Arbeit im Heim: Kein Tag wie der andere

Mein Traumberuf Berührungsängste mit kranken und behinderten Menschen? Kennt Vanessa Veil nicht. In einer Serie stellt die "Freie Presse" junge Vogtländer mit bodenständigen Tätigkeiten vor, die man in der Region erlernen und ausüben kann. Heute: Pflegerin.

Rodewisch.

Nachtschichten und Wochenenddienste: Obwohl Vanessa Veil bei Mutter und Großmutter tagtäglich miterlebte, wie kräftezehrend der Pflegerinnenberuf ist und sie deshalb "eigentlich nie Pflegerin werden wollte", passierte es dann doch: Sie wurde Pflegerin, konkret Altenpflegefachkraft, wie es im Fachjargon heißt. "Schuld" war ein Schülerpraktikum in der neunten Klasse, das sie dann doch in die Bahnen der scheinbar generationenübergreifenden beruflichen Vorbestimmung führte.

Seit August 2018 hat die 20-Jährige ausgelernt. Ihr Arbeitsort: das "Heim im Göltzschtal" für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen in Rodewisch. Immer wieder hallt dort ein Schrei aus irgendeinem Zimmer über den Gang; das Interview mit Veil wird mehrmals unterbrochen, weil ein Bewohner immer wieder an die Scheibe klopft. Was er will, bleibt offen. Klar artikulieren kann er sich offensichtlich nicht. Wer das nicht gewohnt ist, fühlt sich überfordert. Vanessa Veil winkt dem Mann nebenbei zu, lächelt bestätigend. Sie ist routiniert.


Dass sie bei Heimleiter Tobias Zschippang im Team landete - auch das ein Zufall. Sie wollte ganz normale Altenpflegerin werden, im Awo-Seniorenzentrum Treuen. Zschippang holte sie zur Probearbeit ins andere Awo-Heim nach Rodewisch. Vanessa Veil blieb. Sie liebe die Arbeit mit den Bewohnern hier, kein Arbeitstag sei wie der andere.

Kurze Zeit habe sie auch mal auf einer Wachkoma-Station gearbeitet. "Dort war es mir zu ruhig", sagt sie. Ein Glücksfall für Zschippang, der weiß, was Veils Herzblut für den Job wert ist. Die Pflegebranche steht sinnbildlich für den Fachkräftemangel. Jahrzehntelang seien die Löhne von den Pflegekassen gedrückt und damit die Branche totgespart worden, sagt Zschippang. Zwar sei dies inzwischen korrigiert worden und weitere Verbesserungen seien in der politischen Diskussion, der Mangel an Pflegekräften bleibe aber vorerst.

Vanessa Veil kann sich trotzdem keinen anderen Job vorstellen. Warum sie zudem das Heim für psychisch Kranke und geistig Behinderte einem normalen Pflegeheim vorzieht: Hier lasse der Personalschlüssel eine intensivere Betreuung zu. Auf 60 Betten kommen rund 30 Pflegekräfte im Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Mit den Bewohnern würden Feste veranstaltet und Urlaubsreisen unternommen, nennt Veil weitere Gründe. Das habe sie beeindruckt.

Spät- und Nachtschichten würde sie inzwischen lieber machen als Frühschicht, fährt die 20-jährige Pflegerin fort. Jede Schicht beginnt und endet mit der Patientenübergabe, alles muss zudem digital dokumentiert werden. Medikamentendosierung und -verabreichung verlangen hohe Konzentration; Arbeitsgänge wie Wecken, Waschen, Anziehen, beim Essenhelfen vor allem Einfühlungsvermögen. Veil fand von Anfang an toll, "wie hier mit den Bewohnern umgegangen wird". Beziehungsaufbau sei ganz wichtig, um Zugang zu den Patienten zu finden. Jeder Patient sei anders, mit Humor lasse sich viel richten. Wird ein Bewohner aggressiv, müsse man ihn oder sie aber in die Schranken weisen, weiß die Pflegerin aus Erfahrung.


Fakten zum Pflegeberuf

Das Schönste an dem Beruf? Jeder Tag sei anders, das sei von den Bewohnern vorgegeben, berichtet Vanessa Veil, 20.

Das Schwierigste an dem Beruf? "Abzuschalten. Häufig bin ich zu Hause in Gedanken noch bei der Arbeit."

Ausbildung? Dauert drei Jahre. Laut Awo-Personalchefin Jana Carabello gibt es im Vogtland mehrere Berufsschulen, die Partner bei der Ausbildung sind. Das komme auf den Wohnort der Azubis an. Vanessa Veil hat im Witt Schulungszentrum Auerbach gelernt.

Was verdient man? Laut Carabello steigt eine ausgelernte Vollzeit-Pflegefachkraft bei der Awo Auerbach derzeit mit einem Gehalt von 2350 bis 2400 Euro ein. Ab 2020 sind es bis zu 200 Euro mehr. Azubis verdienen 1040 bis 1200 Euro brutto. Das Problem: Die meisten Pflegekräfte arbeiten reduziert, so auch Veil, die 35 Stunden pro Woche arbeitet. Ausgeglichen wird das durch Schichtzuschläge, bis zu 300 Euro steuerfrei laut Carabello. "Ich bin zufrieden", sagt Vanessa Veil.

Was muss man können? "Mit Menschen arbeiten", sagt Veil.

Für wen ist das nichts? "Für Leute, die lieber am Computer sitzen und Berührungsängste haben." (suki)

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