Verliebt in Sneaker

Warum junge Männer ein Vermögen für Turnschuhe ausgeben und wo sich die Szene am Sonntag in Sachsen trifft - ein Interivew mit zwei Sneakerfans.

Das Klischee, dass Frauen einen Schuhtick haben, stimmt nicht mehr ganz. Heute geben auch Männer Unsummen für Schuhe aus - für Sneaker. Denn der Turnschuh dient längst nicht mehr nur zum Turnen. Er ist zum begehrten Sammlerobjekt geworden. Eine junge, globale Sneaker-Szene jagt limitierten Stücken hinterher, tauscht und handelt damit, vorwiegend übers Internet. Zwei Sachsen wollen Sneakerfans eine Plattform in der realen Welt bieten und organisieren am Sonntag in der Kulturfabrik Leipzig ein Sneaker-Event. Katrin Saft sprach vorab mit ihnen: mit Alexander Noack (27) und Marcel Schöps (30).

"Freie Presse": Es gibt Leute, die sammeln Briefmarken, andere Münzen. Wie bitte kommt man aber auf die Idee, Turnschuhe zu sammeln?

Marcel: In der heutigen Zeit ist Individualismus gefragt: sich abheben, seinen eigenen Stil finden. Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, sich auszudrücken. Die einen machen es über Kunst, andere über Fotografie und wir halt über Schuhe.

Alex: Bei mir hat die Leidenschaft für Sneaker vor etwa zehn Jahren begonnen. Mit 17 habe ich mich für Hip-Hop und Rap interessiert, für Basketball und die Graffiti-Szene. Die Protagonisten trugen Turnschuhe. Jugendliche identifizieren sich mit ihren Idolen, eifern ihnen nach.

Wie viele Sneaker besitzt Ihr denn heute?

Alex: Ich besitze etwa 150 Paar.

Marcel: Ich habe sie nicht gezählt. Aber es sind mindestens 70 Paar.

Und tragt Ihr die auch oder stehen sie im Originalkarton, damit sie nicht schmutzig werden?

Marcel: Ich finde, Schuhe sind zum Tragen da. Insofern hatte ich jeden Sneaker schon am Fuß.

Alex: Natürlich lassen sich besondere Modelle aber auch gut verkaufen, manchmal für das Zwei- bis Dreifache ihres Ursprungspreises.

Was ist denn ein besonderer Sneaker?

Marcel: Es geht um limitierte Modelle, die zum Beispiel in Collaboration (spricht Zusammenarbeit - d.R.) mit einem Musiker oder Designer entstehen. So startete Rapper Kanye West zunächst mit Nike, später sehr erfolgreich mit Adidas eine limitierte Linie. Nike arbeitet inzwischen mit Virgil Abloh zusammen, dem früheren Kreativdirektor von Kanye West. Es gibt auch kleine Player wie Asics oder New Balance und Modemarken wie Gucci und Balenciaga mit eigenen Editionen.

Alex: Das Schöne ist, dass sich zu jedem Stil der passende Sneaker findet. Manche stehen auf eine besondere Marke, andere auf eine exklusive Collaboration oder auf eine spezielle Silhouette - aus dem Running- oder dem Basketballbereich etwa. Für Laien mag es ein simpler Turnschuh sein. Aber Leute, die sich mit dem Thema beschäftigen, erkennen den besonderen Schuh.

Und was kosten limitierte Sneaker?

Alex: Der teuerste Sneaker der Welt, der Nike Air Yeezy 2 Red October, hat bei der Online-Versteigerung in der Originalverpackung unglaubliche 16 Millionen Euro gebracht.

Marcel: Das war aber ein Ausnahmedeal. In der Regel werden limitierte Modell zwischen 500 und 2000 Euro gehandelt. Wenn sie rauskommen, kosten sie so zwischen 150 und 300 Euro. Der Markt bestimmt dann den Preis.

Das klingt nach einem guten Geschäft. Wo kann ich denn limitierte Sneaker kaufen?

Marcel: Es gibt einige wenige Shops, die vom jeweiligen Hersteller den Zugriff auf limitierte Stücke haben - in Berlin, München, Hamburg und Köln zum Beispiel. Auch in Fulda und Darmstadt haben sich kleinere Läden einen Namen gemacht.

Alex: Anfangs wurde vor den Läden gezeltet, um bei Öffnung ein Paar abzubekommen. Ich hab' das auch schon gemacht. Weil das aber überhandnahm, werden die Kaufrechte jetzt unter potenziellen Kunden verlost.

Gibt es Szene-Shops auch in Sachsen?

Alex: Für die streng limitierten Modelle nicht. Es gibt aber kleine Sneakerhandlungen wie den "Schrittmacher" in der Dresdner Neustadt, die ein gutes Sortiment führen.

Sind es eigentlich ausschließlich Männer, die auf Sneaker stehen?

Natürlich tragen auch Frauen Sneaker. Aber viele limitierte Modelle gibt es tatsächlich nur in Männergrößen.

Wie erfahrt Ihr denn, wer wann einen interessanten Sneaker neu herausbringt?

Alex: Es gibt fünf, sechs Sneakerblogger in Deutschland und diverse Gruppen in sozialen Netzwerken, wo man sich austauscht.

Marcel: Die großen Brands haben alle Apps, über die solche Modelle angekündigt werden. Offizielle Zahlen, wie viele Paare sie pro Modell herausbringen, geben sie allerdings nicht bekannt. Ich kaufe aber einen Sneaker nicht, weil er limitiert ist, sondern wenn er mir gefällt. Das ist auch unser Ansatz beim Sneaker-Event am Sonntag in Leipzig: Wir wollen jungen Leuten nicht die Botschaft vermitteln, dass sie nur cool sind, wenn sie Schuhe für mehrere Hundert Euro anhaben.

Was heißt denn Sneaker-Event?

Marcel: Wir wollen Händlern, privaten Verkäufern und Sneakerfans eine Plattform bieten, sich zu treffen, zu informieren, zu tauschen und natürlich auch zu kaufen. Beim Pilotversuch voriges Jahr kamen 1 700 Besucher nach Leipzig. Das Feedback war sehr positiv. Diesmal sind nicht mehr nur regionale Aussteller dabei, sondern auch Shops aus Holland oder Polen zum Beispiel.

Alex: Es wird auch normale Schuhe und Klamotten geben. Dazu Graffitikunst, die Möglichkeit, sich tätowieren zu lassen und Streetfood.

Und was macht Ihr, wenn Ihr Euch nicht gerade um die coolsten neuen Turnschuhe kümmert?

Marcel: Ich habe in Leipzig eine Firma für Beachsportevents.

Alex: Und ich studiere BWL mit Schwerpunkt Marketing an der Uni Leipzig.

 

Summit 29, 7. Oktober, ab 12 Uhr im Werk 2, Kulturfabrik Leipzig, Kochstraße 132. Eintritt: 6 bis 11 Euro, www.summit29.com

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