Viele Sachsen können sich nur eine teilsanierte Wohnung leisten

Für rund jeden fünften Haushalt im Freistaat ist eine altersgerecht umgebaute oder topsanierte Altbau-Wohnung unerschwinglich - Tendenz steigend.

Chemnitz.

Geschätzt 20 Prozent der Haushalte in Sachsen sind aufgrund der Höhe ihres Einkommens "armutsgefährdet": Die absolute Schmerzgrenze bei der Nettokaltmiete liegt bei ihnen zwischen 3,88 und 4,82 Euro je Quadratmeter im Monat. Das betrifft vor allem allein lebende Rentner, Single-Haushalte und Alleinerziehende mit niedrigem Einkommen sowie Familien mit mehreren Kindern, bei denen ein Elternteil zu Hause bleibt. Das geht aus einer Studie des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG) hervor.

Für diese Erhebung hat der VSWG 30 verschiedene Fallgruppen untersucht, wie teuer bezahlbarer Wohnraum sein darf. Während sich demnach sächsische Doppelverdiener-Paare ohne Kinder rechnerisch eine Kaltmiete von bis zu 14,18 Euro leisten können, sind es bei einem alleinstehenden Rentner gerade einmal 3,88 Euro oder bei Alleinerziehenden in Teilzeit mit Kind 4,14 Euro. "Für diesen armutsgefährdeten Personenkreis beschränkt sich das Wohnungsangebot auf bestimmte Vermieter, Regionen und Quartiere", sagte VSWG-Chef Axel Viehweger am Montag. Barrierefreie, komplett modernisierte oder energetisch sanierte Wohnungen könnten sich diese Mieter nicht leisten, da derartige Umbauten die Nettokaltmiete auf bis zu 8,50 Euro hochtreiben würden. "Das ist selbst für einen Großteil der Sachsen zu viel, deren Obergrenze bei 6,50 Euro liegt", sagte Viehweger. "Es kann doch aber gesellschaftlich nicht gewollt sein, dass all diese Menschen ausziehen müssten, wenn deren Wohnung auf den neuesten Stand gebracht würde." Dabei werde dieses Problem noch zunehmen, weil unter anderem die Renten sinken.

Doch auch Familien mit mehreren Kindern haben es laut VSWG in Sachsen sehr schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden, weil früher meist kleiner gebaut worden sei. Deshalb komme oft nur ein Neubau infrage, der aber mit durchschnittlich 10,48 Euro pro Quadratmeter kalkuliert werden müsse. Da das Bauen zudem immer teurer wird, fordert Viehweger eine Absenkung bestehender Bau-Normen und individuell angepasste Zuschüsse. So sei zum Beispiel die Nachrüstung mit Fahrstühlen nur förderfähig, wenn diese auf der Wohnungsebene hielten. Dabei wäre für die meisten Mieter auch ein Halt auf halber Treppe akzeptabel. "Das wäre viel billiger."

Es könnte weitere Verlierer auf dem Wohnungsmarkt geben 

In seiner Studie hat der VSWG neben der Miete die Aufwendungen für Warmwasser, Heizung und Strom berücksichtigt. Die Prämisse: Ein Haushalt kann maximal 35 Prozent vom Nettoeinkommen dafür aufwenden.

Neben den "Armutsgefährdeten" gibt es auch "Versteckte Verlierer". Das sind Haushalte, die zwar zwischen 4,82 und 6,77 Euro Nettokaltmiete für Bestandswohnungen zahlen können. Die 4,82 Euro entsprechen aber einer kalkulatorischen Miete in Höhe von 6,77 Euro, die ein Investor bei Kauf dieser Wohnungen verlangen würde, weil er alle Kostensteigerungen einpreist. Langfristig nähern sich die Bestandsmieten bei Mieterwechseln an die kalkulatorischen an. Viele, die umziehen, werden sich also ihren Wohnstandard nicht mehr leisten können, wenn ihre Einkommen nicht auch entsprechend steigen.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 9
    7
    Tohuwabohu
    06.03.2019

    Dieser Staat bzw. diese EU bekommt weder Miet-, Renten- noch Pflege- oder Sicherheitsprobleme in den Griff, während Macron irgend etwas Realitätsfernes von EU-"Umbau" faselt!

  • 10
    1
    VaterinSorge
    06.03.2019

    Ein Top-Beitrag mit sehr realen Erkenntnissen. Wenn es auch etwas spät ist, dass jetzt mal reale Wohn- und Einkommensverhältnisse von einem Verband unter die die Lupe genommen wird, zu dem 177 mitteldeutsche Vermiet- und Genossenschaftsunternehmen gehören, ist es nicht zu spät, jetzt vernünftig zu reagieren.
    In Sachsen gibt es seit 01.07.2018 ein Wohnraumförderprogramm für Eigentümer, Wohnungsvermieter und für Mieter selbst, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, aber noch keine Pflegebedürftigkeit haben bzw. nachweisen können. Dieses Programm wir weder von den Wohnungsunternehmen selbst, noch von den sächsischen Medien, noch von Kommunalpolitikern propagiert, weil es etwas Arbeit macht, weil es durch die Sächs. Aufbaubank finanziert wird, oder weil die baulichen Zustände oft nicht den gewünschten Normen entsprechen würde. Aber, was hilft es nun den Betroffenen? Die Aussage von Dr. Axel Viehweger zeigt bis auf die Fahrstuhlproblematik keine weiteren Lösungen auf. Im letzten Jahr wurden 130 Mio. € an bereitgestellten Fördermitteln nicht abgerufen, weil keine Anträge gestellt wurden, weder von Wohnungsunternehmen noch von Mietern oder Eigentümern selbst genutzter Wohnungen oder Einfamilienhäuser. Ich bin davon überzeugt, dass es noch nicht weh genug tut, dass jeder nur auf Wunder warten, die nicht kommen. Dabei werden in Mitteldeutschland die Menschen immer älter, immer ärmer und immer eingeschränkter, was ihre Mobilität angeht. Es wird auch keine Pflegeplätze oder Plätze für betreutes Wohnen geben, also bleibt doch nur, sich mit Planern, Handwerkern, den betroffenen Bürgern und Gesetz- und Geldgeber zusammen zu setzen und anzufangen, moderne Technologien einzusetzen, damit viele Bürger in ihrem gewohnten Umfeld würdevoll alt werden können und dabei mobil bleiben.



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