Rentenberatung: Lohnt sich ein privater Renten-Check?

Bundesweit gibt es 350 selbstständige Rentenberater, einer davon in Dresden. Er spricht über Fehler der Rentenversicherung, die teuer werden.

Wenn der Rentenbescheid ins Haus flattert, ist das für die meisten Deutschen ein freudiges Ereignis. Doch viele Menschen befällt im selben Moment die bange Frage: Ob das wohl alles richtig ist? Die Zweifel sind berechtigt: Mindestens jeder dritte Bescheid sei fehlerhaft, sagt der Dresdner Rentenberater Christian Lindner - und meint dabei nur die Fälle, die er und seine Mitarbeiterinnen auf dem Tisch haben. Deshalb sollte man seinen Rentenbescheid immer prüfen lassen, empfiehlt Lindner - entweder bei der Deutschen Rentenversicherung oder eben bei einem selbstständigen Rentenberater. Was macht der anders - und was kostet das? Steffen Klameth hat nachgefragt.

Freie Presse: Herr Lindner, wer kommt zu Ihnen in die Rentenberatung?

Christian Lindner: Wir bearbeiten pro Jahr zwischen 800 und 900 Fälle. Einen Großteil machen Rentenbescheide aus. Viele Leute sind ratlos, manche kommen auch erst nach zehn oder 20 Jahren. Übrigens lohnt es sich auch dann noch, eine Neufeststellung zu beantragen. Enthält der Bescheid Fehler, gibt es immerhin noch für die letzten vier Jahre Nachzahlungen.

Und die anderen Kunden?

Immer mehr Leute ab 55 wollen wissen, wie sie ohne große Einbußen vorzeitig in den Ruhestand wechseln können. Die Flexirente bietet da gute Möglichkeiten. Und dann sind da noch die Langzeitkranken, die eine Erwerbsminderungsrente wünschen. Da wird häufig gestritten und geklagt.

Was kostet bei Ihnen so eine Beratung?

Für die Prüfung des Rentenbescheides berechnen wir 120 Euro. Das ist weniger als ein Drittel dessen, was wir laut Rechtsanwaltsvergütungsgesetz verlangen dürften. Dafür vereinbaren wir mit den Kunden noch einen Erfolgszuschlag. Er beträgt das Dreifache der Monatsdifferenz, die wir bei einem Widerspruch herausholen. Geht es um andere Rentenfragen, kostet die Beratung zwischen 80 und 250 Euro.

Warum zahlen Leute dafür, wenn sie es bei der Deutschen Rentenversicherung umsonst bekommen könnten?

Viele Kunden sind zuvor schon bei der Rentenversicherung gewesen, waren aber völlig unzufrieden. Das liegt zum Teil sicher auch daran, dass dort die gleichen Leute den Rentenbescheid prüfen, die ihn ausgestellt haben. Wir bilden uns eine unabhängige Rechtsmeinung. Man kann ja Vorschriften so oder so auslegen. Bei unterschiedlichen Ansichten entscheiden dann die Gerichte. Bei der Erwerbsminderung spielen ärztliche Gutachten eine wichtige Rolle. Wir haben die Möglichkeit, bei berechtigten Zweifeln ein Gegengutachten zu beantragen.

Können Sie immer helfen?

Nein. Wenn das Gesetz nun mal so ist wie es ist, können auch wir nichts daran ändern. Zum Beispiel, wenn bestimmte Stichtage gelten oder eine Mindestzahl an Monatsbeiträgen vorausgesetzt wird. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht noch andere Lücken geben könnte und wir den Kunden trotzdem helfen können. Viele Ablehnungen von Erwerbsminderungsrenten haben bei genauer Betrachtung keinen Bestand, bei mindestens der Hälfte holen wir für die Mandanten etwas raus.

Wie viele Rentenbescheide sind nicht korrekt?

Das weiß niemand, es lässt ja nicht jeder seinen Bescheid überprüfen. Wenn ich nur die Fälle betrachte, die wir bearbeiten, so finden wir in 35 bis 40 Prozent aller Bescheide Fehler.

Also sollte man seinen Rentenbescheid immer prüfen lassen?

Ja. Schlimmstenfalls hat man die 120 Euro zwar umsonst ausgegeben. Aber dafür hat man bis zum Lebensende Ruhe und die Gewissheit, dass alles richtig ist.

Könnte man den Rentenbescheid mit etwas Sachkenntnis vielleicht auch selbst prüfen?

