sagt: "Die haken sich nicht so leicht fest." Bremer Naos nehmen die Arme im Spiel nur bei Berührung kurz nach hinten. Kooperieren die Teams untereinander? Manche ja, manche nein. Es gibt Geheimniskrämer, die mit ihren Lösungen gerade nicht hausieren gehen, und solche, die sich gerne in die Karten schauen lassen. Am Ende jedes Robocups steht ein Symposium.

Lernen, Entwicklungen vorantreiben, die Öffentlichkeit begeistern, Nachwuchs gewinnen - das sind Ziele des Robocups. 3500 Teilnehmer, darunter 600 Frauen, aus 45 Ländern von sechs Kontinenten sind nach Leipzig gekommen. Nicht alle haben Roboter dabei. Omar Al Zaabi und Saif Ahli aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gehen mit Stift, Papier und Kamera herum. Omar ist zwölf, Saif 15 Jahre alt. "Wir wollen alles wissen: Wie der Wettbewerb läuft, wie die Teams sich vorbereiten", sagen sie auf Englisch. Gerade haben sie einen Studenten aus Taiwan interviewt, der für seine Auskünfte eine Anstecknadel mit Staatsemblem erhält.

"Die Schüler haben bei uns zu Hause einen Wettbewerb mit Lego-Robotern gewonnen", erklärt ihr Begleiter Khalid Alhosani, Informatiklehrer aus dem Emirat Sharjah. "Unser Land möchte sich in der Robotik stärker engagieren und Roboter in unsere Schulen bringen. Wir wollen zwei bis drei Roboter für jede Schule, und Wettbewerbe wie diesen." In den Emiraten fange die allgemeine Informatikausbildung in der sechsten Klasse an, sagt Alhosani, der die Programmiersprache Java in höheren Klassen unterrichtet. "Nächstes Jahr, so Gott will, kommen wir auch zum Robocup und werden, Inshallah, gewinnen." Ob man noch Fragen habe?, schließt er freundlich. Anstecknadel, alles Gute. Dann geht er weiter mit seinen Schülern, um zu sehen, zu fragen und zu lernen.

"Time Out Blue!" Das Spiel der Leipziger gegen die Chinesen steht still, das blaue Team der HTWK bekommt ein Software-Update aufgespielt. Die Tongji-Chinesen haben ihre Roboter am Spielfeldrand abgelegt und beugen sich darüber, um mit bunten kleinen Lüftern die Gelenke zu kühlen. Sieht aus wie Massage, denken alle, weil die Naos doch so menschlich wirken. Als es weitergeht, gelingt es Leipzig nicht, in das Spiel noch einmal einzugreifen. Die Naos fallen, kugeln an der Seitenlinie herum, haben aber auch Vorteile: "Den Ball sehen wir besser."

Die Ballerkennung kriegen später am Tag auch die Chilenen hin. Im Spiel gegen die "U-Pennalizers" aus Pennsylvania sehen die US-Amerikaner keinen Stich. Als das Team der Universidad de Chile danach die Bembelbots aus Frankfurt/Main mit 5:0 vom Platz fegt, ist die Tribüne am Spielfeld in der Messehalle 2 eng besetzt, und die Zuschauer spenden begeistert Beifall. Ein großer Monitor über dem Feld zeigt die Bilder bis in die obersten Reihen. Zwei Teilnehmer kommentieren fachkundig das Spiel.

Im Auftritt der Chilenen ist der Fortschritt der vergangenen Jahre zu erkennen: Die Nao-Mannschaft, nach dem Anpfiff komplett auf sich allein gestellt, interagiert, kommuniziert, spielt planvoll nach vorn. Die Roboter erkennen sich gegenseitig und passen ihr Verhalten der Spielsituation an. Die Mechanik der Bewegungen und der Schüsse mag noch lahm und ungelenk wirken. Aber die Rechenleistung, das Potenzial, ist Schwindel erregend.

Das chilenische Team gelangt am Ende bis ins Spiel um Platz 3, wo es sich einem letzten Gegner geschlagen geben muss: Dem Leipziger Team der HTWK, das auf Standarduntergrund seine angestammte Stärke ausspielen kann. Den Weltmeistertitel in der Standardliga fährt das Bremer Team "B-Human" ein.

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