Wie funktioniert eigentlich Fairer Handel?

Jana Felber von F.A.I.R.E Warenhandel in Dresden erklärt, wo man Faires in Sachsen bekommt, wie die Preise entstehen und was der Erzeuger davon hat.

Rund 1,7 Milliarden Euro haben die Deutschen 2018 für fair Erzeugtes ausgegeben - 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Was fair bedeutet, wollte Martina Hahn von Jana Felber von der F.A.I.R.E Warenhandels eG in Dresden wissen. Sie liefert rund 7000 fair erzeugte Produkte an die Weltläden in Sachsen, aber auch an Restaurants, Mensen, Boutiquen, Büros oder Arztpraxen.

Freie Presse: Frau Felber, warum wollen die Leute heute mit besserem Gewissen kaufen?

Jana Felber: Weil sie keine Lust mehr auf Produkte haben, für die in Afrika, Asien, Lateinamerika und Süd-Ost-Europa Menschen gelitten haben oder Kinder beschäftigt wurden.

Und diese Garantie gibt ihnen der Faire Handel?

Ja. Denn er steht für eine faire Handelsbeziehung zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten. Der Begriff "fair" ist, anders als "bio", zwar nicht geschützt. Auch tummeln sich deswegen einige Trittbrettfahrer und Betrüger auf dem Markt. Doch alle seriösen Anbieter und auch Zertifizierer von fair gehandelten Produkten kennen ihre Lieferanten seit Jahren oft persönlich. Sie zahlen den Erzeugern einen festgelegten Mindestpreis für die Ernte, der über dem Weltmarktpreis an der Börse liegt. Das schützt die Kleinbauern vor den starken Preisschwankungen, gibt ihnen eine gewisse Planungs- und Einkommenssicherheit. Kinderarbeit ist im Fairen Handel verboten. Darüber hinaus erhalten die Erzeuger-Kooperativen im Fairen Handel eine Prämie, mit der sie ein Gemeinschaftsprojekt wie eine Schule finanzieren können. Seriöse Fair-Trade-Anbieter zahlen einen Teil des Erntepreises schon vorab und schulen die Kooperativen beispielsweise in Öko-Landbau. Im konventionellen Handel hingegen zählen diese Kriterien nicht. Hier erhalten die Kaffeebauern nicht mal den Börsenpreis für ihre Bohnen. Und manchmal drücken die Verarbeiter, Supermarktketten und Discounter selbst diesen noch.

 

Einer aktuellen Umfrage der Plattform mydealz.de zufolge ist jeder dritte Verbraucher unsicher, ob das Geld für ein Fair-Trade-Produkt vor Ort ankommt.

Eine 100-prozentige Garantie gibt es nie. Aber die bekannten Importeure des Fairen Handels wie Gepa, Weltpartner & Co. kaufen die Kakao- oder Kaffeebohnen nicht anonym über die Börse ein, sie verhandeln mindestens einmal im Jahr mit den Vertretern der Kooperativen. Mitglieder der internationalen Fair-Handels-Dachorganisation WFTO müssen sich zudem einem Monitoring unterziehen, und auch die Zertifizierung durch FLOcert für die Vergabe des blau-grünen Fairtrade-Siegels unterliegt strengen Prüfkriterien.

60 Prozent der Befragten wünschen auch mehr Infos über das fair ausgelobte Produkt. Wo bekommen sie diese?

Manches steht auf den Produkten und viel Konkretes auf den Homepages der Anbieter - auch Muster-Preiskalkulationen, etwa bei der Gepa oder El Puente. Die sind relativ leicht zu verstehen und zeigen, was vom Ladenpreis der fairen Schokolade zum Beispiel beim Kakaobauern in Peru landet - und was beim Importeur oder Händler bleibt. Auch das Fachpersonal in den Weltläden weiß sehr viel über die Produkte.

Kritiker sagen trotzdem, der Faire Handel müsste transparenter sein.

Das ist er! Und zwar so transparent wie kein anderer Handelsbereich! Selbst wer im Supermarkt einen fair gehandelten Kaffee aus dem Regal zieht, erfährt mehr über dessen Produktion und Preisgestaltung als beim konventionellen Kaffee daneben. Ich finde es richtig und wichtig, dass Verbraucher beim Fairen Handel nachhaken, wie fair das Produkt denn wirklich ist. Ich wünschte mir nur, sie würden für das konventionelle Produkt vom Discounter dieselbe Transparenz fordern.