Prinzipiell schon, wobei jedem klar sein sollte, dass das ziemlich aufwendig und kompliziert ist. Und man muss wissen, dass seit Frühjahr 2018 die Zahl der Anlagen zum Rentenbescheid reduziert wurde. Seitdem werden ausgerechnet jene Berechnungen nicht mehr versandt, die die Ermittlung der Entgeltpunkte und damit des entscheidenden Faktors der Rentenformel beinhalten. Die kann man zwar nachfordern, aber auch das muss man erst mal wissen.

Warum ist das Rentenrecht so kompliziert?

Das Rentenrecht fußt auf der guten Absicht, so individuell wie möglich zu entscheiden. Die vielen individuellen Regelungen machen die Sache aber auch so kompliziert. Und mit jedem neuen Gesetz wird es noch komplizierter - auch wenn, wie bei der Flexirente, die Gestaltungsmöglichkeiten zunehmen. Wenn dann noch verschiedene Rententräger zuständig sind, blicken nur noch Fachleute durch. In der DDR lief das deutlich einfacher, sowohl das Rentenrecht als auch die Verwaltungsstrukturen waren wesentlich bürgernäher.

Fachleute wie Sie müssen sich um Ihren Job jedenfalls keine Sorgen machen.

Diese Sorgen muss ich mir auch so nicht machen. Der Bundesverband der Rentenberater hat gerade mal etwa 350 Mitglieder - in ganz Deutschland, wohlgemerkt.

Wie halten Sie sich auf dem Laufenden?

Ich lese Fachzeitschriften und Gerichtsurteile, mache Fort- und Weiterbildungen, informiere mich über Bundestagsinitiativen. Und trotzdem gibt es auch Momente, in denen man denkt, warum man etwas nicht weiß. Zum Beispiel die Sache mit dem Grundwehrdienst: NVA-Soldaten bekommen, wenn sie vor 1982 gedient haben, etwa 12 Euro weniger Rente pro Monat als Bundeswehrsoldaten. Das steht seit 1992 so im Gesetz, ich habe es aber erst im letzten Winter erfahren, als ein Mann mit seinem Rentenbescheid zu mir kam und danach fragte. Jetzt liegt die Sache übrigens beim Sozialgericht Dresden.

Stimmt der Eindruck, dass Ost-Rentner bei bestimmten Regelungen immer wieder benachteiligt werden?

Beim Wehrdienst trifft das zu. Bei der Mütterrente sieht es zwar auch so aus, aber da gibt es keine Ungleichbehandlung. Weil in der DDR mehr Frauen berufstätig waren, profitieren sie davon einfach weniger als Frauen im Westen. Ich halte allerdings die Kürzung der Kindererziehung für verfassungswidrig. Schon 1996 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die während der Kindererziehung ausgeübte Erwerbstätigkeit den Wert der Kindererziehung nicht schmälern oder gar aufheben dürfe. Das derzeit geltende Recht setzt diese Diskriminierung berufstätiger Mütter jedoch fort. Ich warte deshalb gespannt auf die Entscheidung des Bundessozialgerichts.

Ist das Rentenrecht gerecht?

Im Großen und Ganzen ja. Was nicht ausschließt, dass es in Einzelfällen auch zu harten Entscheidungen kommen kann. Etwa durch die Stichtagsregelungen, die aber vom Verfassungsgericht bestätigt worden sind. Dem Gesetzgeber bleibt es natürlich unbenommen, davon abzuweichen.

Ist die Rente sicher?

Wenn man sieht, dass es das deutsche Rentensystem bereits 130 Jahre gibt und in dieser Zeit diverse Weltkriege, Inflation, Währungsreform und -union überstanden hat, dann gibt das Grund zu Optimismus. Das demografische Problem ist aber auch eine große Herausforderung. Es muss gelingen, die Zahl der Erwerbstätigen auf stabilem Niveau zu halten. Und dazu brauchen wir mehr Menschen in Arbeit - Frauen, Menschen mit Erwerbsminderung, Einwanderer. Die große Ablehnung von Ausländern in den Ostländern macht mir Sorgen.

Christian Lindner wird künftig regelmäßig Fragen zum Thema Rentein der "Freien Presse" beantworten.

Christian Lindner

Der Rentenexperte ist Diplom-Verwaltungswirt. 
Der 56-Jährige kam 1991 von Bayern nach Sachsen und arbeitete zunächst in der gesetzlichen Unfallversicherung. 
Seit 1990 ist er als Rentenberater tätig; zunächst nebenberuflich, seit 2002 hauptberuflich.

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