Land unter: Es trifft wieder dieselben

Die Natur spielt verrückt im Vogtland. Zu Pfingsten gab es Erdbeben, wenige Tage später jetzt Hoch-wasser. Die Opfer der Flut hatten schon vor fünf Jahren mit Überschwemmungen zu kämpfen.

Plauen.

Ihre ganze Wiese war überflutet. So sehr, dass die Schaukel des kleinen Sohnes ins Wasser titschte. "Das kam die Straße runtergelaufen wie ein Bach", sagte Isabelle Pehlke. Eine Rinderherde musste sich in Sicherheit bringen. Bei den Pehlkes in Straßberg gingen die Leitungen des Rasenroboters kaputt. Wie groß der Schaden im Garten ist, steht noch nicht fest. Gestern stand Isabelle Pehlke auf ihrem Grundstück, das nahe der Bio-Mühle am Elsterufer liegt, und hat den Schlamm vom Pflaster gespritzt.

Die Pehlkes hatten trotzdem Glück. Erst seit September wohnen sie in ihrem Eigenheim. Sie brachten den Sohn zur Oma, bauten Dämme aus Sandsäcken und hielten Nachtwache. Das Haus, mit dem sie sich ihren Traum erfüllt haben, ist trocken geblieben.

Das Gebiet, in dem sie wohnen, gehörte zu den Hochwasser-Schwerpunkten von Plauen. In der Mühle nebenan stand das Wasser im Keller. Der Mühlenhof lag bis gestern Vormittag voller Feuerwehrschläuche. Stundenlang pumpten die freiwilligen Wehren und die Berufsfeuerwehr das Wasser aus der Bio-Mühle. Ein Déjà-vu für Geschäftsführerin Petra Gerber, die erst am Mittwoch ihre neue Verpackungshalle in Betrieb genommen hatte. Bei der Flut vor fünf Jahren war ihre Mühle abgesoffen. 2013 war es deutlich schlimmer als dieses Mal. "Damals regnete es über Wochen. Dieses Mal kam alles an einem Tag runter", sagte Erik Dressel von der Berufsfeuerwehr Plauen, der den Einsatz im Ortsteil Straßberg gestern geleitet hat. Der Pegel der Elster hatte dort vor fünf Jahren knapp 40 Zentimeter höher gestanden.

Das Hochwasser hat am Donnerstag und in der Nacht zum Freitag wieder dieselben getroffen wie schon 2013. Weischlitz, Kürbitz, Straßberg und Thiergarten - durch diese Ortschaften schob sich die Flutwelle. Gefährlicher als in der Plauener Umgebung war es im oberen Vogtland. "In Unterhermsgrün war das ganze Unterdorf abgesoffen. Wir haben Kinder von einem Hausdach gerettet", sagte Matthias Heinritz von der Berufsfeuerwehr. Bis nachts half er in der Freiwilligen Feuerwehr Oelsnitz, und gestern pumpte er in Straßberg den Mühlenkeller aus. Die Fleischerei Trommer brachte den Männern Bockwürste, die sie zwischendurch aßen.

Entlang der Elster zog das Wasser gestern die Menschen an. Viele schauten und fotografierten die Spuren der Flut. Tosca Steffen schob den Kinderwagen durch Kürbitz. Sie wohnt im Dorf und wollte sehen, was es dieses Mal angerichtet hat. Nach dem Hochwasser 2013 war sie mit ihrem Mann in eine Ecke des Dorfes gezogen, die sicherer sei. Damals habe das Wasser fast vor ihrer Tür gestanden. "Gerauscht hat es letzte Nacht. Wie an der Ostsee", erzählte sie. Ihr Mann sei zum Elsterufer gelaufen, um den Damm aus Sandsäcken mitzubauen. Aber man habe ihn nicht gebraucht.

An der Alten Weischlitzer Straße, die man im Dorf den "kalten Frosch" nennt, stand gestern Morgen eine Frau. Sie erreiche ihren Bekannten nicht, sagte sie. Das Wasser hat die Straße vom Dorf abgeschnitten, nur mit dem Traktor kam man durch. Die Feuerwehr hatte nachts dort den Strom abgeschaltet und wollte die Bewohner der Straße anderswo einquartieren. Doch viele wollten sich nicht wegbringen lassen, so Gemeindewehrleiter Marco Spiller. Die Kürbitzer wissen inzwischen, was das Wasser mit ihrem Dorf macht. Sandsäcke haben sie schon oft vor ihre Häuser gelegt. "1954 lief es über die Brücke. 1958 war auch schlimm", sagte eine ältere Dame.

Die Kürbitzer wünschen sich das, was die SPD-Landtagsabgeordnete Juliane Pfeil-Zabel per Presseerklärung vom Freistaat einfordert: "Das Vogtland braucht jetzt schnelle und unbürokratische Hilfe. Wir reden hier von immensen Schäden." Wie hoch die sind, dazu gibt es keine Zahlen. In der Plauener Umgebung fuhren die Feuerwehren etwa 50 Einsätze. Sie pumpten Keller und Garagen aus, überflutete Grundstücke frei und stapelten Sandsäcke.

Die Verzinkerei an der Plauener Auenstraße war einer der Orte, vor denen die Feuerwehrleute Respekt hatten. "Wenn da Wasser reinläuft - gute Nacht. Da besteht die Gefahr, dass sich Knallgas entwickelt", sagte Einsatzleiter Dressel. Seine Kollegen sicherten die Firma ab, ebenso die Sparkassenzentrale am Elsterufer. Dort hatte man Angst um den Serverraum. Der Pegel nahm ab, bevor das Wasser überschwappte. Auch am frisch sanierten Stadtstrand und an der BMX-Anlage. Knapp sei es gewesen, sagt André Schäfer vom BMX-Park.

