Entblößer-Vorwurf: Richter fordert Geld von Opfer

Auf dem Rasthof Vogtland soll ein 46-Jähriger einer Frau ans Auto gepinkelt haben. Jetzt muss das Opfer Ordnungsstrafe zahlen oder für drei Tage in Haft.

Plauen.

Passiert ist der alten Dame diese Sache vor einem Jahr. Sie lebt in der Schweiz, war auf der Durchreise. Gegen Mitternacht hielt der kleine Opel, mit dem sie und ihre Begleitung unterwegs waren, am Rasthof Vogtland-Süd. Pinkelpause. Nicht nur für die Schweizer. Während die Frau im Auto wartete, stellten sich zwei Männer vor den Opel, öffneten die Hosen und urinierten auf die Motorhaube. Die Frau war außer sich. Als sie schimpfte, soll sich einer der Männer mit entblößtem Unterleib vor sie gestellt haben.

Mit diesem Fall plagt sich nun das Amtsgericht Plauen, weil der Tatort im Zuständigkeitsgebiet des Gerichts liegt. Seit Monaten liegt die Akte dort. Die Prozesskosten steigen, denn Strafrichter Michael Rüsing konnte noch kein Urteil fällen. Angeklagt ist ein 46 Jahre alter Pole aus Oberschlesien. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm exhibitionistische Handlungen vor. Er und sein Kollege, mit dem er Pinkelpause im Vogtland gemacht haben soll, erhielten Strafbefehle vom Gericht und sollten Geldstrafen zahlen. Während der Kollege den Strafbefehl annahm, rief der 46-Jährige seinen Anwalt an und legte Einspruch ein. Auf dem Spiel steht seine Freiheit: Er ist wegen räuberischen Diebstahls und Körperverletzung vorbestraft. Er hatte noch Bewährung, als die Pinkelpause eskaliert sein soll. Dass er seine Hose runtergelassen hat, streitet er ab und fordert Freispruch.

So etwas lasse sich keiner einfallen, sagte die Staatsanwältin am Donnerstag in der Hauptverhandlung, und Richter Michael Rüsing: "Sie riskieren zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe." Doch er musste die Verhandlung zum zweiten Mal aussetzen. Die alte Dame fehlte, sie sollte als Zeugin aussagen.

Beim ersten Mal Ende Juni war sie 800 Kilometer aus der Schweiz angereist. Damals musste Rüsing die Verhandlung aussetzen, weil kein Polnisch-Deutsch-Dolmetscher eingeladen worden war. Als sie drei Monate später wieder vorm Gericht erscheinen sollte, schrieb die Zeugin eine schriftliche Absage. Sie habe die lange Reise schon einmal vergebens auf sich genommen. Deswegen erscheine es ihr unnütz, die Sache weiter zu verfolgen. Rüsing fand das frech, dreist und anmaßend: "Absagen kann ich einen Friseurtermin, aber keine Ladung vom Gericht." Auf ihren Brief habe er nicht reagiert, er habe sich geärgert über den pampigen Ton. Wegen unentschuldigten Fehlens verhängte der Strafrichter ein Ordnungsgeld gegen die Frau. Sie muss 200 Euro zahlen oder drei Tage ins Gefängnis.

Im Dezember soll es einen dritten Anlauf geben, diesmal mit allen Beteiligten. Rüsing hofft auf das freiwillige Erscheinen der Frau. Der Anwalt des Polen hatte den nächsten Gedanken im Kopf: "Eine Vorführung von Zeugen aus der Schweiz ist unzulässig." Nach einer halben Stunde verließ der Pole zusammen mit seinem Verteidiger das Gerichtsgebäude in Plauen. Vor der Tür trafen sie einen Mann, oben am Schädel ein Haarbüschel, an den Seiten rasiert. Sie sprachen mit ihm, dann fing er herzhaft an zu lachen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.1 Sterne bei 7 Bewertungen
11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    Distelblüte
    27.09.2019

    @Einspruch: Das ist Quatsch. Die FP-Schlagzeile funktioniert gut als emotionaler Clickbait, gibt jedoch die Tatsachen nicht korrekt wieder. Es handelt sich um ein Ordnungsgeld wegen Nichterscheinens als Zeuge vor Gericht ohne begründete Entschuldigung.
    Der eigentliche Täter kommt deswegen nicht einfach so davon, auch wenn er versucht, sich nicht selbst zu belasten.

