Zwei Abgänge und viele Fragen

Sowohl Cheftrainer David Bergner als auch Geschäftsführer Thomas Sobotzik haben ihren Rücktritt erklärt. Warum gerade jetzt? Und was sagen die Geldgeber dazu?

Reden will an diesem Vormittag niemand. Gegen halb elf am Donnerstag kommen die Spieler des Fußball-Drittligisten Chemnitzer FC zum Sportforum gefahren, wo für elf Uhr ein Training angesetzt ist. Auch David Bergner trifft ein. Der Trainer versammelt sein Team hinter verschlossenen Türen - es ist seine Verabschiedungsrunde von der Mannschaft. Am Abend zuvor hatte der CFC mitgeteilt, dass der Coach "auf eigenen Wunsch" von seinen Aufgaben entbunden worden sei. Ebenso habe Geschäftsführer Thomas Sobotzik seine Ämter niedergelegt. Bis spätestens 15. September wolle er aber seine Aufgaben wahrnehmen, hieß es.

Nach der Verabschiedungsrunde am Donnerstagvormittag begeben sich die Spieler zum Training auf den Rasenplatz neben dem Hauptstadion. Geleitet wird die Einheit von Assistenztrainer Sreto Ristic, der die Mannschaft auch am Nachmittag beim Testspiel gegen Union Berlin in Hoyerswerda betreut. Weder er noch die Spieler stünden für Interviews bereit, teilt Pressesprecher Steffen Wunderlich mit. Bergner sagt ebenfalls nichts über sein vorzeitiges Aus nach eineinhalb Jahren bei den Himmelblauen.

Der 45-Jährige hatte die Mannschaft im Januar 2018 übernommen, ihren Abstieg aus der Dritten Liga aber nicht verhindern können. Allerdings schaffte er mit einem völlig neuformierten Team trotz laufenden Insolvenzverfahrens den sofortigen Wiederaufstieg - ein Novum. In der Dritten Liga holte der CFC bislang nur drei Punkte aus sieben Spielen und ist Tabellenvorletzter. Bei der 0:1-Heimniederlage gegen 1860 München am vergangenen Freitag hatten einige Anhänger "Bergner raus" gerufen - worauf der Coach im MDR sagte: "Das interessiert mich einen feuchten Furz."

Fünf Tage später tritt er dann doch zurück. Warum, bleibt offen. Spekulationen, Bergner sei aufgrund der bislang wenig überzeugenden Leistungen seiner Mannschaft in der Dritten Liga entlassen worden, erteilte Romy Polster als Sprecherin der CFC-Gesellschaft eine Absage: "Wir haben Bergner nicht kritisiert und die sportliche Situation hat überhaupt keine Rolle gespielt", sagte sie der "Freien Presse" am Donnerstag und ergänzte: "Wir bedauern, dass die Umstände dazu geführt haben, dass die beiden für uns so wichtigen Menschen diese Entscheidung getroffen haben." Die Umstände, das seien vor allem die Beschimpfungen gewesen, denen in erster Linie Geschäftsführer Sobotzik ausgesetzt ist. Bei der Auswärtspartie des CFC in München vor zwei Wochen soll er antisemitisch beleidigt worden sein. "Die Geschehnisse gehen an keinem spurlos vorbei", so Polster. Es hätte ja jeder gesehen, wie schwer die Arbeitssituation für Bergner und Sobotzik sei, ergänzt Gesellschafter Knut Müller. Der Rücktritt Bergners habe ihn dann aber doch "etwas überrascht", sagt er.

Geschäftsführer Thomas Sobotzik war am Donnerstag ebenfalls nicht für Stellungnahmen erreichbar. Nach "Freie Presse"-Informationen hatte er schon längere Zeit Rücktritts-Gedanken - vor allem ausgelöst durch persönliche Anfeindungen aus einem Teil der Fanszene. Er ließ sich jedoch überzeugen, bis Anfang September weiterzumachen, und sich dabei selbst mit um die Verpflichtung von neuen Spielern zu kümmern beziehungsweise den Abgang von Profis nicht zu befeuern. Seit dem Ende der Transferperiode am Montag sind keine Wechsel mehr möglich.

Insolvenzverwalter Klaus Siemon machte am Donnerstag die Fanszene für den Abgang der beiden verantwortlich. Sie habe es unterlassen, Sobotzik und Bergner "in geeigneter Weise den Rücken zu stärken, als es notwendig war", schrieb der Rechtsanwalt auf "Freie Presse"-Anfrage. Die Rücktritte bedeuteten einen "erheblichen Rückschlag" für die Sanierung des CFC, so Siemon: "Eine sportlich überaus erfolgreiche Phase der Sanierung geht damit in bedauerlicher Weise zu Ende."