In Weischlitz stehen ebenfalls ein paar Rampen, über die man mit diesen kleinen Rädern fahren kann. Die sind abgesoffen, nichts war dort mehr knapp. Gegen halb neun am Donnerstagabend erreichte die Wasserwelle Weischlitz. Die Talsperre Pirk war so voll, dass ihre Verwalter sie abgelassen hatten. Das Wasser lief in die Nordscheune und die Südscheune und auf das Grundstück des Autohändlers Laube - wie schon 2013. Lutz Härtl ist zweiter Vorsitzender des Fußballvereins FSV Weischlitz. Als er gestern mit seiner Trainingsjacke am Fußballplatz stand, fuhren seine Gedanken Karussell. "Schlimmer als vor fünf Jahren", sagte Härtl. Deutlich mehr Treibgut habe es angespült. Der Platz, den sie damals nach dem Hochwasser ein Jahr lang nicht nutzen konnten, ist wieder überschwemmt. Die wertvollsten Sachen brachten die Fußballer vor der Flut in Sicherheit.

Nächste Woche will die Plauener Stadtverwaltung auswerten, wie weit die Hochwasserschutzmaßnahmen von 2013 gegriffen haben.

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In Plauen wurden von Donnerstag, 15.30 Uhr, bis Freitag, 5.45 Uhr, 43 Feuerwehreinsätze im Stadtgebiet abgearbeitet, bei denen alle neun Ortsfeuerwehren sowie die Berufsfeuerwehr inklusive dienstfreiem Personal mit insgesamt 70 Einsatzkräften im Dauereinsatz waren. Weitere zehn Mitarbeiter vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung waren zur Unterstützung im Einsatz. 30 freiwillige Helfer fanden sich in der Feuerwache ein und befüllten Sandsäcke.

Trockene Sandsäcke: Den Rosenbachern blieb das Glück gewogen. Fünf bis sechs vollgelaufene Keller in Oberpirk und Leubnitz - dabei ist es geblieben. Weil dies jedoch nicht absehbar gewesen war, hatten sich die Feuerwehrleute auf Schlimmeres eingestellt. "Abends hatten wir noch Sandsäcke gefüllt", sagte Gemeindewehrleiter Jochen Sennewald. "Aber die waren dann nicht mehr nötig."

Stundenweise gesperrt: Wegen Überflutung war die Zufahrt zum Elsterberger Ortsteil Noßwitz zeitweise dicht. Laut Bürgermeister Sandro Bauroth (FDP) war die Durchfahrt gestern wieder möglich, auch wenn links und rechts noch Wiesen unter Wasser standen. "So schlimm wie vor fünf Jahren ist es nicht", befand die Noßwitzerin Ramona Schink. Eine Brücke am Rödel, wo der Tremnitzbach in die Weiße Elster fließt, war dagegen auch gestern noch überschwemmt. Fest saß deswegen niemand: "Die Leute können ein anderen Weg nehmen", so Bauroth.

Überflutet waren gestern auch Wanderwege an der Weißen Elster - so zwischen Kläranlage Plauen, Lochbauer und Teufelskanzel. (pa)

Der Pegel Straßberg erreichte in der Nacht zum Freitag den Höchststand von 3,95 Meter. Beim Elsterhochwasser 2013 waren es 4,31 Meter.

Einsatzschwerpunkt in Plauen bildete die Mühle Straßberg. Zudem wurden Schutzmaßnahmen am Stadtbad und der Sparkasse am Komturhof veranlasst sowie im Gefahrenbereich befindliche Firmen informiert.

Auf Hygiene achten: Das Gesundheitsamt empfiehlt, den direkten Kontakt mit verunreinigtem Wasser zu meiden. Das Amt rät, sich mit Gummistiefeln, wasserdichten Handschuhen und wasserabweisender Kleidung zu schützen sowie sich vor Zubereitung und Verzehr von Lebensmitteln sowie dem Rauchen sorgfältig die Hände zu waschen. Obst und Gemüse aus überschwemmten Gärten soll nicht gegessen werden.

Brunnenbesitzer aufgepasst: Wasser darf ausschließlich aus dem zentralen Trinkwassernetz verwendet werden. Sind Brunnen vom Hochwasser betroffen, sollte durch eine Laboruntersuchung sichergestellt ist, dass keine Verunreinigung besteht.

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2Kommentare
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  • 3
    0
    Tauchsieder
    26.05.2018

    Was Weischlitz angeht kann jeder mal Prophet spielen und wird mit seinen Prophezeiungen auch völlig richtig liegen. Beim nächsten Hochwasser wird es die gleichen Bilder geben, Wetten ...!
    Und was den Sportplatz angeht ist der bei dieser Lage geradezu prädestiniert dafür jedes Jahr einmal unter Wasser zu stehen und da bedarf es nicht einmal eines solchen Hochwassers. Hat denn Weischlitz nicht eine Ausweichfläche um diesen Problem ein für alle Mal aus dem Weg zu gehen?

  • 7
    0
    WilhelmTell
    26.05.2018

    Land unter: Es trifft wieder dieselben
    Und wenn die Untere Wasserbehörde nicht endlich so unter politischen Druck Gesetz wird, dass sie - längst überfällig - den SMUL-Erlass zur HW-Schadensbeseitigung vom 11.12.2013 konsequent umsetzt kann es bald wieder Dieselben oder eben andere Bürger treffen. - Macht nichts, die Herrschaften in der UWB haben trockene Büros und mit (hoffentlich) bald erreichter Altersgrenze ja "ihre Schäfchen im trockenen"?



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