Bauerfeind wächst dank Fitness-Trend

Das größte produzierende Unternehmen des Vogtlandes befindet sich im Thüringer Teil der Region. Zum 90-Jährigen ist dort die Stimmung bestens. Medizinische Hilfsmittel mischen sich mit Lifestyle.

Zeulenroda.

Um eine Serviette mit einer Skizze und Rotweinflecken ranken sich Legenden. Dörte Heyn zeigt sie gern Azubis und Schulklassen, wenn die Mitarbeiterin sie übers Firmengelände führt. Unter Glas liegt das Überbleibsel einer langen Wirtshausnacht in der Ausstellung zur Firmengeschichte am Hauptsitz der Bauerfeind AG in Zeulenroda. Wie viele Gläser Vorstandsvorsitzender Hans Bauerfeind und sein Wegbegleiter Heinrich Hess, der dann von 1974 bis 1996 Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war, bis zur Idee der ersten Genu-Train-Bandage vergossen, ließ Orthopäde Hess zur 90-Jahrfeier des Unternehmens im Juni offen. Klar ist, dass diese Skizze den Anfang des Aufstiegs des mittelständischen Familienunternehmens zu einem Weltmarktführer im Bereich Bandagen und medizinische Hilfsmittel markiert. Es war die erste, die Bewegung für ein geschädigtes Knie nicht verhinderte, sondern unterstützte. Heute ist die neueste Generation der Bandage, die 1981 erstmals auf den Markt kam, das Herzstück eines aus dem Osten Thüringens international agierenden Imperiums mit Tochterfirmen in mehr als 20 Ländern.

Bauerfeind erwirtschaftet 250 Millionen Euro Umsatz pro Jahr und beschäftigt 2100 Mitarbeiter, 1100 am Stammsitz in Zeulenroda. Viele kommen auch aus dem sächsischen Teil des Vogtlands, allein bei den 42 Azubis ist es jeder Dritte. Das Portfolio der Firma umfasst 150 Produkte in tausenden Varianten: Bandagen, Kompressionsstrümpfe, Orthesen, und orthopädische Einlagen. Die letztgenannten entstehen zum Großteil im Werk in Remscheid.


Kontinuierlich sei die Umsatzsumme in den vergangenen Jahren über die lange gehaltene Marke von 200 Millionen Euro geklettert, heißt es aus dem Unternehmen. Mit einer älter werdenden Gesellschaft wächst auch der Bedarf nach Rezepten für medizinische Hilfsmittel. Davon profitiert Bauerfeind. "Wir spüren den Trend, dass mehr Menschen bis ins hohe Alter in Bewegung bleiben wollen und sich fit halten", sagt Simone Gebler. Sie ist Leiterin der Unternehmenskommunikation. Mit wechselnden Modefarben für die über Sanitätshäuser bestellten und nach Maß angefertigten Kompressionsstrümpfe reagiert Bauerfeind auf die Ansprüche jüngerer Kunden, etwa während einer Schwangerschaft oder aufgrund eines Lymphödems bei krankhaftem Übergewicht.

Nach sechs Minuten spuckt eine Rundstrickmaschine in Zeulenroda einen Kniestrumpf aus. Hohe Luftfeuchtigkeit sorgt in der 10.000 Quadratmeter großen Produktionshalle dafür, dass synthetische Garne sich nicht aufladen, während sie über die Maschinen laufen. Daneben rattern Nähmaschinen. Näherinnen schließen die Fußspitzen per Hand.

Den Fitness-Trend bedient der Hersteller mit einer neuen Linie von Sportkompressionsstrümpfen in leuchtenden Farben. Während die Funktionszonen in den seit diesem Sommer erhältlichen Socken für Läufer gezielt auf Wade, Sprunggelenk und Fuß wirken sollen, trumpfen die Strümpfe für Wanderer mit an den Schuh angepassten Komfortzonen auf und gehen jetzt im August auf den Markt. Im Herbst folgen spezielle Strümpfe für Skifahrer.

Ingenieure tüfteln im eigenen Forschungs- und Entwicklungszentrum an neuen Geweben und Produkten, tauschen sich mit Orthopäden und Kliniken aus und feilen an Verbesserungen für bewährte Kernprodukte. Seit 2016 gibt es die eigene Sportlinie Bauerfeind Sports. Basketballlegende Dirk Nowitzki und die Marathon-Zwillinge Anna und Lisa Hahner werben für die Marke und tragen sie auch selbst, um Leistung abzurufen. Das Know-how für Sportartikel sammelte Bauerfeind über viele Jahre mithilfe von Kooperationen im Spitzensport. 2002 stattete das Unternehmen erstmals das Deutsche Team bei Olympia aus, seit 2010 war Bauerfeind dann Partner des jeweiligen Organisationsteams und versorgte Sportler aller Nationen. Der Einstieg ins Sportbusiness brachte dem Hersteller, dessen Hauptgeschäft im orthopädischen und medizinischen Bereich liegt, einen Imageschub. Zudem spürt Bauerfeind nach den Großereignissen Aufwind in den Märkten der Austragungsländer. So war es in China und Südkorea. Inzwischen wächst das Unternehmen in China zweistellig, wie Beatrix Bauerfeind-Johnson zuletzt auf einer Pressekonferenz sagte. Die Tochter des heute 79-jährigen Seniorchefs ist Mitglied des Aufsichtsrats. Aktuell laufen die Verhandlungen über neue Verträge für die Sommerspiele nächstes Jahr in Tokio. Erst voriges Jahr im November weihte Bauerfeind am Stammsitz eine weitere Produktionshalle ein. Gleichzeitig baute das Unternehmen einen weiteren Standort in Deutschland auf, zog eine neue 700 Quadratmeter große Halle in Gera hoch. Seit wenigen Wochen läuft die Produktion. Orthesen für den Ellenbogen und Bandagen für das Sprunggelenk werden dort hergestellt. Bis 2021 sollen in Gera 100 Arbeitsplätze entstehen. Das Know-how bleibt aber im thüringischen Vogtland.

Nach der Wende war Hans Bauerfeind mit seinem Unternehmen in den Osten zurückgekehrt. In die Stadt, in der sein Großvater Bruno Bauerfeind mit einem kleinen Gummistrickereibetrieb den Grundstein gelegt hatte. "Ich bedaure, dass so wenige meinem Beispiel gefolgt sind", sagte er zum Firmengeburtstag. "Die Region könnte heute noch besser dastehen."

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...