Wo bekomme ich fair erzeugte Produkte in Sachsen?In den 33 Weltläden in Sachsen. Die drei größten finden Sie in Dresden, Chemnitz und in Leipzig; sie haben im Schnitt an die 2000 Produkte im Sortiment. Faire Produkte gibt es zudem in der VG Dresden, in Bio- und Naturkostläden oder bei Contigo, und faire Mode auch in einigen alternativen Boutiquen wie Unipolar, Populi oder Kult-Design-Unikate. Weitere Verkaufsstellen findet man über den Stadtplan der Initiative quergedacht-dresden.de. Sie können auch direkt auf die Online-Shops der bekannten Fairhandelsimporteure gehen und dort bestellen. Etliche Produkte wie Kaffee, Schokolade, Reis oder Orangensaft bekommen Sie außerdem in fast allen konventionellen Supermärkten und Discountern.

Faires aus dem Discounter - passt das denn?

Ich finde nicht. Zwar erhalten die Kakaobauern auch über die Fairtrade-gesiegelte Schokoladentafel, die bei Lidl oder Aldi ausliegt, den garantierten Mindestpreis plus Prämie. Das wird streng kontrolliert. Fakt ist auch, dass Discounter und Supermarktketten inzwischen ein extrem wichtiger Abnehmer sind. Aber solange ein Discounter nur einzelne faire Produkte ins Regal stellt, bei 99 Prozent des Sortiments aber massiv die Preise drückt und auch die Kassiererin schlecht entlohnt, ist das für mich Fair-Washing und damit bis zu einem gewissen Grad Verbrauchertäuschung. Denn im Discounter haben diese einzelnen fairen Produkte nur eine Alibifunktion: Lidl & Co. nehmen sie ins Sortiment, weil sich Fair gut verkauft und sie am Boom teilhaben wollen.

Nicht auch, weil mancher lieber zum Lidl-Fairtrade-Kaffee für 5,29 Euro das Pfund greift statt zum Gepa-Kaffee für zwölf Euro?

Vielleicht. Aber fair erzeugter Kaffee muss teurer sein als konventioneller, sonst bleibt der Bauer arm. Konventionelle Einkäufer bezahlen den Kaffeebauern derzeit für 45 Kilo Rohkaffee den Weltmarktpreis von gerade einmal 109 US-Dollar. Die Gepa oder WeltPartner hingegen legen je nach Qualität mit 190 bis 320 US-Dollar das Dreifache auf den Tisch. Diese Differenz wird von den fairen Anbietern eingepreist.

Kritiker sagen, Faires muss nicht zwingend teurer sein. Anbieter fairer Produkte könnten auch auf einen Teil der Marge verzichten.

Das trifft vielleicht auf Edeka, Rewe oder Lidl zu. Diese Konzerne können angesichts ihrer Millionengewinne wohl problemlos auf einen Teil der Spanne verzichten und ein faires Lebensmittel günstiger anbieten. Letztlich tun sie das ja und finanzieren Faires mit nicht Fairem quer, deswegen ist der faire Kaffee bei ihnen auch so billig. Das macht aber den Markt kaputt - zumal Fairhandelsimporteure, Naturkost- und Weltläden ihre Marge für Partnerbesuche, Kontrollen, Vertrieb und auch faire Löhne für die Angestellten in Deutschland brauchen. Nicht alles geht per Telefon oder Mail!

Nicht der faire Kaffee im Weltladen ist zu teuer, sondern der faire Kaffee im Discounter zu billig?

Ja! Es geht im Fairen Handel letztlich auch um Wertschätzung und Qualität eines Produktes. Viele Konsumenten sind sich nicht bewusst, dass eine handgepflückte Kaffeebohne oder ein handgeknüpfter Teppich mehr Geld kosten. Auf dem Töpfermarkt wundert sich niemand, wenn die Tasse 20 Euro kostet. Im Weltladen schon.

Kritiker sagen, selbst der Faire Handel sichert weder Kakaobauern in Ghana noch Nähern in Bangladesch ein Einkommen, von dem die Familien leben können. Was wäre ein wirklich fairer Lohn?

Das stimmt. Wie hoch ein existenzsicherndes Einkommen sein müsste, von dem sie und ihre Familien auch gut leben können - das versuchen derzeit alle Akteure des Fairen Handels mit Gewerkschaften und NGOs vor Ort herauszufinden. Das dauert aber, denn sie müssen für jede Region erst einmal wissen, wie hoch die Lebenshaltungskosten sind. Fakt ist: die Einkommen unserer Fairhandelspartner im globalen Süden müssen steigen - um mindestens 20 Prozent, damit alle Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, also vom Produzenten in Übersee bis zum Verkäufer bei uns, einen fairen Preis erhalten. Laut ersten Untersuchungen müssten sich die Erntepreise und Löhne beispielsweise von Kakao aus Westafrika oder von Kleidung aus Bangladesch sogar verdoppeln. Die andere Frage ist, ob die Produkte bei uns dann noch verkäuflich wären.

