Mein Leben mit dem Brustkrebs-Gen

Pia Krüger aus Dresden weiß, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Brustkrebs bekommt. Wie sie damit umgeht, schildert sie in einem Buch.

Wenn sie ihre Familie um sich hat, ist Pia Krüger glücklich - so wie jetzt, wo sie mit ihrem Mann Johannes und den Töchtern Emma und Leni im sonnigen Wohnzimmer sitzt. In ein paar Wochen wird sie 32 Jahre alt - ein trauriger Tag. Denn es war der letzte Geburtstag, den ihre Schwester Manja erleben durfte. Sie starb an Brustkrebs - nach vierjährigem Kampf.

Pia wird diesen Tag niemals vergessen. Nach einem Urlaub in Kroatien besuchte sie Manja im Krankenhaus. Wie immer in den letzten Monaten hoffte sie, dass sich Manja erholt. "Doch als ich sie so gezeichnet von der Krankheit in ihrem Bett liegen sah, konnte ich kaum realisieren, dass das meine Schwester sein soll. Nur ihre Augen und das gutmütige Lächeln waren noch dieselben." Am Sterbebett hat Pia ihrer Schwester ein Versprechen geben müssen: "Dass ich nicht an dem gleichen Scheiß wie sie sterbe und mich deshalb testen lasse."

Ein Gentest auf die sogenannten BRCA 1- und BRCA 2-Gene wird Frauen angeboten, in deren Familie Brust- oder Eierstockkrebs gehäuft und in jungen Jahren auftreten. Das ist bei Pia der Fall: Bei ihrer Mutter wurde mit 39 Jahren Brustkrebs entdeckt und behandelt. Immer wieder hat sie Rückfälle und braucht Chemotherapie. Auch ihre Großmutter starb an Krebs. Und dann ihre Schwester. Etwa jede zehnte Brust- oder Eierstockkrebserkrankung ist genetisch bedingt, heißt es. Für diese Frauen gibt es spezielle Zentren - in Sachsen an den Unikliniken Dresden und Leipzig.

Am liebsten hätte sich Pia vor dem Test gedrückt, um unbeschwert weiterzuleben. Ihr Mann Johannes aber riet ihr zu: "Ich möchte meine Frau nicht auch noch zu Grabe tragen", sagt er. Und dann gab es ja noch das Versprechen gegenüber Manja. Sie ließ sich testen.

"Ich ahnte schon, dass ich auch die Genveränderung habe", sagt Pia. "Dennoch hat mich das Ergebnis geschockt." Mit 80-prozentiger Sicherheit würde sie noch vor ihrem 30. Lebensjahr an Brustkrebs erkranken, lautete ihr Urteil, wie sie den Befund nennt. Auch für andere Krebserkrankungen sei sie begünstigt. "Mir blieben also nur noch vier Jahre? Das kann nicht sein."

Ärzte empfehlen betroffenen Frauen in dieser Situation eine engmaschige Überwachung und Früherkennung. Alle halbe Jahre Ultraschall und MRT, klinische Untersuchungen, Bluttests. Und dann das bange Warten auf die Ergebnisse. Das kennt sie schon von ihrer Mutter. Diese jahrelange nervliche Anspannung ist nichts für Pia, das wusste sie. Ein anderer Weg ist die Operation - die vorsorgliche Entfernung der Brustdrüsen und der kosmetische Wiederaufbau. Auch die Eierstöcke müssten entfernt werden, doch das könne auch bis Ende 30 warten, sagten ihr die Ärzte. Denn Krügers wünschten sich noch ein Kind. Sollten sie das tun bei ihrem Gen? Die Zuversicht siegte. Vier Jahre nach der Diagnose einigen Operationen schwenkte Pia glücklich ihren Schwangerschaftstest.

Die vorsorglichen Brustoperationen hatte sie sich einfacher vorgestellt. Das Silikon, was ihr zuerst eingesetzt wurde, vertrug sie nicht. Kein Einzelfall, wie sie in der Klinik erfuhr. "Entzündungen, Schmerzen, es war eine Tortour." Das Silikon wurde entfernt und durch Eigengewebe - aus dem Po - ersetzt. Doch auch das kann sich verkapseln und hart werden. Das passierte bei ihr. Weitere Operationen waren nötig.

