"Viele Haustiere sind wohlstandskrank"

Mehr als 400 Tierärzte beraten in Dresden über neue Behandlungen - Preiserhöhungen sind nicht ausgeschlossen.

Wenn das liebe Haustier schnupft, hustet oder nicht mehr laufen kann, dann sind Tierärzte die ersten Ansprechpartner. 2000 gibt es in Sachsen. Ihre Behandlungsmöglichkeiten werden immer umfangreicher und damit auch kostenintensiver. Um neue Methoden geht es an diesem Wochenende auch bei einer Tagung in Dresden. Mehr als 400 Tierärzte und Fachangestellte aus ganz Deutschland treffen sich dazu im Internationalen Congress Center. Warum das so wichtig und das Haustier längst zum Partner für viele Menschen geworden ist, darüber hat Redakteurin Gabriele Fleischer mit dem Präsidenten der Sächsischen Landestierärztekammer, Dr. Uwe Hörügel aus Dresden, gesprochen.

Freie Presse: Welches Haustier ist am beliebtesten?

Dr. Uwe Hörügel: Ganz klar die Katze. Inzwischen lebt deutschlandweit in jedem vierten Haushalt eine Katze - 14 Millionen insgesamt. Ihnen folgt der Hund mit knapp neun Millionen. Meerschweinchen, Kaninchen und Zierfische liegen in der Gunst ebenfalls oben. Stark im Kommen sind Reptilien. Die Sachsen machen bei der Wahl ihres Lieblingstiers keine Ausnahme.

Für immer mehr Menschen ersetzen Hund oder Katze den Partner oder andere Familienmitglieder. Ist das aus tierärztlicher Sicht nicht bedenklich?

Warum? Gerade ältere Menschen schaffen sich einen Hund an, damit sie nicht so allein sind. Bei Therapien für psychisch Kranke helfen Vierbeiner, sich neu zu orientieren. Kinder können mit einem Tier lernen, Verantwortung zu übernehmen. Positiver Nebeneffekt: Wer als Kind schon viel mit Tieren zu tun hatte, kämpft später weniger mit Allergien. Und ja, manchmal ist ein Hund für seinen Besitzer auch ein Statussymbol. Das ist aber selbst bei der Haltung von sogenannten Kampfhunderassen nicht bedenklich, solange die Tiere gut erzogen und sozialisiert sind. Voraussetzung für die Tierhaltung ist natürlich immer, dass man sich ausreichend um seinen Liebling kümmert und die Tiere nicht vermenschlicht.

Aber nicht jedes Haustier passt doch in jede Wohnung.

Das stimmt. Es passiert leider immer wieder, dass Tierhalter überfordert sind und lebende Geschenke im Tierheim landen. Aber jedes Tier braucht ein seiner Art entsprechendes Umfeld. Deshalb ist es wichtig, dass mit dem Wunsch nach einem Tier auch genau geprüft wird, ob denn überhaupt die Gegebenheiten dafür da sind.

Ist es in Ordnung, tagsüber arbeiten zu gehen und den Hund allein zu lassen?

Nein. Es reicht nicht, früh und abends jeweils eine halbe Stunde Gassi zu gehen. Die Vierbeiner brauchen mehr Auslauf und Zuwendung, damit sie sich wohlfühlen. Sie brauchen einen kühlen Schlafplatz und ausgewogene Ernährung. Katzen wiederum müssen bequem ins Freie kommen, wenn sie nicht gerade für die Wohnung gezüchtet wurden. Zu viel Treppensteigen kann bei Hunden und Katzen auch zu Gelenkbeschwerden führen.

Kommen in Deutschland zu viele Leckerli in die Futternäpfe?

Das sieht man schon oft. Und wenn die Leckerli zusätzlich gegeben werden, führen sie vor allem zu Fettsucht. Sind sie Bestandteil der Tagesration, ist es aber kein Problem. Der Futternapf muss dabei keinesfalls immer mit frisch zubereiteten Speisen gefüllt werden. Fertignahrung enthält inzwischen ausreichend Fette, Proteine und Kohlenhydrate für eine ausgewogene Ernährung. Nur zu viel schadet. Das ist wie beim Menschen. 40 Prozent der Tiere, die in die Praxen kommen, haben aber tatsächlich Wohlstandskrankheiten. Sie leiden an Diabetes, Herz-Kreislauf- und Gelenk-Beschwerden oder auch an einer Verfettung des Herzens. Das war vor 20, 30 Jahren noch nicht so. Und je besser es dem Menschen geht, um so mehr verwöhnt er sein Haustier. Was gut gemeint ist, kann dem Liebling zum Verhängnis werden.

