Sächsische Milch darf polnisch sein

Manchmal verspricht der Markenname mehr, als er hält. Ein Testkauf mit der Verbraucherzentrale Sachsen zeigt, woran das liegt.

Am Milchregal klebt ein braunes Herz. Kaufland weist damit auf ein sächsisches Produkt hin. Das ist genau das, was Hans-Wolfgang Mögel sucht. Gemeinsam mit Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen schaut der Dresdner, ob es in Supermärkten, Discountern und bei lokalen Händlern regionale Milcherzeugnisse gibt und wie sie zu erkennen sind.

Brendel schiebt die Brille hoch und sieht sich die Milch genauer an. Hergestellt ist sie von der Kohrener Landmolkerei aus Penig. Das liegt zwischen Chemnitz und Rochlitz. Doch auf der Verpackung steht noch mehr. Die Milch ist in Sachsen und Sachsen-Anhalt erzeugt, die Kühe wurden dafür mit Futter aus eigenem Anbau versorgt. Von welchen Betrieben sie stammt, steht aber nicht dabei. Die Sächsische Zeitung fragt bei der Molkerei in Penig nach und erfährt: Sie wird von drei Firmen beliefert. "Von den beiden sächsischen kommen 80 Prozent der Milch", sagt Marleen Westert von der Landmolkerei.

"Diese detaillierten Angaben sind freiwillig und machen die Herstellung transparent", sagt Verbraucherschützerin Brendel. Selbstverständlich sei das nicht. Denn normalerweise müssen auf Milch, Butter, Quark, Käse, Joghurt und Sahne lediglich Name und Adresse des Herstellers, des Verpackers oder eines in der EU ansässigen Verkäufers angegeben werden, so das Bundeszentrum für Ernährung. "Das Identitätszeichen kann im Zweifel weiterhelfen", sagt Brendel. Das ovale Siegel auf der Rückseite der Produkte zeichnet Staat und Bundesland aus, in dem die verarbeitende Molkerei ansässig ist. Steht da ein SN, ist die Milch in einer der acht sächsischen Molkereien abgefüllt und verpackt worden. Ein Rückschluss auf die Herkunft des Rohstoffes ist aber nicht möglich. Denn sächsische Molkereien verarbeiten auch Milch aus Brandenburg, Tschechien und Polen. Umgekehrt beliefern die über 1000 Milchvieh-Betriebe, die es in Sachsen gibt, auch Molkereien in Bayern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das kann leicht für Verwirrung sorgen. "Das ist auch ein Produkt von hier", glaubt Kunde Mögel und greift nach einem Tetrapack von Sachsenmilch. "Gutes für die Region" steht darauf. Birgit Brendel erklärt ihm, dass es hier eine Diskrepanz zwischen Schein und Sein gibt. "Dieser Spruch in Kombination mit dem Markennamen signalisiert dem Kunden, ein Produkt aus Sachsen zu kaufen", sagt sie. Auf der Rückseite der Verpackung ist der Hersteller verzeichnet: Sachsenmilch Leppersdorf GmbH. Etwas weiter unten findet sich der entscheidende, freiwillige Hinweis. "Hergestellt in Bayern mit Milch aus Deutschland und Österreich". Mögel fühlt sich veräppelt.

Damit steht er nicht allein da. Auf lebensmittelklarheit.de, dem Portal der Verbraucherzentralen, melden Kunden immer wieder auch Sachsenmilch-Produkte. Die Firma hat sich dazu klar positioniert: Sie selber definiert Regionalität damit, eine Marke mit Sitz in Sachsen zu sein. Den Anspruch, alle Rohstoffe aus dem Bundesland zu beziehen, hat sie nicht. Da kein Gesetz definiert, was unter "regional" zu verstehen ist, ist diese Argumentation statthaft. "Wir sind transparent, erfüllen alle gesetzlichen Anforderungen und sehen deshalb keine Veranlassung für Änderungen", sagt Unternehmenssprecher Alexander Truhlar. Ähnlich agiert die Molkerei "Thüringer Land". Auch hier suggeriert der Markenname eine Herstellung in einem konkreten Bundesland. Das Identitätszeichen aber verrät, dass das Produkt in einer bayerischen Molkerei ins Tetrapack kam.

Stichproben zeigen, dass die Marke Sachsenmilch in den meisten Supermärkten als Regionalprodukt ausgewiesen wird. Rewe macht das nicht. Sprecher Thomas Bonrath erklärt: "Molkereien vermischen in der Regel die Rohstoffe vieler Erzeuger und verarbeiten sie gemeinsam. Die Endprodukte kann man dann nicht mehr als lokale oder regionale Erzeugnisse bezeichnen. Diese Produktionsweise widerspricht der Idee von Regionalität". Die sieht Rewe nur bei kleineren Molkereien wie dem Pfarrgut Taubenheim als gegeben. Auf dem Biohof wird Milch aus eigener Produktion verarbeitet.

Aus Taubenheim kommt auch die Ziegenmilch, die Rentner Hans-Wolfgang Mögel gern trinkt. Er kauft sie auf dem Wochenmarkt, am Stand von Familie Schuhmann. Ihr Ziegenhof liegt knappe zehn Kilometer südlich von Meißen. Der Betrieb ist ein Vorzeigebeispiel regionaler Produktion. Die Ziegen sind zum Teil auf dem Hof geboren, wachsen dort auf, grasen sommers auf den Weiden. Im Winter bekommen sie Heu von heimischen Wiesen. Allerdings bekommt man die Produkte nur im Direktvertrieb, also im Hofladen oder auf den Wochenmärkten in der Umgebung. "Der Frischkäse und die Milch schmecken mir einfach gut. Dafür nehme ich den Weg in Kauf", sagt Mögel.

