"Gerade im ländlichen Raum ist die Trennung so verheerend"

Die vogtländische Ex-Landtagsabgeordnete Andrea Roth über die Vorteile von neuen Gemeinschaftsschulen

Andrea Roth stritt schon als Landtagsabgeordnete der Linken im Landtag für mehr direkte Demokratie. Heute gehört sie zu den prominenten Unterstützern des Volksantrags für die Einführung einer Gemeinschaftsschule in Sachsen. Warum ihr das jetzige Schulsystem so gegen den Strich geht, erklärte sie Nicole Jähn.

Freie Presse: Frau Roth, im Vogtland verließen dieses Jahr 46 Schüler ihre Oberschule ohne Hauptschulabschluss. Das sind zwei Klassen. Glauben Sie, über das Konzept einer Gesamtschule würden weniger abgehängt?

Andrea Roth: Das glaube ich in der Tat. Sachsen hat bundesweit mit die höchsten Quoten von Schulabgängern ohne Abschluss. Wenn man Kinder über die vierte Klasse hinaus gemeinsam lernen ließe, lässt man ihnen länger alle Chancen. Entwicklungspsychologisch wurde eindeutig festgestellt, dass man bei Zehnjährigen nicht feststellen kann, welcher Bildungsweg für sie möglich ist. In neun Bundesländern gehören Gemeinschaftsschulen zur Schullandschaft. In Sachsen leider nicht. Das wollen wir ändern.

Sie kennen als Lehrerin beide Schulsysteme. Vor der Wende lernten Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam. Wie empfanden Sie die Zeit des Übergangs?

Es war furchtbar. Ich habe die Schule 1990 in Morgenröthe mit ausgeräumt. Es gibt nichts Schlimmeres. Alles kam in den Müllcontainer, selbst Gebasteltes der Kinder. Schon damals hatte ich eine Unterschriftenaktion für gemeinsames Lernen angeschoben, leider erfolglos. Dann übernahm ich die erste 5. Klasse in Tannenbergsthal. Für die Schüler war es eine Katastrophe, von ihren Freunden getrennt zu sein. Sie haben sich wirklich wie Restschüler gefühlt. Ich konnte bald einen Leistungsabfall beobachten.

Sie meinen, die Kinder glaubten, dass von ihnen als Mittelschüler auch nur Mittelmäßigkeit erwartet wurde?

Das ist die eine Komponente. Es fehlten aber auch einfach die leistungsstarken Schüler, die eine Klasse ziehen und die Gemeinschaft anspornen. Ich glaube, dass Kinder, die in der Gemeinschaft wachsen, später nach dieser Erfahrung achtsamer mit ihren Mitmenschen umgehen. Und dann ist man schnell bei der Frage: Welche Gesellschaft wünschen wir uns? Die neueste Pisa-Studie hat gezeigt, dass eine gute soziale Mischung ein Erfolgsfaktor ist, um alle Kinder zu guten Leistungen zu bringen.

Die Anmeldungen für Gymnasien haben im Vogtland seit dem Aufweichen der Bildungsempfehlung zugenommen. Hürden wurden abgebaut. Braucht es da noch eine Gemeinschaftsschule?

Trotzdem findet eine subjektive Bewertung der Kinder und eine Trennung nach der vierten Klasse statt. Ich kann auch als Oma für meine Enkelin sprechen. Für sie war der Abschied von ihren Freunden nach der vierten Klasse sehr schlimm. Eine Umfrage unter Eltern hat gezeigt, dass sich zwei Drittel eine Gemeinschaftsschule wünschen. Besonders unter den jungen Eltern, die das aktuelle System selbst durchlaufen haben, sprechen sich 78 Prozent für ein längeres gemeinsames Lernen aus.

In Klingenthal sind gerade alle glücklich, weil es in der Stadt wieder eine Oberschule gibt. Welchen Vorteil würden Gemeinschaftsschulen speziell für das Vogtland bringen?

Gerade im ländlichen Raum ist die Trennung nach Klasse vier so verheerend, weil die Schüler oft weite Strecken bis zu ihrer weiterführenden Schule gekarrt werden. Der Schulkomplex in Klingenthal wäre für eine Gesamtschule perfekt. So günstige Bedingungen findet man nach mehr als 25 Jahren im gegliederten Schulsystem leider nur noch selten. Deshalb sind im Volksgesetz Möglichkeiten der Kooperation von Schulen zur Entwicklung von Gemeinschaftsschulen aufgezeigt.

