Unter Leuten

In einem Dorf bei Riesa leben Familien, Singles und Rentner auf einem alten Rittergut zusammen. Was als Wohnprojekt begann, ist längst eine Gemeinschaft, in der auch eine 70-Jährige noch einmal Kind sein darf.

Jahnishausen.

Schaukeln macht glücklich. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Das weiß Inka Engler mittlerweile. Und so verwundert es nicht, dass die 70-Jährige ihren Mittagsspaziergang über das Gelände des einstigen Rittergutes in Jahnishausen kurzerhand unterbricht, sich auf eine der Schaukeln schwingt, deren dicke Seilen an den Bäumen hängen. Der Wind peitscht das Lachen der kleinen Frau über das dreieinhalb Hektar große Grundstück, Sonnenstrahlen tauchen das Gras in ein leuchtendes Grün. Wenn man Glück greifen könnte, man hätte in diesem Moment die Gelegenheit.

Für Inka Engler ist im beschaulichen Riesaer Ortsteil Jahnishausen ein Traum wahr geworden. Der Wunsch vom Leben in einer großen Gemeinschaft, die Hoffnung auf ein Altwerden in guter Gesellschaft. Seit 20 Jahren lebt Engler auf dem Rittergut, das einst auch Jagdschloss von Sachsens Königen war. Mittlerweile hat Engler fast 50 Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Die jüngste ist ein halbes Jahr, die älteste 86. Sie alle sind Teil der Lebenstraum-Gemeinschaft. Dahinter steht ein Projekt, das Menschen versammelt, die keine Lust mehr auf ein Leben in einer Reihenhaussiedlung haben. Menschen, die mit konventionellen Vorstellungen von Familie und Alltag nichts anfangen können, ihren Platz in einer generationsübergreifenden Wohngemeinschaft sehen.

"Eigentlich begann alles mit einer Seminarreihe, die ich mit anderen Frauen besuchte", erzählt Inka Engler. Dort wurden sie und ihre Begleiterinnen mit der Frage konfrontiert, wie sie alt werden wollen. Ein Impuls, der weitere Gedanken anstieß. "Wir stellten fest, dass wir nicht einfach in das Alter stolpern, sondern mit Menschen zusammenleben wollten, die wir uns selbst aussuchen." Und schon war die Idee von einer Wohngemeinschaft geboren.

Die sieben Frauen, die bis dahin verteilt in ganz Deutschland lebten, gründeten eine Genossenschaft und nahmen ein Grundstück im Fläming in Brandenburg ins Visier. Doch das war nicht zu haben. Später stießen sie in Sachsen auf das alte Rittergut in Jahnishausen. Das Gelände in der dörflichen Gegend etwas außerhalb der 30.000-Einwohner-Stadt Riesa erfüllte alle Anforderungen. "Wir wollten nicht nur Platz für eine Wohngemeinschaft, sondern auch genügend Land und Freiraum für unsere Selbstverwirklichung", sagt Inka Engler.

Noch heute kann sie sich an die Versteigerung des Gutes im Jahr 2001 in Dresden erinnern. "Es boten ein paar Leute mit, das war wie ein Krimi. Wir glaubten schon, wir würden das Grundstück nicht bekommen, doch plötzlich gehörte es uns." Für rund 160.000 Deutsche Mark ging das Gelände in Jahnishausen in den Besitz der Genossenschaft über.

Fast zwei Jahrzehnte später hat sich das ehemalige Rittergut deutlich verändert. Die einst verfallenden Stallgebäude strahlen heute in Gelb und Orange, Terrakottatöpfe mit Blumen und Kräutern schmücken das Gelände. Am Torhaus zum Schloss stehen Fahrräder und Kinderwagen in einer Reihe. Hin und wieder blicken Katzenaugen hinter den dicken Baumstämmen hervor.

Etwas abseits des Hofes erstreckt sich ein rund ein Hektar großes Gemüsefeld, das gerade mit Winterspinat bestellt ist. Im Sommer wachsen dort Tomaten, Zucchini, Brokkoli, Mais, Kartoffeln, Erdbeeren und vieles mehr. Was im Garten angebaut wird, reicht, um die ganze Gemeinschaft zu versorgen. "Im Winter müssen wir natürlich zukaufen", erklärt Inka Engler. "Aber im Sommer ernähren wir uns vor allem aus unserem Garten, der schon seit 2002 von einer Gärtnerin für uns bewirtschaftet wird." Das Essen spielt eine große Rolle. Jeden Tag um 13 Uhr kommen die Bewohner zusammen, um gemeinsam das Mittagsmahl einzunehmen. Meist kümmert sich ein Team aus mehreren Personen um das Essen, immerhin wollen oft rund 30 Menschen versorgt werden.

Mittagszeit in Jahnishausen ist auch Plauderzeit. Die Bewohner der Gemeinschaft sitzen in kleinen Gruppen zusammen, spießen mit ihren Gabeln ein paar Nudeln aus der Tomatensoße und tauschen Neuigkeiten aus. Mit dabei ist auch Martin Tritschler. Der Sozialpädagoge lebt seit Dezember 2016 in Jahnishausen, mittlerweile ist er zweifacher Vater. Bevor er mit seiner Frau Teil der Lebenstraum-Gemeinschaft wurde, war er drauf und dran, sich ein klassisches Familienleben einzurichten. "Wir haben damals ernsthaft überlegt, ein Haus zu bauen", erinnert sich der 35-Jährige. "Doch dann haben wir festgestellt, dass wir dabei waren, uns ein richtiges Spießerleben einzurichten."

