Olympiasiegerin Anja Mittag: Länderspiel in der Heimat ist Wahnsinn

Die Chemnitzerin Anja Mittag ist aktuell die dienstälteste Fußball-Nationalspielerin in Deutschland. Als Olympiasiegerin kehrte sie zurück in die Bundesliga und besitzt weiterhin ehrgeizige Ziele.

Wolfsburg/Chemnitz.

Mit der Goldmedaille von Rio besitzt sie nun alle Titel, die überhaupt vergeben werden. Anja Mittag ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin, mehrfache Europameisterin, Champions-League-Siegerin, nationale Meisterin und Pokalsiegerin in Deutschland sowie in Schweden. Dennoch, einen Grund zum Abschiednehmen aus der Auswahl, wie es einige Gefährtinnen nach den Sommerspielen taten, sieht die 31-Jährige nicht. "Ich bin immer noch voll motiviert, habe Spaß, fühle mich gut. Und so lange der Körper mitspielt, versuche ich mich anzubieten", meint Anja Mittag im "Freie-Presse"-Gespräch und fügt hinzu: "Außerdem reizt es mich, mit Steffi Jones mal was Neues kennenzulernen, ihren Weg auch als ältere Spielerin mitzugehen."

Mit der neuen Bundestrainerin kickte sie in der Anfangszeit - ihre erste der nunmehr 146 Auswahlpartien bestritt sie am 31. März 2004 - noch zusammen in der Nationalmannschaft. Und die neue Chefin sieht aktuell keinen Anlass, auf die Erfahrungen der Angreiferin zu verzichten. Ganz im Gegenteil, für die ersten beiden Länderspiele unter ihrer Regie übertrug sie Anja Mittag sogar das Kapitänsamt. "Als ich davon erfuhr, war ich schon überrascht. Ich empfand es als große Ehre und Wertschätzung - ein tolles Gefühl", erzählt die Torjägerin. Dabei hat sie überhaupt kein Problem damit, dass sie, wie vorher angekündigt, die Binde nun wieder abgibt. "Es ist eine langfristige Lösung angedacht. Außerdem bin ich wohl auch nicht der Typ dafür, habe es zum Beispiel nicht so mit Ansprachen."

So wird Anja Mittag auch beim geplanten Freundschaftsvergleich am 29. November in Chemnitz gegen Norwegen das Team nicht als Erste auf den Platz führen. Aber das trübt ihre riesige Vorfreude in keiner Weise. "Es ist der Wahnsinn für mich, einfach wunderschön, in meiner Heimatstadt ein Länderspiel zu erleben", gerät sie ins Schwärmen. Beim jetzigen VfB Fortuna hatte sie einst mit elf Lenzen in einer Jungenmannschaft ihre Laufbahn begonnen, setzte diese später beim CFC und dem FC Erzgebirge Aue fort. Als 17-Jährige wechselte sie zum Bundesligisten Turbine Potsdam. 2012 zog es sie nach Schweden (FC Malmö/FC Rosengard), wo sie bis 2015 nicht nur drei Meistertitel und zwei Supercups gewann, sondern mehrfach mit Trophäen in Sonderwertungen (Fußballerin des Jahres, Wertvollste Spielerin der Liga, Torschützenkönigin) ausgezeichnet wurde. Nach einer Saison bei Paris St.-Germain schloss sie sich im September dem zweifachen Deutschen Meister und Champions- League-Sieger VfL Wolfsburg an.

"Ich wollte unbedingt zurück in die Bundesliga. Dabei stand kein anderer Verein zur Debatte, es gab schon längere Kontakte. Wolfsburg ist für mich die optimale Lösung, die Nummer eins. Ich wurde auch super aufgenommen, fühle mich sehr wohl. Alles läuft äußerst professionell ab", berichtet Anja Mittag. Dennoch hatte sie langfristig eigentlich erst 2017 den Wechsel anvisiert, besaß beim Erstligisten in der französischen Hauptstadt einen Zweijahreskontrakt. "Es kamen viele Faktoren zusammen, warum ich vorzeitig aus dem Vertrag rauswollte. Die ungewohnte Sprache, die Mentalität, der fehlende Teamgeist - ich gab alles, erledigte meinen Job aber ohne Leidenschaft, es war keine Herzensangelegenheit", nennt sie einige Ursachen. So wie sie hätten weitere 13 Spielerinnen den Verein verlassen, was sie als zusätzliche Bestätigung für ihre Entscheidung sieht.

Nach der Rückkehr aus Brasilien ließ der Club sie zwar noch ein wenig zappeln, doch in der euphorischen Stimmung nach dem Triumph konnte sie das ganz gut verkraften. "Mit der Goldmedaille ging ein Traum in Erfüllung. Das ist der i-Punkt in meiner Karriere, das Größte", wertet Anja Mittag. Auch der kleine Ärger, dass sie in den sechs Spielen zwar mehrfach für die Torschützinnen auflegte, aber selbst keinen Treffer erzielte, war spätestens mit dem Edelmetall um den Hals völlig verschwunden. Trotzdem wirkte es für sie befreiend, als ihr gleich im ersten Bundesligaeinsatz für Wolfsburg am 4. September gegen Bayer Leverkusen das wichtige 1:0 gelang.

Seither verlief es sportlich jedoch aus ihrer Sicht noch nicht optimal - der Olympiasieg bedeutet keine Einsatzgarantie. Bei einer Partie fehlte sie im Kader, in anderen Begegnungen wie am Dienstag in der Champions League beim LFC Chelsea (3:0) wurde sie in der zweiten Halbzeit erst eingewechselt. "Der Trainer meinte, ich sei etwas überspielt und müde. Sicher ist da was dran, zumal ich nach Rio keine Pause und auch noch den Umzug hatte. Aber wir besitzen einen starken Kader. Und ich muss mich auch an das neue System erst anpassen und vor allem Geduld haben, die Saison ist lang. Aber solche Situationen erlebte ich ja schon ein paar Mal, weiß, wie ich damit umgehe", sagt Anja Mittag. Vor allem im Nationaltrikot fiel ihr mehrfach die Rolle der Reservistin zu, wobei sie diese stets professionell ausfüllte. Beispielsweise gelang ihr im EM-Finale gegen Norwegen 2013 kurz nach ihrer Einwechslung der letztlich entscheidende Treffer. Den Tiefpunkt erlebte sie 2011, als sie vor der Heim-WM sogar aus dem Aufgebot gestrichen wurde. Sie suchte damals neue Impulse in Schweden und kehrte stärker denn je in die Auswahl zurück.

Vielleicht darf sie am Samstag das Pokalspiel bei Regionalligist Fortuna Dresden (Beginn: 14 Uhr) von Beginn an bestreiten. Denn auch auf diese Begegnung in ihrem Sachsen freut sie sich besonders.

Länderspiel in Chemnitz

Chemnitz ist am 29. November erstmals Austragungsort eines Fußball-Länderspiels der Frauen. Der Anstoß der Partie erfolgt um 16 Uhr in der Community4you-Arena.

Das deutsche Team trifft in der letzten Partie 2016 auf Norwegen. Das Team gehört zu den traditionsreichsten im Frauenfußball. Die Skandinaverinnen sind Olympiasieger (2000), Weltmeister (1995) und Europameister (1987, 1993). Der letzte große Erfolg gelang mit EM-Silber 2013.

Laut Sächsischem Fußballverband wird es für das Länderspiel vergünstigte Tickets für Vereine geben. (fp)

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