Elektro-Schock: Wenn nichts anderes hilft

Sie galt lange Zeit als Relikt aus dem Horror-Kabinett der Psychiatrie. Doch mitunter ist die Elektrokrampftherapie das letzte Mittel vor dem Suizid. Das Rodewischer Krankenhaus will die Kapazität deshalb ausbauen.

Rodewisch.

Der rebellische Patient, der das ganze Irrenhaus aufwiegelt: Damit brillierte Jack Nicholson 1975 in "Einer flog über das Kuckucksnest". Was sich seit damals ins öffentliche Bewusstsein einbrannte: Elektroschocks sind Folter, ein Instrument der Bestrafung. Pfleger knebeln den Widerspenstigen und jagen ihm Strom durchs Gehirn. Er würgt und spuckt, sein Körper windet sich vor Krämpfen.

Auch Michael Müller, Oberarzt am Sächsischen Krankenhaus in Rodewisch, weiß, dass beim Stichwort Elektroschock noch immer diese Assoziationen geweckt werden. "Das ist eigentlich schade", sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Denn die Elektrokrampftherapie (EKT), wie sie korrekt heißt, sei nicht so schlecht wie ihr Ruf - im Gegenteil. Der aktuelle Stand: Pro Woche werden in Rodewisch an zwei Tagen je vier bis fünf Patienten behandelt. Ein Zyklus umfasst etwa zwölf EKTs. Künftig sollen in der Rodewischer Psychiatrie mehr Patienten so therapiert werden können, auch ambulant. Oberarzt Müller: "Wir planen einen entsprechenden Umbau auf der Schwerpunktstation für affektive Erkrankungen." Wann es konkret so weit ist, könne er noch nicht sagen, momentan liefen Gespräche mit allen Verantwortlichen.

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Müller berichtet von einem aktuellen Fall: eine Frau, seit zehn Monaten auf Station, schwerst depressiv, doch kein Medikament half. Nur die Schock-Therapie habe jetzt angeschlagen. "Es ist wie ein Wunder", berichtet Müller. Die Frau sei wie ausgewechselt, diese Woche beim Friseur gewesen, bald gehe sie heim.

Ein künstlich ausgelöster epileptischer Krampfanfall im Gehirn - auf die Idee, mit Elektro-Impulsen gegen Schizophrenien vorzugehen, kamen in den 30er-Jahren zwei Italiener. Professor Michael Riedel, Chefarzt im Krankenhaus Untergöltzsch, sagt: Bis heute sei der Wirkmechanismus der Elektrokrampf-Therapie nicht hundertprozentig erforscht. Bekannt ist, dass dadurch das Neurotransmittersystem im Gehirn stimuliert wird und bestenfalls wieder ins Gleichgewicht kommt.

Der erste Proband der beiden Italiener war ein gesunder Straftäter, der nicht gefragt wurde. Außerdem wurde die Elektrokrampftherapie zum Beispiel als "Therapie" der Homosexualität eingesetzt. Diese Beispiele zeigen, dass der Schrecken vor der Schocktherapie nicht aus der Luft gegriffen ist. Und sie steht zwar nicht in direktem Zusammenhang mit der Euthanasieproblematik der NS-Zeit, laut Professor Riedel ist das aber auch ein Grund, warum Krankenhäuser noch heute auf die Anwendung verzichten.

Die Praxis ist von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland gilt, zuerst medikamentös therapieren. Das hat auch mit den Kosten zu tun. Denn während früher ohne Narkose und Muskelrelaxationsmittel geschockt wurde und deshalb auch Knochenbrüche und Zungenbisse als Begleiterscheinungen auftraten, wird inzwischen in Rodewisch beispielsweise ein Anästhesist aus dem Krankenhaus Obergöltzsch hinzugezogen.

Die EKT hat heute nichts mehr mit der brachialen Realität von einst zu tun. Und sie kann Leben retten. Laut Riedel und Müller sind es akute Fälle von schwerst depressiven oder schizophrenen Erkrankungen, die damit erfolgreich behandelt werden könnten. "Nebenwirkungsarm", betonen sie. Was auftreten könne, seien temporäre Gedächtnislücken.

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