Welche Behandlungsmöglichkeiten haben die Tierärzte dann?

Wir können Medikamente geben, bis zum Insulin bei Diabetes. Aber ohne Diät und Gewichtsabnahme wird das Tier nicht gesund. Damit es nicht so weit kommt, sollten sich Tierhalter rechtzeitig über das Idealgewicht ihres Lieblings informieren - im Netz, bei Tierärzten, in Zoohandlungen.

Welche Krankheiten kommen bei Haustieren noch häufig vor?

Infektionen, Allergien, aber auch Bandscheibenvorfall oder Parasitenbefall. Auch da haben viele Praxen schon modernste Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten wie digitales Röntgen, Blutanalysegeräte, Ultraschall, EKG bis zu CT und MRT. Selbst Organtransplantationen und Herzoperationen sind möglich. Nur gibt es für das Haustier keine Krankenkassenpflicht. Das heißt, der Tierhalter muss alles bezahlen. Nicht jeder kann das. Darüber sollte sich jeder Gedanken machen, ehe er sich ein Tier anschafft. Eine Tierkrankenversicherung abzuschließen, ist durchaus sinnvoll.

Was wird denn bei der Behandlung berechnet?

Das regelt ein Bundesgesetz mit der Gebührenordnung für Tierärzte. Allerdings gibt es keine starren Vorgaben, sondern Von-bis-Spannen - vom Mindestsatz 1,0 bis zum Höchstsatz 3,0. Daran orientiert sich der Tierarzt. So kosten zum Beispiel eine Röntgenaufnahme zwischen 32,07 und 96,21 Euro plus Mehrwertsteuer und die Kastration eines Katers zwischen 60 und 180 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer.

Verlangen da nicht die meisten Tierärzte den Höchstsatz?

Nein, das richtet sich immer nach der Ausstattung der Praxis, der Anzahl der Beschäftigten und den Behandlungsmöglichkeiten, ob Labor und Klinik angeschlossen sind. Gerade hier in Dresden oder auch in Chemnitz wird meist zwischen dem einfachen und 1,5-fachen Satz abgerechnet. Auch wenn das Tierbesitzer anders sehen, so ist es Fakt, dass Deutschland bei den Behandlungskosten im Vergleich zu Österreich, Großbritannien und den nordeuropäischen Ländern Billigpreise hat. Die Kosten aber steigen. Wir müssen für Angestellte Gehälter anpassen, Not- und Wochenenddienste abdecken. Ohne höhere Preise wird das auf Dauer nicht gehen. Wer keine Tierkrankenversicherung hat, sollte monatlich etwas zurücklegen, um im Ernstfall gewappnet zu sein.

Sollte denn ein Tier um jeden Preis behandelt werden?

Nur so lange, wie wir als Ärzte und die Tierbesitzer es auch ethisch verantworten können und es dem Tierschutz entspricht. Bei Tieren, die an unheilbaren Krankheiten leiden, Tumore, Nierenversagen oder Lähmungen haben, empfehlen wir, sie einschläfern zu lassen. Manchmal kostet das aber viel Überzeugungskraft. Denn Tiere sind auch immer Teil der Familie.

Weitere Informationen zur Tierhaltung finden Sie bei der Initiative s.m.i.l.e., beim Bundesverband Praktizierender Tierärzte und bei der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. Zudem gibt es im Internet Infos zu Parasiten und Impfungen:

www.tierschutz-tvt.de
www.tieraerzteverband.de/smile
www.freiepresse.de/stikovet
www.esccap.de

Dr. Uwe Hörügel 

Der 48-Jährige ist seit 2016 Präsident der Landestierärztekammer Sachsen. Er arbeitet bei der Sächsischen Tierseuchenkasse im Pferdegesundheitsdienst.

Hörügel studierte in Leipzig Veterinärmedizin. Später schloss er eine Ausbildung als Fachtierarzt für Pferde ab. (rnw)

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