Die Diskussion darum blieb auch ihrer Tochter Emma nicht verborgen. Sie machte sich aber ihren eigenen Reim darauf. Als Pia Emma mit ihrem Baby - ihrer zweiten Tochter Leni - aus dem Kindergarten abholte, rief die Kleine ihr von Weitem zu: "Stimmt's Mama, du hast Arschbrüste?" Die Erzieherinnen hätten sich schamhaft weggedreht, doch Pia fand das lustig. "Deshalb habe ich das auch zum Titel meines Buches gemacht." Gar nicht lustig fand sie jedoch eine andere Tatsache: Als ihre zweite Tochter geboren wurde, hatte sie ein paar Tropfen Muttermilch. "Das bedeutete, dass sich wieder Brustdrüsengewebe gebildet hat. Ich war in Panik." Die Nachuntersuchung bestätigte es: Sieben Millimeter Drüsengewebe waren dringeblieben - drei auf der einen und vier auf der anderen Seite. "Sieben Millimeter Ungewissheit, sieben Millimeter Angst", sagt Pia Krüger. Was, wenn sich in diesem Geweberest Krebs bildet? Doch Dr. Mario Marx, Senologe und plastischer Chirurg aus Radebeul, beruhigt: "Etwas versprengtes Brustdrüsengewebe erhöht das Risiko für Brustkrebs nicht. Es ist bei operierten Frauen sogar deutlich geringer als bei Frauen ohne genetische Belastung." Pia Krüger gelte damit als gesund und könne die Krebsfrüherkennung wie jede andere Frau nutzen. "Wer aber in Sorge ist, kann immer zu uns kommen", sagt Marx. Er hat schon viele Frauen wie Pia Krüger vorsorglich operiert.

Doch als nächstes stand erst einmal Emmas Einschulung an. Familie und Freunde feierten ein Sommerfest im Garten - mit Jurten, Feuer und Gitarrenmusik - so wie jedes Jahr. "Wir hatten uns immer vorgenommen, uns nicht nur zu Geburtstagen und Beerdigungen zu treffen." Es ist das sechste Fest ohne Manja. "Sie wird wieder sehr präsent sein an diesem Tag", sagt Pia. Doch das sei sie eigentlich immer. "Ich denke ständig an sie, frage mich in vielen Situationen, wie Manja jetzt wohl entschieden oder was sie dazu gesagt hätte. Manja konnte sich toll kleiden. Sie war eine Schönheit", sagt sie. Ihr Blick wandert dabei auf die vielen Fotos, die ihre Schwester zeigen. "Wenn ich Manjas High Heels trage, bekomme ich oft anerkennende Blicke. In solchen Momenten ist sie mir ganz nah."

In frühestens fünf Jahren wird sich Pia die Eierstöcke entfernen lassen. "Damit tue ich mich etwas schwer, auch wegen der frühen Wechseljahre." Doch es führt wohl kein Weg daran vorbei, wenn sie ihr Krebsrisiko senken will. "Hoffentlich sind nicht wieder so viele Eingriffe nötig." So allgegenwärtig wie Manja ist bei ihr auch immer die Angst um ihre Töchter. Sie würde sie am liebsten jetzt schon testen lassen - natürlich in der Hoffnung, dass sie die Genveränderung nicht haben. Aber was, wenn doch? Deshalb sei es im Grunde richtig, wenn die Kinder erst mit 18 Jahren entscheiden dürfen, ob sie sich testen lassen wollen oder nicht. Es hängt ja viel davon ab. Zwei Töchter erhöhen natürlich das Risiko, den erblichen Brustkrebs weiterzutragen. Doch Pia ist glücklich über ihre Kinder und froh, sich für sie entschieden zu haben. Im BRCA 1-Forum im Internet liest sie oft, dass Frauen sich ihren Kinderwunsch versagen. "Das ist doch schlimm, wenn sie sich wegen eines Gens so ihr Leben zerstören lassen." Die Krankheit könne ausbrechen, müsse aber nicht.

Ihren Kindern sage sie, dass sie immer aufeinander achten sollen, weil sie sich noch haben. "Die Zeit ist so kostbar. Ich bereue jeden Streit, den ich mit meiner Schwester hatte. Obwohl es normal ist, wenn sich Geschwister reiben."

Im Sommer war Manjas Sohn Theo auf Urlaub bei den Krügers. Der Zehnjährige wollte alles über seine Mutter wissen. "Wir haben lange und intensiv geredet. Sie hat wirklich eine große Lücke gerissen." Für Theo und ihre beiden Mädchen hat Pia ein Buch geschrieben. "Ich wollte ihnen etwas Bleibendes hinterlassen. Damit sie irgendwann einmal die richtige Entscheidung treffen. Denn das Leben ist schön - auch mit dem Brustkrebsgen."

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