Kreistagswahl: Vogtland kämpft mit Kandidaten-Schwund

WAHLEN 2019: 84 Bewerber weniger als zu den Wahlen vor fünf Jahren fahren die Parteien auf. Woran liegt es, dass so viel weniger Menschen mitgestalten wollen?

Plauen.

84 Kandidaten weniger als zur Wahl im Jahr 2014 wollen in den Kreistag des Vogtlandes. Vor fünf Jahren buhlten um die 86 Sitze noch 441 Interessenten aus elf Parteien und Vereinigungen, diesmal sind es nur 357 aus neun Parteien. Nicht mehr von Bedeutung sind die NPD, die Mühlentalfreunde und die Interessensgemeinschaft Bitex. Neu vertreten ist indes die rechtsextremistische Partei Der Dritte Weg. Bis auf zwei Parteien schicken für den 26. Mai alle anderen weniger Bewerber ins Rennen als im Jahr 2014. Die FDP konnte ihren Kandidaten-Status halten, die AfD ihre Bewerberanzahl mehr als verdoppeln. Einige suchten über Zeitungsinserate frisches Blut. "Freie Presse" hat den Gründen nachgespürt, weshalb die politischen Ämter in Vogtlandkreis offenbar immer weniger Reiz haben.

AfD: Steigert sich von 15 Kandidaten auf 40. Das erklärt Torsten Gahler, stellvertretender Landesschatzmeister der Partei, damit, dass immer mehr Bürger sich vom politischen Angebot der Partei überzeugen ließen und Mitglied würden. Die Anzeigen der AfD in "Freie Presse" am 5. sowie 7. März hätten weitere Kandidaten auf die Liste geholt. "Um die möglichen Mandate in der gesamten Region zu besetzen, benötigen wir auch Nichtmitglieder auf unseren Listen", so Gahler. "Die Problematik stellt sich zur Zeit allen Parteien." Inzwischen geriet die AfD durch innerparteiliche Streitigkeiten aber auch in Turbulenzen, was die Aufstellung ihrer Landtagskandidaten betrifft. Für die Kreistagswahl steht indes alles fest.


CDU: Mit 25 Kandidaten weniger als vor fünf Jahren startet die CDU, insgesamt 58. Darunter auch prominente Gesichter wie das von Sängerin Silke Fischer. Ein möglichst breites Spektrum an Kandidaten wollen die Christdemokraten dem Wähler damit bieten, sagt Sprecher Knut Kirsten. Denn politische Urgesteine wie Johannes Graupner aus Auerbach und der Falkensteiner Arndt Rauchalles treten aus Altersgründen nicht wieder an. "Wir haben aber nicht die Boulevard-Zeitungen nach Köpfen abgesucht", sagt Kirsten. "Die politischen Vorstellungen müssen schon passen." Auch galt es Kandidaten zu finden, die fünf Jahre im politischen Geschäft durchhalten, verlässlich sind. "Nicht wie andere Gruppierungen, die sich mehrfach umbenennen oder alle paar Jahre neu sortieren", meint Kirsten.

DSU: Die DSU schickt wie in 2014 die meisten Kandidaten ins Rennen, muss aber auch Abstriche machen: von 95 auf 68. "Viele ältere Bewerber haben sich zurückgezogen", begründet DSU-Bundesvorsitzender Roberto Rink den Schwund. Mit der Anzeige, die am 11. März in "Freie Presse" erschienen war, wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Auf der einen Seite wollte Rink dem CDU/CSU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus etwas entgegensetzen. Der hatte zuvor in einem Interview einen muslimischen Kanzler nicht ausgeschlossen. Darauf nahm Rink in der Anzeige Bezug. Neue Bewerber kamen über das Inserat nicht zustande. Aber er habe seine Kandidaten eh schon zusammen gehabt, sagt Rink: "Die anderen haben Probleme, Leute zu finden, ich nicht." Ihn kennen eben viele Leute, wie er erklärt. Zudem sei die DSU die letzte verbliebene Partei der Wende.

