Die Rückkehr der Synagoge

Am 10. November 1938 wurde die Plauener Synagoge in Brand gesteckt. 80 Jahre später gibt es nun wieder einen Gedenkort, der die Erinnerung wachhält - der Ort gibt allerdings zu denken.

Plauen.

80 Jahre nach ihrer Zerstörung ist die Plauener Synagoge wieder zurückgekehrt. Sie ist zwar als Kunstwerk auf das Format 1:20 geschrumpft und steht nun hinter dem Haupteingang links im Foyer des einstigen jüdischen Kaufhauses Tietz, dem heutigen Landratsamt des Vogtlandkreises, wo sie zu den Öffnungszeiten zu sehen ist. Jedoch haben das offizielle Plauen und der Vogtlandkreis nach Querelen im Vorfeld noch die Kurve gekriegt und am gestrigen 80. Jahrestag der Novemberpogrome einen würdigen Rahmen geschaffen.

Enthüllt wurde die Gedenkstele im Rahmen einer Gedenkfeier im Landratsamt durch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) gemeinsam mit Landrat Rolf Keil (CDU) und Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP). Der Schöpfer der Skulptur, Norbert Marten aus Oldenburg, war indes nicht zugegen. Plauens Kultur-Bürgermeister Steffen Zenner (CDU) erklärte dies mit anderen "dringenden terminlichen Verpflichtungen" des "gefragten Künstlers".

Als das Politiker-Trio im Blitzlicht-Gewitter der Fotografen das schwarze Tuch von der Skulptur gezogen hatte, fielen die Reaktionen der Gäste verhalten aus. Statt der angekündigten Stele - laut Definition eine mit Inschriften versehene Säule oder Platte - stand dort ein weißes Modell der Synagoge auf einem dunklen wuchtigen Unterbau mit Inschriften, die an einst im jüdischen Plauener Kaufhaus Tietz tätige Menschen erinnern sollen. Schon kurz nach der Enthüllung der "Gedenkstele" gab es eifrige Diskussionen, was freilich immer auch ein Ziel jedweder Kunst ist. Laut Bürgermeister Zenner habe sich der Künstler mit der Gestaltung an die Vorgaben des Stadtrates gehalten.

Ministerpräsident Kretschmer absolvierte an jenem geschichtsträchtigen 9. November geradezu einen Gedenk-Marathon mit Terminen in Leipzig (9.30 Uhr), Chemnitz (12 Uhr) und Plauen (14 Uhr). Vor seinem Eintreffen im Vogtland gab es am Vormittag eine Gedenkveranstaltung am einstigen Standort der Synagoge an der Ecke Senefelderstraße/Engelstraße.

Lange vor Kretschmers Eintreffen begann die offizielle Plauener Veranstaltung im mittleren der drei Säle des Landratsamtes. Landrat Keil erinnerte an Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich Vernichtung jüdischer Mitmenschen und schlug den Bogen zur heutigen Situation, in der Intoleranz und Ablehnung, Hass und Rassenwahn aufkommen. Unter jenen, die demokratische Werte und Menschenrechte verteidigen, würdigte er insbesondere den Runden Tisch in Plauen. Kretschmer bekannte sich ohne Wenn und Aber zu den jüdischen Gemeinden in Sachsen. Er forderte eine entsprechende Haltung der Zivilgesellschaft ein.

Historiker Gerd Naumann verdeutlichte in seinem Vortrag, was die selbstbewusste jüdische Gemeinde Plauen mit dem Bau der Synagoge 1930 geschaffen und was Plauen und die Region letztlich mit dem Niederbrennen acht Jahre später verloren haben. Das maßgeblich vom jüdischen Gemeindevorsteher Isidor Goldberg vorangetriebene und vom Münchener Architekten Fritz Landauer umgesetzte Projekt schuf ein modernes, der Bauhaus-Architektur angelehntes Gebäude, zugleich eine Symbiose zwischen Gotteshaus und Gemeindehaus. Landauer sprach von einem "Zweckbau mit höchstem ideellen Zweck".


Kommentar: Es wirkthalbherzig

Gut gemeint und gut gemacht, da gibt es Unterschiede. Plauen hat sich schwer getan, einen Ort zu finden, der die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse um die Verfolgung der Juden wachhält. Das einstige jüdische Kaufhaus Tietz und heutige Landratsamt mag auf den ersten Blick passen, doch eine Gedenkstele, die nicht in der Öffentlichkeit steht, sondern in einer Behörde, ist ein fauler Kompromiss. Ja, sie ist dort ziemlich sicher vor Anschlägen jedweder Wirrköpfe, Vandalen und Nazis. Doch Gedenken hinter verschlossenen Türen - sorry, das verschenkt viel von seiner Wirkung, es wirkt halbherzig und nicht aufrichtig.

Ebenso fragwürdig: Der Schöpfer der Stele hatte wichtigere Termine. Bitte?! War er beim Bundespräsidenten? Hatte er eine Papst-Audienz? Beim nächsten Kunst-Auftrag bitte das Erscheinen des Künstlers zur Eröffnung vertraglich sichern!

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