Laut Umfrage sind nur knapp fünf Prozent bereit, für Faires einen Aufpreis von 25 Prozent oder mehr zu zahlen.

Ich bin überzeugt, dass Verbraucher bereit sind, für Faires mehr zu zahlen, wenn ihnen klar kommuniziert wird, woher der Aufpreis kommt. Und wenn das Produkt qualitativ hochwertig ist, schön aussieht und schmeckt. Das zeigt der seit einem Jahr per Schiff CO2-arm aus Nicaragua transportierte und fair gehandelte Segelcafe der Café Chavalo e.G., einer Initiative aus Leipzig. 8,49 Euro kostet das halbe Pfund heute, vorher waren es noch 6,49 Euro. Der Kaffee verkauft sich trotzdem super. Die Leute wissen, dass er gut ist. Für alle.

www.forum-fairer-handel.de

www.weltladen.de

www.faire.de

www.fairtrade-deutschland.de

www.wfto.com

Süßes, Sneaker, Shirts: Deutsche kaufen mehr faire Produkte

Das Angebot in Sachsen wächst. Sogar Lidl und Aldi machen inzwischen mit. Das hilft Millionen Erzeugern, doch es reicht noch lange nicht.

BerlinNach Bio liegt nun auch Fair im Trend. Das zeigen die Umsatzzahlen, die das Forum Fairer Handel am heutigen Mittwoch in Berlin vorstellt. Bundesweit gaben die Deutschen 2018 demnach rund 1,7 Milliarden Euro für fair gehandelte Produkte aus. Das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr und sechsmal so viel wie vor zehn Jahren.

Davon profitieren mehr als 2,5 Millionen Kleinbauern und Arbeiter samt ihrer Familien in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Denn im Fairen Handel werden bei der Herstellung soziale Standards eingehalten, Kinderarbeit und Ausbeutung sind verboten. Kaffeebauern beispielsweise erhalten einen garantierten Mindestpreis auf ihre Ernte, Pflücker auf Bananenplantagen einen höheren Lohn - und beide eine Fair-Trade-Prämie.

Weil sich faire Produkte hierzulande immer besser verkaufen, setzen auch konventionelle Unternehmen auf sie. Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka etwa hat rund 70 Fairtrade-Produkte im Regal. Die Discounter Lidl und Aldi entwickelten faire Eigenmarken, unter denen sie beispielsweise Schokolade oder Orangensaft verkaufen. Dennoch bleibt der Faire Handel bei Lebensmitteln mit einem Anteil von unter einem Prozent am Gesamtumsatz noch eine Nische.

Die größte Auswahl fair erzeugter Produkte bieten in Sachsen die insgesamt 33 Weltläden - darunter in Chemnitz, Annaberg-Buchholz, Aue, Lichtentanne, Marienberg und Crimmitschau. Das Sortiment wird immer breiter: Kaffee, Süßes, Feinkost, Chutneys, Öle, Ledertaschen, Schmuck, Geschirr, Shirts und Sneaker gibt es ebenso wie Instrumente, Kosmetik und Spielzeug.

Jeder Produzent und Arbeiter entlang der globalen Lieferkette muss fair entlohnt werden, fordert Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). "Noch immer werden hunderte Millionen Menschen in Entwicklungsländern für unsere Produkte ausgebeutet", so Müller. "Auch die Unternehmen tragen Verantwortung, dass ökologische und soziale Mindeststandards eingehalten werden". Sorgen sie nicht freiwillig dafür, will die Bundesregierung die Firmen ab 2020 per Gesetz zum fairen Handel verpflichten. "Menschenwürdige Arbeit weltweit durchzusetzen ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts", sagt Müller.

Der Faire Handel müsste nun stärker auf Produzenten des globalen Nordens ausgeweitet werden, sagt Manuel Blendin, Geschäftsführer des Forums Fairer Handel: "Auch unserer Landwirte haben mit niedrigen Erzeugerpreisen zu kämpfen und sind auf faire Handelsbedingungen sowie Preise angewiesen." Das findet auch Frank Braßel von Oxfam Deutschland: "Unsere Supermärkte können durch ihre Marktmacht einen unerbittlichen Preisdruck auf Produzenten und Lieferanten ausüben", sagt er. "Sie nehmen damit die wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen und Umwelt weltweit in Kauf." Die Macht der Supermärkte ist enorm: Die vier größten Ketten - die Edeka-, Schwarz-, Rewe und Aldi-Gruppe - teilen sich 85 Prozent des inländischen Markts.

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