FDP: Wie hat die FDP es geschafft, ihren Kandidaten-Status von 60 Personen zu halten? Das erklärt der Vorsitzende der Vogtland-FDP, André Ludwig: "Die FDP ist eine kleine Partei, die aber im Vogtland sehr viele gesellschaftlich und kommunalpolitisch engagierte Parteimitglieder und Sympathisanten hat." Die Liberalen stellten in fünf Kommunen den Oberbürgermeister, Bürgermeister oder stellvertretenden Bürgermeister und hätten einen Ortsvorsteher in ihren Reihen. "Wir sind in zehn Kommunalparlamenten vertreten und im Kreistag aktiv", so Ludwig. Man wolle diese gute Arbeit fortsetzen.

Freie Wähler: Statt 38 haben sie diesmal 24 Kandidaten zu bieten. Carmen Künzel, Vorsitzende der Freien Wähler Vogtland, vermutet: "Es gibt immer weniger Menschen, die Bereitschaft zeigen, ein Amt oder Verantwortung zu übernehmen und sich politisch engagieren." Warum das so ist, darüber kann sie nur spekulieren. "Wenn die Älteren nicht wären, wäre es noch viel schlimmer", so Künzel.

Grüne: Die Bündnis-Grünen treten mit 13 statt 19 Kandidaten an, obschon sie innerhalb eines Jahres im Aufwind der Bundespartei zwölf neue Mitglieder im Vogtland gewinnen konnten. Den eigenen Anspruch, jeden zweiten Platz mit einer Frau zu besetzen, konnten sie nicht erfüllen. "Die wenigsten wollen ganz vorn stehen. Wir hatten einiges zu tun, zumindest alle Wahlkreise zu besetzen", sagt Gerhard Liebscher aus dem Vorstand. Er selbst tritt als Direktkandidat für die Landtagswahl an, hält zudem einen aussichtsreichen Listenplatz. "Ich erlebe seit 14 Jahren Verwunderung darüber, dass ich mich öffentlich positioniere, insbesondere in meiner Zeit als Geschäftsführer war das so", sagt der ehemalige Vosla-Chef. Das sei aber kein Problem der Grünen, sondern gesamtgesellschaftlich ein Thema.

Linke: Mit 36 Kandidaten konnten die Linken fast so viele aufstellen wie 2014 (41). Das war nicht einfach, wie Petra Rank als stellvertretende Kreisvorsitzende einräumt. "Es ist heute nicht leicht, Arbeit und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen. Auch ist der Arbeitsaufwand für Kommunalpolitiker größer geworden", sagt Rank. "Umso erfreulicher ist es, dass wir auch junge Frauen gewinnen konnten." Für Gemeinde- und Stadträte finden sich schneller Freiwillige als für den Kreistag. Schuld sei die Intransparenz des Gremiums. "Das Gemauschel hinter verschlossenen Türen schreckt viele ab. Die Chance, als Linke dort Einfluss zu nehmen, sehen viele als zu gering an", sagt Rank. "Es ist schwer, Leute zu überzeugen, dass sie aufgrund dieser Probleme gerade für den Kreistag kandidieren sollten."

SPD: Fast ein Drittel weniger Kandidaten als vor fünf Jahren führt die SPD ins Rennen um die Kreistagsplätze, 49 statt 71. "Der demografische Wandel schlägt gnadenlos durch", sagt Kay Burmeister, Vorsitzender der SPD Vogtland. "Viele junge, politisch engagierte Leute verlassen das Vogtland, etwa zum Studium." Auch die SPD tut sich leichter, Kandidaten für Stadt- und Gemeinderäte zu finden. "Da passiert etwas vor Ort, die Einflussnahme ist direkter. Im Kreistag ist das nicht in der Form gegeben", meint Burmeister. "Das ist aber kein SPD-Problem, sondern ein generelles."

Nicht nur der Vogtlandkreis kämpft mit einem Kandidaten-Minus. 56 weniger als vor fünf Jahren stellen sich im Erzgebirgskreis zur Wahl (2019: 495, 2014: 557). Ein ganz anderes Bild ergibt sich in den beiden anderen Landstrichen der Region Chemnitz: Der Landkreis Zwickau verbucht 2019 insgesamt 468 Kandidaten und damit genau 100 mehr als in 2014. Der Landkreis Mittelsachsen weist mit 540 Kandidaten ein Plus von 55 auf.

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