Ratte in Sicht: Wo der Tisch gedeckt ist

Schuf das Mülltonnendebakel im Vogtland Futter für Nagetiere? Darum sorgten sich Leser. "Freie Presse" fragte bei einem Schädlingsbekämpfer der Region nach.

Plauen.

Sie sind überall: Ratten. Sie leben in der Kanalisation, in dunklen Winkeln, doch immer in der Nähe der Menschen. Bürger sorgten sich zuletzt, ob die überquellenden Bio-Tonnen im Vogtland und insbesondere in Plauen ein reich gedeckter Tisch für die Nager waren.

Mike Gebhardt von der Firma für Schädlingsbekämpfung HSP Plauen gibt zum Teil Entwarnung. "Bei den aktuellen Temperaturen droht so schnell keine Gefahr. Im Sommer wäre das etwas anderes", sagt er. Er rät, in den wärmeren Monaten Biotonnen geschlossen zu halten und nach den Leerungen regelmäßig mit dem Gartenschlauch auszuspritzen. Selbst ein Plastesack hält Ratten nicht ab, betont der Kammerjäger. Der Geruch sei für sie noch immer wahrnehmbar und köstlich.

Der Betrieb mit Sitz am Plauener Mühlgraben und einer Zweigstelle in Aue übernimmt vogtlandweit Aufträge, wenn Grundstückseigentümer Nager oder andere Schädlinge melden. Wanderratten bekämpfen sie mit Ködern, die die Blutgerinnung hemmen. Die Tiere verbluten innerlich. Bei Hausratten kommen Schlagfallen zum Einsatz, um zu vermeiden, dass Kadaver in Hohlräumen oder Winkeln im Haus verrotten. "Viele versuchen, den Tieren erst einmal mit Ködern aus dem Baumarkt beizukommen. Die sind aber zu schwach. Das führt nur dazu, dass die Population den Wegfall mit mehr Nachkommen kompensiert", sagt Gebhardt.

Der Zweckverband Wasser und Abwasser Vogtland (Zwav) beschäftigt eigenes, dafür ausgebildetes Personal, um die Ausbreitung der Wanderratten in der Kanalisation sowie in den Kläranlagen zu bekämpfen. Etwa 15 bis 20 Befallsquartiere werden dem Zwav jährlich über die Gesundheits- und Ordnungsämter angezeigt, informiert Uwe Donath auf Anfrage. Er ist Chef über die Abteilung Abwasser beim Zweckverband. Erst seit vorigem März ist es verboten, Giftköder flächenhaft im Kanalnetz auszulegen. "Insbesondere in Mischwasser- und Regenwasserkanalisationen ist durch wechselnde Pegelstände dafür Sorge zu tragen, dass Giftstoffe nicht ins Abwasser und damit in die Umwelt gelangen", erklärt Donath. Der Zwav schaffte dafür Köderboxen aus Kunststoff an.

Die Schädlingsbekämpfer von HSP arbeiten seit Jahren aus Sicherheitsgründen mit solchen Kunststoffboxen. Mike Gebhardt hat schon viel gesehen. Ein Kollege zeigte ihm bei einer Schulung ein Video, eins für Hartgesottene. Dickgefressene Ratten klettern auf der Flucht vor den Kammerjägern am Heizungsrohr hoch, mühelos, dicht an dicht ab durch ein Loch in der Decke. 15 bis 20 Tiere leben in einem Stamm. In dem Fall unter dem Fußboden eines Lebensmittelbetriebs in Hessen. Einen solch extremen Fall hat Gebhardt im Vogtland noch nicht erlebt, sah aber schon eine Wohnung, in der Ratten nicht nur zu Besuch, sondern Mitbewohner waren. Ungewollt. "Über Versorgungsschächte können sie mühelos selbst in den vierten Stock gelangen", sagt der Kammerjäger. Wenn sie dann etwas Schmackhaftes finden, kommen sie wieder. Wichtig sei, keine Essensreste die Toilette runterzuspülen. "Aber im Mehrfamilienhaus weiß man nie, was der Nachbar macht." Auch Vogelhäuschen auf dem Balkon sieht der Schädlingsbekämpfer als nicht unproblematisch. Herunterfallende Körner ziehen Mäuse ans Haus, letztlich in die Keller. Im Chrieschwitzer Hang sei das immer wieder ein Problem, sagt Gebhardt. Die großen Wohnungsbaugesellschaften sorgen vor. Sie halten Wartungsverträge mit der Firma.

Anders sieht es bei Abbruchhäusern aus. Dort fühlen sich Ratten ungestört. In einem Radius von 100 Metern geht ein Rudel auf Futtersuche. Der Grundstückseigentümer ist in der Pflicht, Rattenbefall zu melden, zahlt aber auch den Schädlingsbekämpfer. Wenn die Verhältnisse schwierig oder ungeklärt sind, zahlt oft der Nachbar, um die Schädlinge loszuwerden, so die Erfahrung des Kammerjägers. Aus seiner Sicht sollte die Stadt regelmäßig solche Ecken auf Nager überprüfen lassen.

Die Stadt verweist auf Nachfrage zu möglichen Problemecken und wiederholten Rattensichtungen in der Nähe des Oberen Bahnhofs darauf, dass die Stadt für das Thema Rattenproblematik seit der Verwaltungsreform nicht zuständig sei, sondern das Landratsamt. Die Kreisbehörde informiert unterdessen über den Bürgerservice im Internet, dass sich Bürger bei Rattensichtungen auf öffentlichen Flächen oder unbekanntem Grundstückseigentümer an die Gemeinde- oder Stadtverwaltung wenden sollen. Über die Ratte im Umfeld des Bahnhofs wird berichtet, dass sie kaum Scheu vor Passanten zeigt. Sie fühlt sich sicher.

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