Vorerst betreut der bisherige Co-Trainer Sreto Ristic das Team. Eine Dauerlösung ist er aber nicht, da er keine Fußballlehrer-Ausbildung hat. Die ist zwingend erforderlich für Trainer im Profi-Bereich. Nach Medienberichten werden Rico Schmitt (zuletzt VfR Aalen), Michael Frontzeck (zuletzt Kaiserslautern) und der erst kürzlich gemeinsam mit seinem Bruder Daniel bei Zweitligist Aue freigestellte André Meyer als Nachfolger gehandelt. Um die Trainersuche kümmert sich Geschäftsführer Sobotzik. Mit seiner Nachfolge befassen sich die Gesellschafter, sagt Romy Polster. Auswirkungen auf das Engagement der Gesellschafter, die als Sponsoren auch viel Geld in den Verein stecken, hätten die Rücktritte nicht, sagt sie: "Wir sind Profis genug, dass wir in solchen Situationen nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen."

Am Abend äußerten sich Spieler und Trainer dann doch noch. Niklas Hoheneder stellte sich nach dem Testspiel gegen Union Berlin den Fragen der Journalisten. Der Rücktritt David Bergners sei für alle überraschend gekommen, berichtet er: "Jeder fragt sich, wie es weitergeht. Aber so ist das Fußballgeschäft. Trainer kommen und Trainer gehen. Wir müssen es annehmen, wie es ist und das machen wir." Sreto Ristic ergänzte: "Es ist keine schöne Zeit. Wir sollten alle nach vorne schauen." Der CFC verlor das Testspiel gegen den Bundesligisten, das in Hoyerswerda ausgetragen wurde, mit 1:3. Den Treffer der Himmelblauen erzielte Rafael Garcia (87.). Unter den rund 1800 Zuschauern im Stadion befand sich auch der potenzielle Bergner-Nachfolger André Meyer.


Kommentar: Siemon unter Druck

Wenn ein Fußball-Drittligist nach sieben Spieltagen nur drei Punkte vorzuweisen hat, verwundert es normalerweise kaum, dass der Trainer geht. Dieser Abgang ist dennoch etwas Besonderes. Zum einen, weil er gleichzeitig mit dem Rückzug des Geschäftsführers bekanntgegeben wurde und damit wie zwischen beiden Personen abgesprochen wirkt. Zum anderen, weil er nicht mit der sportlichen Misere begründet wurde, sondern mit Anfeindungen und Beschimpfungen aus einem Teil der Anhängerschaft heraus. Wenn das tatsächlich der Grund ist, dann hat die Vereinskrise nun endgültig auch den sportlichen Bereich erreicht.

Insolvenzverwalter Klaus Siemon macht einen Teil der Anhänger für den Abgang von Bergner und Sobotzik verantwortlich. Womit er recht hat: Die Anfeindungen, denen vor allem Sobotzik ausgesetzt war, sind nicht zu rechtfertigen. Siemon selbst ist aber mit dafür verantwortlich, dass sich die Stimmung so aufgeheizt hat. Er hat den Verein und dessen Mitglieder als lästiges Beiwerk behandelt. Bergner und Sobotzik galten bzw. gelten als enge Vertraute des Insolvenzverwalters und bekamen so den Frust der Fans zu spüren, der sich eigentlich gegen Siemon richtet. Um den Rechtsanwalt wird es nun einsam, zwei seiner engsten Mitstreiter sind von Bord gegangen. Ob sich ein neuer Geschäftsführer so gut mit ihm arrangieren wird, bleibt abzuwarten.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 9 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    d0m1ng023
    06.09.2019

    Im Grunde braucht der Club jetzt krisenerfahrene und in der Vergangenheit erfolgreiche Leute. Aber wer will sich schon das Pulverfass CFC antun... Da muss man ja schon fast Sadist sein...

    Aus der sportlichen Misere können uns nur zwei namhafte Leute retten. Der CFC hat in der Vergangenheit genug Pfuscher auf der Trainer- und Managerposition gehabt.

    Hans Meyer könnte hier ja mal wieder vorbeischauen... Und als Manager, Uli Hoeneß ist doch jetzt verfügbar.... hahaha

  • 3
    3
    786163
    06.09.2019

    Romy Polster als Sprecherin der CFC-Gesellschaft: "Wir haben Bergner nicht kritisiert und die sportliche Situation hat überhaupt keine Rolle gespielt"
    Sollte das wirklich stimmen? Na dann: Gute Nacht Chemnitzer FC!
    Was sind das für Gesellschafter?

  • 9
    2
    mathausmike
    06.09.2019

    Ein sehr guter Artikel von B.Lummer.
    Er hat alles richtig analysiert.



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