Einstimmung des DFB-Teams auf Estland: «Viele Tore schießen»

Es geht auch mal ohne den Bundestrainer. Beim Sieg in Weißrussland funktionierte das junge deutsche Umbruch-Team auch mit Aufhilfschef Sorg. «Hier wächst was zusammen», frohlockt DFB-Direktor Bierhoff. Es gibt Gewinner, aber auch Verlierer. Und einen allerletzten Saisonjob.

Mainz (dpa) - Die «Notfall-Variante» dürfte auch gegen Estland nicht zum Einsatz kommen. Schon beim ungefährdeten 2:0 (1:0) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Weißrussland musste Joachim Löw nicht aus der heimatlichen Reha als Super-Visor vorm TV-Gerät eingreifen.

Marcus Sorg erledigte seinen Job als Aushilfs-Chef in der Arena von BATE Borissow so gut, dass ihm sein Chef anschließend erfreut zur Drei-Punkte-Lieferung in der EM-Qualifikation gratulieren konnte.

«Der Bundestrainer hat uns beglückwünscht und ist natürlich auch sehr zufrieden», berichtete Sorg von dem kurzen Telefonat, dass er mit Löw noch im Stadion geführt hatte. Sorgs Blick ging am Pfingstwochenende schon wieder nach vorne. Bevor er die Nationalspieler in den Urlaub entlässt, müssen Leroy Sané, Marco Reus und ihre 20 Kollegen am 11. Juni (20.45 Uhr/RTL) noch einen letzten Arbeitseinsatz in der wechselhaften Umbruch-Saison nach dem WM-Desaster 2018 erfüllen.

Gegen den Weltranglisten-96. Estland soll der dritte Sieg im dritten EM-Qualifikationsspiel eingefahren werden. Die Fans in der mit 26.050 Zuschauern ausverkauften Opel-Arena sollen dabei Spaß haben. «Ich hoffe, dass wir spielerisch noch eine Schippe drauflegen können. Wir wollen noch mehr Torchancen kreieren», sagte der Dortmunder Reus, neben dem neuen Erfolgsgaranten Sané Torschütze in Weißrussland.

«Wir wollen immer so viele Tore wie möglich schießen», sagte auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff zu seiner Erwartungshaltung. Das verjüngte DFB-Team sieht er auf einem guten Weg. «Man merkt, hier wächst was zusammen!»

Bierhoff gewährte nach der Partie in Weißrussland auch Einblicke zu Löw, mit dem er Kontakt hielt. «Da kaum auch raus, wie schwer es ihm fiel, das erste Mal nicht dabei zu sein.» Nach 207 Länderspielen als Assistent (34 Spiele) und verantwortlicher Bundestrainer (173) war Löw erstmals in 15 DFB-Jahren nicht im Stadion beim Team.

Der 59-Jährige beschränkte sich aber auf die Rolle des stillen Beobachters. Bierhoffs Handy klingelte nicht, auch nicht in der Halbzeitpause. «Das hätte mich auch überrascht, wenn er hätte eingreifen wollen», sagte Bierhoff, der aber verriet: «Natürlich gab es diese Notfall-Variante. Aber die war nicht notwendig.»

Sorg hatte mit der Mannschaft alles im Griff. Der 53-Jährige bewältigte seine Chef-Premiere in der Coaching Zone unaufgeregt und souverän. «Natürlich war es etwas Besonderes, da muss man nicht lange rumreden», gab er zu. Sein Spielfazit fiel positiv aus: «Wir sind im Gesamtpaket zufrieden.» Den Fokus lenkte er aber auch gleich auf die nächste Pflichtaufgabe gegen die noch punktlosen Esten.

Große taktische und personelle Umstellungen sind nicht vorgesehen. «Klar ist, dass wir versuchen müssen, schon eine gewisse Konstanz reinzubekommen», sagte Sorg: «Von daher sage ich jetzt mal, ohne dass es mit dem Bundestrainer abgesprochen ist, dass man davon ausgehen kann, dass es keine elf Wechsel geben wird.»

Denn Priorität haben aktuell die Ergebnisse. «Siege sind für eine Mannschaft, die wie unsere in der Entwicklung steht, ungemein wichtig», hob Sorg hervor. Darum wird auch gegen kleinere Gegner nicht von der eigentlich auf große Nationen ausgerichteten Dreierkette abgewichen. «Wir wollten der Mannschaft im System einen Halt geben und es nicht schon wieder ändern», begründete Sorg das Festhalten am 3-4-3, mit dem das 3:2 gegen Holland erzielt worden war. Mit dem zarten Aufschwung wird behutsam umgegangen. «Natürlich muss sich das Ganze noch einspielen», sagte Bierhoff.

Löw und Sorg erschaffen nach der Ausmusterung etlicher Weltmeister von 2014 ein neues Gerüst. Im Tor ist Manuel Neuer weiter die Nummer eins. Der Libero-Ausflug des Kapitäns mit einem Ball-Tänzchen an der Eckfahne war der spektakulärste Moment in Borissow. Niklas Süle etabliert sich als Abwehrchef. Bayern-Kollege Joshua Kimmich ist im defensiven Mittelfeld ein neuer Fixpunkt. Und Ilkay Gündogan vertrat in Borissow den vorzeitig in Urlaub geschickten Taktgeber Toni Kroos.

Am deutlichsten erkennbar wird die neue Zeitrechnung in der Offensive. Der im WM-Trainingslager 2018 aussortierte Sané ist plötzlich der Erfolgsgarant. Vier Tore erzielte der 23-Jährige von Manchester City in den letzten fünf Länderspielen. «Im Spiel hat er immer wieder aufblitzen lassen, was in ihm steckt», lobte Sorg den vom FC Bayern umworbenen Angreifer. Sorg hat nicht den Eindruck, dass Sané der öffentliche Rummel um seine sportliche Zukunft «belastet».

Serge Gnabry hat sich vorne ebenfalls festgespielt. Dazu kommt der 30-jährige Reus, dem Sorg eine «fantastische Verfassung» bescheinigt. Wo Gewinner sind, gibt es auch Verlierer: Der Leipziger Timo Werner erlebt gerade seine erste schwierigere DFB-Phase. Auch Julian Brandt oder Julian Draxler haben es schwer im offensiven Konkurrenzkampf. Sorg beschwichtigte aber, als er auf den nicht einmal eingewechselten Werner angesprochen wurde: «Wir müssen unseren Weg sehen. Und auf dem Weg, wo wir hinwollen, ist Timo ein fester Bestandteil.»

Das Ziel des Weges ist die Rückkehr in die Weltspitze und zu neuer Titelreife. «Grundsätzlich haben wir eine positive Tendenz, das ist schon mal wichtig», sagte Kapitän Neuer. Gegen Estland soll sich der Trend verfestigen. Das Motto für das letzte Saisonspiel steht jedenfalls: Ab in den Urlaub mit einem Torfest für die Fans.

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