Statt für ein Haus entschied sich das junge Paar für die Wohngemeinschaft in Jahnishausen. Eine Wahl, die Tritschler, der aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, bis heute nicht bereut. "Natürlich bringt so ein Leben, wie wir es hier führen, auch zusätzliche Stressfaktoren rein. Immerhin leben hier 50 Leute zusammen, die alle ihre eigenen Emotionen und Spannungen in die Gemeinschaft tragen." Doch all diese Menschen sind zugleich ein Rückhalt für die junge Familie. "Wir können die Kinder jederzeit auch mal für ein paar Stunden bei den älteren Leuten lassen." Die Unterstützung der Gemeinschaft war es auch, die Tritschlers Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichterte. "Meine Frau konnte schon nach einem Jahr wieder Teilzeit arbeiten gehen, ohne unsere Tochter in die Betreuung geben zu müssen."

Doch so sehr Martin Tritschler das Leben in der Gemeinschaft schätzt. Er weiß, dass es für ihn und seine Familie irgendwann ein Ende finden wird. "Für die Kinder ist es momentan das Beste. Ich glaube, dass sie andere soziale Kompetenzen entwickeln als andere Kinder in ihrem Alter", sagt Tritschler. "Aber Kinder werden irgendwann Jugendliche, die etwas unternehmen wollen. Da ist die Pampa nicht der Hit."

Um den richtigen Moment für den Absprung nicht zu verpassen, hat Martin Tritschler einen persönlichen Prüfstein im Kopf. "Wenn ich irgendwo unterwegs bin und durch eine Wohnsiedlung laufe, dann frage ich mich immer: 'Wenn ich jetzt so ein Eigenheim geschenkt bekäme, würde ich das dem Leben in der Gemeinschaft mit all seinen Kosten vorziehen?'" Noch ist die Antwort: ein deutliches Nein.

Inka Engler dagegen ist sich sicher, in Jahnishausen den perfekten Ort für ihren Lebensabend gefunden zu haben. Wie wichtig die Gemeinschaft im Alter sein kann, hat die ehemalige Hebamme erst im vergangenen Jahr erfahren müssen. "Zwei Mitmenschen haben uns für immer verlassen. Doch beide hatten das Glück, bei uns sterben zu können. Bis zum Schluss hat sich die Gemeinschaft um sie gekümmert."

Das Leben genießen - bis zum Schluss. Es ist einer der unausgesprochenen Grundsätze, auf denen die Lebenstraum-Gemeinschaft aufbaut. In den 20 Jahren seit der Ersteigerung des Rittergutes haben Inka Engler und ihre Mitstreiterinnen einen Ort geschaffen, an dem sich Menschen noch einmal neu erfinden können - ganz unabhängig von ihrem Alter und ihrem Beruf.

"Man entdeckt hier neue Rollen. Körper, Geist und Seele können sich maximal entfalten", sagt Kathrin Schanze. Die 55-Jährige wohnt seit einem halben Jahr in Jahnishausen. Besonders die Durchmischung der Generationen, das Leben mit Kindern, anderen Berufstätigen und Rentnern begeistern sie. "Ich bin hier umgeben von Menschen, kann gemeinsam mit ihnen draußen im Garten arbeiten, aber auch hochphilosophische Gespräche führen."

Doch damit die Gemeinschaft auch weiterhin funktioniert, gelten für Neuankömmlinge strenge Regeln. "Wer sich für die Gemeinschaft interessiert, sollte anfangs immer mal wieder vorbeikommen und für ein paar Wochen hier leben", sagt Inka Engler. Wer dann immer noch Interesse hat, kann einziehen. Zunächst aber ein Jahr auf Probe. Erst dann entscheiden beide Seiten, ob es gemeinsam weitergehen soll.

Erst dann wird die Einlage in die Genossenschaft fällig. Mindestens 7750 Euro muss ein neues Mitglied beisteuern. Für das Geld bekommt man 25 Quadratmeter privaten Wohnraum und wird zum Mitbesitzer all dessen, was der Lebenstraum-Gemeinschaft gehört. Wer mehr Wohnraum will, muss mehr Geld in die Genossenschaft einlegen. Miete zahlt man extra, für zehn Quadratmeter etwa 100 Euro.

"Wir sind keine billige Gemeinschaft", sagt Inka Engler. "Aber wir haben auch viel zu bieten." In Zukunft vielleicht sogar eine eigene Schule. Noch ist es zwar nur ein Gedankenspiel, aber in der Vergangenheit haben in Jahnishausen schon einige solcher Überlegungen zu Resultaten geführt. Eine der jüngsten Ideen kommt von Martin Tritschler und seiner Frau, die gemeinsam mit anderen Eltern überlegen, eine Schule zu gründen. Und vielleicht kann dies auch dazu beitragen, Martin Tritschler und seine Familie noch ein paar Jahre an das Leben in Jahnishausen zu binden.

Falls doch jemand die Gemeinschaft verlassen will, wird er von niemandem aufgehalten. Seine Einlage in die Genossenschaft bekommt er nach fünf Jahren zurück. "Wenn die Genossenschaft das Geld gerade hat, kann es auch schneller gehen", sagt Inka Engler. "Die lange Kündigungsfrist ist aber eingeführt worden, um dem Fall vorzubeugen, dass uns mehrere Mitglieder gleichzeitig verlassen und die Genossenschaft dann kein Geld mehr hat." Doch die Abgänge halten sich in Grenzen, seit Jahren liegt die Mitgliederanzahl um die 50 Personen. Die Gemeinschaft scheint ihre Größe gefunden zu haben.

Inka Engler ist einst nach Jahnishausen gekommen, um mit anderen Menschen gemeinsam alt zu werden. Damals war sie 50. Heute ist sie 70 und schwingt sich im Garten wie ein Kind auf die Schaukel. (sz)

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