Fazit: Hersteller müssen nicht angeben, wo die Kühe gemolken wurden und wo die Milch verarbeitet worden ist. Deshalb tun das die wenigsten, auch wenn es Verbraucherschützer seit Langem fordern. Discounter führen nur Eigenmarken. Darauf ist nicht mehr deklariert als gesetzlich vorgeschrieben. Manche Supermärkte wie Konsum oder Rewe bieten Produkte kleinerer, regionaler Molkereien an. Wem das nicht reicht, dem bleiben Hofläden, Milchtankstellen oder Wochenmärkte. mit rnw/mh

Lesen Sie im letzten Teil der Serie, wie man 100-prozentig regional kauft - bei den Marktschwärmern.

Regional - Was bedeutet das in meinem Supermarkt?

Rewe:

Definition Region: nach Bundesländern und traditionell nachvollziehbaren Gebieten wie Lausitz oder Spreewald, lokale Erzeuger;

Produkte: deutschlandweit 20.000 lokaler und regionaler Erzeuger, keine Angaben für Sachsen;

Regional-Anteil an Sortiment und Umsatz: keine Angaben;

Eigene Kennzeichnung: roter Traktor auf gelbem Grund bei Obst und Gemüse; Schriftbild "Rewe Regional" am Regal;

Teilnahme am "Regionalfenster": alle "Rewe Regional"-Produkte;

Einschätzung Testkauf : Regionale Produkte sind leicht zu identifizieren; umfangreiches Sortiment an regionalen Erzeugnissen.

Edeka:

Definition Region: Sachsen, zahlreiche lokale Lieferanten

Produkte: umfangreiches Sortiment, auch weniger bekannter Hersteller wie Wermsdorfer Fisch, Rolle Mühle Waldkirchen, Erzgebirgische Destillerie & Liqeurmanufaktur Bockau, Bernhard Werner Nahrungsmittel aus Freital;

Regional-Anteil an Sortiment und Umsatz: keine Angaben;

Eigene Kennzeichnung: Sachsenwappen;

Teilnahme am "Regionalfenster": nein

Einschätzung Testkauf in Dresdner Markt: Die vielen regionalen Erzeugnisse sind schwer als solche zu erkennen, weil sie nur selten entsprechend gekennzeichnet sind.

Kaufland:

Definition Region: Produktion im Umkreis von 30 Kilometern zum jeweiligen Filialstandort;

Produkte: Molkereiprodukte, Wurst, Backwaren, Mineralwasser, Wein und Bier, beispielsweise Wurst- und Fleischwaren Bautzen, Käserei Loose, Winzergenossenschaft Meißen, Oberlausitzer Baumkuchen;

Regional-Anteil an Sortiment und Umsatz: keine Angaben;

Eigene Kennzeichnung: direkt am Regal mit braunem Regional-Herz;

Teilnahme am "Regionalfenster": nein;

Einschätzung Testkauf: Nur wenige Produkte sind als regional ausgewiesen. Die Hinweise am Regal sind blass.

Netto:

Definition Region: Sachsen;

Produkte: 150 Artikel aus Sachsen, beispielsweise Eier, Backwaren, Mineralwasser, und Biere

Regional-Anteil: keine Angaben;

Eigene Kennzeichnung: Regionalfenster direkt auf der Ware, Siegel "Qualität aus Sachsen" mit Sachsenfahne direkt am Regal

Teilnahme am "Regionalfenster": ja

Einschätzung Testkauf Dresden: Nur wenige regionale Produkte. Meist sind sie nicht speziell gekennzeichnet. Im Obst- und Gemüsebereich hilft das Label "Markttag" weiter. Die gescannten QR-Codes verweisen aber meist auf Produkte aus anderen Bundesländern.

Aldi Nord:

Definition Region: Sachsen;

Produkte: wie Bautz'ner Senf, Radeberger Lachsschinkenspezialitäten, Feldschlösschen Bier, Obst und Gemüse;

Regional-Anteil: k. A.;

Kennzeichnung: nein;

Teilnahme am "Regionalfenster": seit 2015.

Einschätzung Testkauf: Sehr überschaubares regionales Angebot, das man suchen muss. Im Obst- und Gemüsebereich sind sie mit Regionalfenster sehr gut deklariert.

Lidl:

Definition Region: Deutschland;

Produkte: wie Radeberger Schinken, Nudossi, Spreewälder Gurken; Riesaer Nudeln, Dr. Quendt, Rotkäppchen;

Regional-Anteil: k. A.;

Kennzeichnung: nein;

Teilnahme am "Regionalfenster": mit derzeit 110 Produkten. Erweiterung um 100 Artikel bis Ende 2018 geplant;

Einschätzung Testkauf: bis auf einige Ost-Marken und Eier kaum regionale Waren, nicht speziell gekennzeichnet.

Penny:

Definition Region: maximal Ostdeutschland

Produkte: wie Bautz'ner Senf, Nudossi, Leckermäulchen, Wurzener, Spreewaldhof

Regional-Anteil: keine Angaben

Kennzeichnung: Regionalfenster am Produkt

Teilnahme am "Regionalfenster": ja, 40 Artikel bei Obst und Gemüse;

Einschätzung Testkauf: wenige regionale Produkte, viele nicht speziell gekennzeichnet.

Zur Serie: Regional Einkaufen

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