Klingenthal als Modellprojekt?

Für das Vogtland wäre das eine wunderbare Sache, und ich habe auch schon überlegt, den Bürgermeister einfach mal anzurufen. In Sachsen gibt es außer bei Schulen in freier Trägerschaft noch die Modelle in Leipzig und in Chemnitz, die gut funktionieren. Ich habe mir den Unterricht dort angeschaut und war ganz begeistert von der Qualität. Dort findet individuelles und soziales Lernen statt. Die Lehrer unterrichten innovativ und kreativ, sodass die Kinder ein selbstständiges Lernen und Denken entwickeln.

Das klingt ja alles wunderbar. Aber wie soll ein System, das stärker auf individuelle Förderung baut, in Zeiten des Lehrermangels funktionieren?

Es stimmt, das ist ein ernsthaftes Problem, das aber in der Gemeinschaftsschule durch den flexiblen Lehrereinsatz abgemildert wird. Durch den Wechsel zwischen individuellen und kooperativen Lernphasen, Arbeit in Lerngruppen, Unterrichtsprojekten und anderem kann der Lehrereinsatz optimiert werden. Natürlich dürfen Klassen nicht überfüllt sein. Es ist schlimm, dass in Sachen Bildung so viel gespart wurde. Es gibt viel zu tun, um die Schulen wieder auf einen guten Standard zu bringen.

Ihre Partei möchte gemeinsames Lernen verpflichtend an allen Schulen durchsetzen, die Dresdener Initiative aber eine Gemeinschaftsschule als Alternative in der sächsischen Bildungslandschaft ansiedeln. Wie positionieren Sie sich persönlich?

Für das Bündnis wurde ein guter Kompromiss gefunden und ich stehe hinter der Initiative, deshalb arbeite ich seit einem Jahr mit dafür. Oberste Priorität muss sein, dass an den Schulen Frieden herrscht. Wir wollen nichts überstülpen. Das kann auch nicht gelingen. Nur wer selbst von der Sache überzeugt ist, ist auch mit dem nötigen Engagement bei der Umsetzung dabei.

Wie viele Unterschriften haben Sie schon?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir haben mehr als 38.000 Listen ausgeteilt. Wir brauchen auf jeden Fall mehr als 40.000 Unterschriften für den Volksantrag, denn bei der Prüfung werden stets etliche als ungültig erklärt. Aber wir erhalten viel Zuspruch und stoßen mit unseren Aktionen auf Interesse. Die Signale aus Dresden werten wir ebenfalls als günstig, dass es jetzt vielleicht eine Chance für unseren Gesetzesentwurf gibt.


Zur Person

Andrea Roth (65) ging zum 1. September als Lehrerin in den Ruhestand. Die Tannenbergsthalerin war von 1994 bis 2014 Landtagsabgeordnete der Linken. In Dresden machte sie sich stets für direkte Demokratie stark, wofür sie vor drei Jahren die Sächsische Verfassungsmedaille verliehen bekam. Seit 2017 engagiert sie sich in der Dresdener Initiative für Gemeinsames Lernen. Andrea Roth hat drei Kinder und drei Enkelkinder.


Heute sachsenweiter Aktionstag

Das Bündnis Vogtland (unter anderem Grüne, SPD und Linke) informiert über den Volksantrag für Gemeinschaftsschulen in Sachsen heute an einem Infostand auf dem Theaterplatz in Plauen, 10 bis 14 Uhr.

Das Ziel der Initiative: Die Gemeinschaftsschule soll als gleichberechtigte Schulart in Sachsen eingeführt werden. Kinder könnten dort mindestens bis Klasse 9 gemeinsam lernen.

Der fertige Gesetzentwurf soll über einen Volksantrag in die Ausschüsse und ins Plenum des Landtags eingebracht werden. Dafür sind mindestens 40.000 Unterschriften von Befürwortern notwendig.

Infos zur Initiative, die sich in Dresden gründete und sich über Bündnisse breit aufstellt, gibt es im Internet.

www.gemeinschaftsschule-

in-sachsen.de

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