Eine Kino-Orgel als Attraktion

Vor 50 Jahren wurde das Plauener Filmtheater an der Bahnhofstraße modernisiert. Es bekam nicht nur ein neues Aussehen, sondern auch ein neues Konzept verpasst.

Plauen.

Ein Kino mit live gespielter Orgelmusik vor der Vorstellung, mit einem Kinderzimmer im Hause, mit zur Diskussion gestellten Werken bildender Künstler an den Wänden und mit nur einem einzigen Kinosaal? Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Und doch hat es so etwas mal gegeben: Kurz nach dem Jahreswechsel im Januar 1966 öffnete das Plauener Capitol nach umfassender Sanierung neu und mit einer Kino-Orgel als Attraktion.

Eingebaut hat sie Siegfried Metzner. "Das war die modernste Kino-Orgel der DDR", erinnert sich der mittlerweile 86-Jährige. Sein Foto war am 11. Januar 1966 - dem Tag der Wiedereröffnung - groß auf der Lokalseite der "Freien Presse" Plauen abgebildet. "Das Kino ist damals auf uns zugekommen", erinnert er sich. Mit "uns" meint er den VEB Elektronik Plauen, später Elgawa Plauen. In dem Lichtspielhaus hatte vorher bereits eine Orgel gestanden, die verkauft worden war, wie man im damaligen Zeitungstext nachlesen kann. Das neue Instrument, ein auf Halbleiterbasis entwickeltes Transistorenwerk, befand sich in einem von Tischlermeister Curt Sorger geschaffenen Ahorngehäuse.


"Ich bin dann jeden Abend rüber und habe gespielt", berichtet der Plauener. Beim Publikum sei dieses Vorspiel zum Film gut angekommen. Kino war damals beliebt, die Vorstellungen sehr gut besucht. "Es gab ja nichts anderes", macht Siegfried Metzner deutlich, dass Fernsehen noch sehr wenig verbreitet war und andere Medien, die heute selbstverständlich sind, gänzlich fehlten. Er weiß auch noch, dass die neue Orgel-Technik "ganz schön störanfällig" gewesen ist und öfter Reparaturen nötig wurden. In späteren Jahrzehnten erklang die Orgel dann nur noch an Wochenenden. Wochentags legten die Filmvorführer die von der Bezirksfilmdirektion zur Verfügung gestellten Schallplatten auf, um die Zeit bis zum Filmstart zu überbrücken.

Nachdem Maler, Elektroinstallateure, Dekorateure und Tischler dem Innern des Gebäudekomplexes fünf Wochen lang bis zur Eröffnung am 11. Januar 1966 ein neues und "repräsentatives Aussehen" gegeben hatten, wie es damals in der Presse hieß, bekam das Haus auch ein neues Konzept. In den modern ausgestatteten Foyers im Parkett und im Rang präsentierten Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler ihre Arbeiten und stellten sie zur Diskussion. Für Drei- bis Siebenjährige stand fortan ein Kinderzimmer zur Verfügung. Das war rechts neben dem Einlass gelegen, wo man heute zu den Kinos 1 und 2 gelangt. In dem Zimmer mit erleuchteter Glasmalerei an der Decke unterhielten Kinomitarbeiter die Sprösslinge erwachsener Filmbesucher, die sich in der Vorstellung befanden, und führten ihnen dabei Märchendias vor.

Metzner spielte das Instrument im Capitol bis kurz vor der Wende. Was aus der Kino-Orgel nach dem Umbau des Hauses in den 1990er-Jahren wurde, ist unbekannt. "Sie war ja kaputt, und es machte keinen Sinn, sie zu reparieren", sagt Lothar Korndörfer, der damalige Kinoleiter. Vermutet wird, dass das Instrument auf dem Müll landete.

Das Haus wurde baulich grundlegend verändert. Vom Aussehen zu DDR-Zeiten blieb nicht viel übrig.


Aus der Chronik des Plauener Capitol-Kinos

1928: Eröffnung durch Kinounternehmer Andreas Gulder am 31. Oktober, mit rund 1200 Sitzplätzen, zwei Rängen, eigenem Restaurant und Hausorchester.

1930: Übernahme durch die Ufa (Union-Film-Ateliers).

1936: Schauspielerin Marika Rökk und ihr späterer Ehemann, Filmregisseur Georg Jacoby, zur Erstaufführung des Streifens "Der Bettelstudent" Anfang Oktober zu Gast.

1945: Durch Bomben stark beschädigt. Weiterbetrieb ohne Dach.

1950: Kino erhältneues Dach.

1954: Wiedereröffnung am 22. Dezember, nach jahrelangem Wiederaufbau - mit Elektronenorgel.

11. Januar 1966: Wiedereröffnung nach Sanierung - mit modernster Kino-Orgel der DDR.

1990: Die Ufa übernimmt das Haus von der Bezirksfilmdirektion Karl-Marx-Stadt.

1996: Wiedereröffnung nach Umbau zum Filmpalast mit insgesamt acht Sälen.

2003: Cinestar übernimmt das Haus von der Ufa

2009: Im Juni kündigt Cinestar an, den im März 2010 auslaufenden Pachtvertrag mit dem Betreiber nicht verlängern zu wollen. Es droht die Schließung.

März 2010: Ein Interessent für die Übernahme springt im Februar in letzter Minute ab. Das Haus muss geschlossen werden.

Juni 2010: Wiedereröffnung nach Übernahme durch eine Hofer Betreibergesellschaft. (pa)

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