Unter Volldampf an die Ostsee

Sachsens jüngster Eisenbahnverein plant ein ungewöhnliches Projekt. Wie in den 1970er-Jahren wollen die Mitglieder mit einem Dampflok-Schnellzug von Dresden nach Rügen und zurück fahren - an nur einem Tag.

Bockau/Dresden.

Sie sind jung, haben weder ein Vereinsdomizil noch Dampfloks sowie Wagen - und planen dennoch eine große Tour. Die Sonderfahrt, die die rund 20 Mitglieder des Vereins Nostalgiezugreisen Lipsia organisieren, hat es wohl seit der Wende nicht gegeben. Es geht am 25. Mai von Dresden über Berlin und Stralsund auf die Insel Rügen, nach Binz. An einem Tag hin und zurück. Die Besonderheit: Gefahren wird, wie Vereinsmitglied Jakob Leichsenring erklärt, mit zwei authentischen Dampfloks und einem reichlichen Dutzend Wagen - so, wie die Züge einst in den 1970er-Jahren an die Ostsee gerollt sind.

"Man hat uns anfangs für verrückt erklärt, denn wir bewegen uns an der Grenze des Machbaren. Aber die Buchungen der Fahrgäste sprechen für sich", erzählt Leichsenring. Er ist 20 Jahre alt, lebt in Bockau bei Aue und studiert in Zwickau Verkehrssystemtechnik. Die meisten seiner Vereinskollegen sind nicht viel älter. Der Durchschnitt liegt bei 25 Jahren. "Der Älteste ist 34 Jahre alt, der Jüngste 15", sagt er. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Die Eisenbahnfreaks kommen aus Leipzig, Dresden, dem Erzgebirge, aber auch aus Suhl und Halle. Kommuniziert wird vor allem über Internet und Telefon - oder eben bei einem der Mitglieder zu Hause.

"Einen so jungen Verein gibt es nicht noch mal in Sachsen", ist Leichsenring überzeugt. Auf bisherigen Sonderfahrten hätten die Leute immer gestaunt. Schließlich sind Eisenbahnvereine meist eher eine Domäne von Männern mit deutlich höherem Altersdurchschnitt. Leichsenring muss dann lachen: "Nein, bei uns ist das nicht so."

Doch wie kam die Idee für den Verein, der seinen Sitz in Leipzig hat, zustande? Leichsenring zufolge hat vor allem der Zufall mitgespielt. Er habe sich schon von Kindesbeinen an zu Dampfloks hingezogen gefühlt, sagt er. "Irgendwann ist man einmal mitgefahren, und da war die Begeisterung vollends da." Über die sozialen Medien kamen Kontakte zu Gleichgesinnten zustande. Zusammengefunden haben sie sich dann 2016 bei einer Sonderzugfahrt eines Vereins aus Hessen. Dort entstand die Idee für ein Dampfloktreffen mit Fahrt ins fränkische Neuenmarkt-Wirsberg. Die Fans aus Sachsen halfen mit, die Tour auf die Beine zu stellen. 2017 wurde die Vereinsgründung in Leipzig besiegelt.

Seitdem haben die Lipsia-Mitglieder bereits ein paar Dampflokzugreisen durchgeführt. Nach Quedlinburg ging es etwa, und von Zwickau nach Weimar. Bei der Technik sind sie auf die Zusammenarbeit mit anderen Vereinen oder Eisenbahnmuseen angewiesen. Gut zehn solcher Vereine, die auch eigene Fahrzeuge haben, existieren im Freistaat. Die Sonderfahrten sind für sie wichtig, um den Erhalt des historischen Materials zu sichern. "Das ist nicht ganz billig. Um die Kosten reinzubekommen, muss man die Züge einsetzen", erklärt Sebastian Liske, erster Vorsitzender der Interessengemeinschaft Traditionslok 58 3047 eV in Glauchau. Mit den Westsachsen arbeiten die Lipsianer bei ihrem Rügen-Projekt zusammen - die Glauchauer stellen eine der beiden Dampfloks. Liske lobt das Vorhaben: "Es ist schon etwas besonderes, einen solchen historischen Schnellzug nachzubilden."

Die Idee für die Tour an die Ostsee, "bei der wir auf jeden Fall die 1000 Kilometer knacken", wie Leichsenring sagt, stammt von seinem Leipziger Vereinskollegen Philipp Hoffmann (17). Seit Oktober vorigen Jahres sind die jungen Leute mit den Vorbereitungen beschäftigt.

Die Züge von Dresden an die Ostsee wurden einst in zwei Etappen gefahren. In Berlin wurde die Lok gewechselt. Der Lipsia-Verein orientiert sich bei der Fahrt am Fahrplan von 1979. "Was aber nur bedingt funktioniert, denn die Infrastruktur ist heute gar nicht mehr vorhanden", schränkt Leichsenring ein. Gemeint sind die Wasserkräne an den Gleisen. In Elsterwerda und Pasewalk müssen die Loks Wasser nachladen. Die Feuerwehr wird das übernehmen, doch das dauere länger.

Auch Rückschläge mussten die Tour-Planer einstecken. Die ursprünglich vorgesehene Schnellzugdampflok der Baureihe 01, die der Verein organisiert hatte, muss für längere Zeit in die Werkstatt. Nun kommt eine Lok des Glauchauer Vereins (Baureihe 35.10) zum Einsatz. Loks dieser Baureihe wurden einst als Reserveloks auf der Schnellzugstrecke Dresden-Berlin genutzt. "Sie ist also auch authentisch", sagt Leichsenring. Das 60 Jahre alte Dampfross des Glauchauer Vereins schafft Spitzentempo 110 und ist damit zwar etwas langsamer. "Wenn die Lok aber einmal in Fahrt ist, rollt sie." Den zweiten Teil der Fahrt ab Berlin soll eine Dampflok der Baureihe 03 übernehmen, Spitzentempo 140. Ein Verein aus Halle stellt sie. Sie habe auch in den 1970ern schon Schnellzüge durchs Flachland gezogen, erklärt Leichsenring.

Früh um fünf Uhr will der Verein in Dresden starten, die Rückfahrt wird gegen 17 Uhr angetreten. Um ein Uhr nachts soll der Zug wieder in Dresden ankommen. Zwischendrin werden Leichsenring und seine Mitstreiter gut zu tun haben: Fahrkarten kontrollieren, in den zwei Mitropa-Speisewagen ausschenken und den maximal 500 Fahrgästen "Rede und Antwort stehen". Derzeit laufe der Fahrkartenverkauf. Sorge, dass nicht genügend Mitreisende zusammenkommen, um die Kosten zu decken, hat Leichsenring aber nicht. Es hätten sich Interessenten aus der ganzen Welt angemeldet, etwa aus England, Österreich, Schweiz, Norwegen und sogar aus Japan.

www.nostalgiezugreisen-lipsia.de

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Freigeist14
    08.04.2019

    Immerhin schaffen die Bahn-Enthusiasten ,was die Bahn heute schon lange nicht mehr kann und will : Ohne Umsteigen und schnell von Sachsen an die Ostsee .



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