  • 7
    0
    Suppenfrosch
    27.09.2019

    Was genau soll mir diese Information mit dem eigentümlich frisierten Mann vor dem Gerichtsgebäude sagen? Bin verwirrt ????

  • 6
    2
    Einspruch
    27.09.2019

    Als Opfer wird man vor Gericht erst so richtig vom Rechtsstaat sitzen gelassen.
    Über die Außenwirkung solchen Gebahrens muss man sich als Richter keine Sorgen machen.

  • 7
    4
    Zeitungss
    27.09.2019

    @Pixelhost: Wir reden am Tag 1440 mal von der Digitalisierung. Videokonferenzen sind in diesem Bereich wohl noch unbekannt ? Nur mal so als Anmerkung eines ewigen Nörglers.

  • 4
    3
    Interessierte
    27.09.2019

    Sehr kurios …

  • 18
    0
    AliceAndreas
    27.09.2019

    Wie kann man vergessen einen Dolmetscher einzuladen wenn 2 Polen angeklagt sind?

    Dem Verantwortlichen müsste man an den Prozesskosten beteiligen statt eine alte Frau zum Buhmann zu machen!!!

  • 13
    0
    Glücksritter
    27.09.2019

    Herr Rüsing beschwert sich über eine pampige Art & Weise ihm gegenüber? Das nenne ich Karma.

  • 8
    5
    Pixelghost
    27.09.2019

    @Kuckuck, es ging einen Unterschied zwischen einer protokollierten Vernehmung in Amtshilfe am Wohnort des Zeugen und der Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung. Die Beweisaufnahme findet in Strafprozessen vor Gericht statt. Zeugen haben dort zu erscheinen.
    Es kann Gründe geben (Gesundheit etc.), aber das muss dem Gericht glaubhaft begründet werden.
    Auch Zeugen der Polizei/Bundespolizei müssen zur Vernehmung innerhalb der Beweisaufnahme im strafrechtlichen Gerichtsverfahren von der Nordseeküste bis nach Oberbayern kutschen.
    Was auf dem Papier steht ist marginal. Es zählt das was in der mündlichen Verhandlung gesagt und protokolliert wird.
    So habe ich das gelernt und in der Praxis erlebt.

  • 27
    2
    DerKuckuck
    27.09.2019

    Ist halt von Rechtsstaat nix.mehr zu spüren hier, das merken auch die Schweizer. Die Aussage der Frau hätte man auch schriftlich einholen können. Oder per Telefon oder sonstwas. Jemanden 800Km quer durch Europa zu schleifen wegen ein paar Stunden Gerichtstermin ist mehr als fraglich. Und die Reaktion der Frau, wegen der sinnlosen Anfahrt ist auch mehr als nachvollziehbar.

  • 24
    1
    701726
    27.09.2019

    Alles nur haarsträubend , die Zeugenaussage könnte doch auch am Wohnort der Dame stattfinden , denn ihr wurde doch diese perverse Beleidigung zugefügt und nun ist sie auch noch Täterin. Ja einem Gericht zu wiedersprechen ist schlimmer als diese perverse Tat.

  • 28
    3
    cn3boj00
    27.09.2019

    Kann es sein dass der Richter mit dem Fall überfordert ist? Wäre ja nicht das erste mal in jüngster Zeit. Wenn er aus persönlichem Ärger handelt hat das nichts mehr mit Rechtsprechung zu tun.



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