Auerbach 89: Telefonzelle am Abgrund

Auerbach vor 30 Jahren: Ein Bundesbürger dokumentierte zufällig die Stadt in der Zeit der Wende. "Freie Presse" zeigt in Serie, was sich verändert hat. Heute: abenteuerliches Telefonieren auf dem Altmarkt.

Auerbach.

Richtig gut abgesichert wirkt die Telefonzelle am Altmarkt nicht, die Tino Leucht bei seiner Visite in Auerbach im Herbst 1989 fotografiert hat. Direkt daneben klafft ein tiefes Loch im Pflaster, notdürftig ist ein Gitter darüber gelegt - telefoniert wird in der Zelle trotzdem. Immerhin wurde davor ein Warnschild aufgestellt. Wahrscheinlich wäre eine Sperrung aus Sicherheitsgründen auch gar nicht gut angekommen bei den Bürgern von damals: Viel zu besprechen, auch mit weit entfernten Bekannten und Verwandten, gab es in diesen bewegten Tagen zweifellos - mangels privater Telefone waren die Möglichkeiten dazu allerdings sehr beschränkt. Münzfernsprecher wie dieser waren für einen erheblichen Teil der Bevölkerung unentbehrlich.

Tatsächlich hat die Telefonzelle am Altmarkt länger durchgehalten als die meisten ihrer Art. Bereits im Frühjahr 2014 wurden die öffentlichen Fernsprecher in der Nicolaistraße sowie an den großen Bushaltestellen Auerbachs abgebaut. Die Silvesternacht 2014/15 brachte dann das Aus für das gute Stück: Unbekannte sprengten die Zelle, die Teile flogen in alle Richtungen davon. Aufgebaut wurde sie nicht mehr - im Zeitalter der Mobiltelefone war sie längst ein Relikt, die Telekom drängte aus Kostengründen ohnehin zum Abbau.

30 Jahre nach dem Loch vor der Zelle wird auf dem Altmarkt wieder gebuddelt: Es geht um die Breitbandversorgung mit schnellem Internet, auf die viele Bewohner des Zentrums länger warten mussten als etliche Menschen in den Vororten. Auch am jahrzehntelangen Standort der Telefonzelle wurden in diesen Tagen neue Kabel verlegt.

Nach wie vor wird geparkt auf dem Altmarkt, nur der Fahrzeugbestand hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten komplett verändert. Die damals allgegenwärtigen Trabis sind als liebevoll gepflegte Oldtimer längst in der Exoten-Rolle. Die Freitreppe und das angrenzende Geländer sehen heute noch so aus wie damals, nur dass die betagten Granitstufen nicht mehr so grau sind. Lange Jahre führten diese Stufen zur Bücherstube von Elvira Kunz hinauf, die 2012 ihre Pforten schloss. Seit 2015 ist in den gleichen historischen Gewölben das Glückscafé ansässig, aus der Taufe gehoben von Ricarda Frank und ihren Töchtern Juliane Müller und Doreen Frank. Die Frauen haben einen wichtigen Anziehungspunkt am Altmarkt geschaffen, der gegenüber dem Neumarkt doch immer etwas weniger zu bieten hat - was sicher auch der Topografie geschuldet ist. Denn hier geht es doch recht steil bergauf, und das Kopfsteinpflaster tut ein Übriges, um das Passieren schwierig zu machen. Als Ausgleich gab es dafür jahrzehntelang das Altmarktfest - aber damit ist es ja neuerdings auch vorbei.

Im Herbst 1989 zogen die Demonstranten unter anderem über den Altmarkt zur Laurentiuskirche, die mitgeführten brennenden Kerzen wurden auf den Stufen vor dem Gotteshaus abgestellt.

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