Weltgrößte Tretautosammlung jetzt in Gelenauer Schatzkammer

Seit Gründung des Pohl-Ströher-Depots 2009 hat sich die Anzahl der Exponate von 2000 auf 10.000 verfünffacht. Jetzt musste sogar eine weitere Halle angemietet werden.

Gelenau.

Der Anblick verschlägt einem die Sprache. In eine ausgediente alte Fabrikhalle im erzgebirgischen Gelenau ist wieder Leben eingezogen: 450 Fahrzeuge von mehr als 50 Herstellern weltweit stehen hier neuerdings eng aneinander gereiht, das Gros restauriert, einige fast schrottreif, zwei sogar aus Indonesien. Die ältesten Gefährte wurden um 1860 gefertigt. Die Hälfte stammt aus französischer Produktion. Denn Frankreich gilt nicht nur als einer der Pioniere des Automobilbaus, sondern hier wurden auch die ersten Fahrzeuge für Kinder gebaut: zunächst nur für die Söhne und Töchter von Adligen, die damit in deren herrschaftlichen Schlössern herumfahren durften.

Nun steht die weltgrößte Sammlung von Tretfahrzeugen für Kinder im Erzgebirge. Mit zehn großen Möbelwagen wurde sie nach Gelenau gebracht. Bis vor kurzem gehörte sie noch dem Wiener Restaurator Walter Krögler, der sich aus Alters- und gesundheitlichen Gründen von diesen Schätzen trennen wollte. Seit etwa fünf Jahren kannte Krögler in Chemnitz einen Tauschpartner: Eckhart Holler, der ebenfalls eine Kindertretautosammlung besitzt, die inzwischen auf 220 Fahrzeuge vor allem osteuropäischer Marken angewachsen ist. Einige davon waren bislang in den wechselnden Sonderausstellungen des Pohl-Ströher-Depots in Gelenau zu sehen, das Holler als Restaurator im Auftrag der Stifterin Erika Pohl-Ströher seit Anbeginn mit betreut. Auch das Depot kannte der Wiener Krögler.

"Als ich hörte, dass er seine Fahrzeuge abgeben wollte, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass sie in die richtigen Hände kommen", berichtet Holler. Das ist ihm - kurz vor dem Tod des österreichischen Sammlers vor wenigen Tagen - offenbar gelungen. Einer der vier Söhne der Schweizer Mäzenin Erika Pohl-Ströher, Bertram Pohl, kaufte alle Fahrzeuge und überführte sie in eine gemeinsam mit seiner Frau betriebene Stiftung. Diese wiederum hat sich nicht nur allgemein wohltätiges Handeln auf die Fahnen geschrieben, "sondern sie unterstützt zahlreiche Projekte, die der Kultur sowie der Kinder- und Jugendförderung dienen", erläutert Marc Hayard, Geschäftsführer der in Luxemburg ansässigen Stiftung. Die Wiener Fahrzeugsammlung sei dann über einen Leihvertrag an das von Erika Pohl-Ströher gegründete Stiftungsdepot in Gelenau gegangen, von dem die Erben stark beeindruckt seien. Es sei ihnen wichtig, den Nachlass der Mutter im Erzgebirge weiterzuführen - "eben auch mit schönen neuen Objekten", sagt Marc Hayard. Sie seien begeistert, wie in einem Depot, das ja nie als Museum geplant war, eine so große Nähe zwischen Besuchern und Exponaten erreicht werde.

Das Depot war 2009 in einer ehemaligen Strumpffabrik angelegt worden, nachdem klar war, dass nicht alle Sammlungen der im Vogtland aufgewachsenen Wella-Erbin in der Freiberger Terra mineralia und in der Manufaktur der Träume in Annaberg-Buchholz Platz finden würden. Zunächst kamen rund 2000 Exponate aus der Schweiz nach Gelenau. Bis zum Tod von Erika Pohl-Ströher vor zwei Jahren erhöhte sich die Zahl nach und nach auf etwa 4000. "Dabei muss man wissen, dass ein Weihnachtsberg oder eine Bergparade mit zig Figuren nur als je ein Exponat registriert sind", erläutert Depotleiter Michael Schuster.

Als die Mäzenin am 18. Dezember 2016 mit 97 Jahren starb, sei nur kurze Zeit unklar gewesen, wie es mit dem Depot und den inzwischen dreimal im Jahr veranstalteten Sonderausstellungen weiter gehen soll. Zunächst sei die verbale Zusage der Erben gekommen, das Sammlungsdepot weiter zu fördern. Inzwischen rollten rund 6000 neue Exponate aus der Schweiz ins Erzgebirge, darunter 4000 Puppen, die Sohn Bertram Pohl im Einklang mit den anderen Erben zunächst in seine Stiftung und dann ins Erzgebirge überführte. Dazu gehört auch eine umfangreiche Sammlung von Käthe-Kruse-Puppen, von denen die größten in der diesjährigen Weihnachtsschau ab Freitag zu sehen sind. Auch neue oder besser gesagt ganz alte Tretfahrzeuge werden da präsentiert: Sie wurden zwischen 1860 bis 1914 gebaut und stammen aus den Sammlungen Holler und Krögler, die laut Depotleiter künftig gemeinsam vermarktet werden sollen. "Aus den Beständen von zusammen 650 Autos können wir auf lange Sicht ständig wechselnde Kinderfahrzeugschauen präsentieren. Wir denken aber auch über zeitlich begrenze Leihgaben an andere Einrichtungen nach", beschreibt Schuster seine Pläne. Restaurator Holler ist bereits dabei, die teils ramponierten Autos sorgfältig zu konservieren. "Nicht alle sollen aber hinterher aussehen wie aus dem Laden", sagt er.

Die diesjährige Weihnachtsschau im Pohl-Ströher Depot öffnet ab Freitag ihre Türen. Mehr dazu lesen Sie am Donnerstag im Veranstaltungsmagazin "Wohin".

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