Spannender Einblick ins älteste Fernheizwerk Sachsens

Im Vogtland existieren spannende Orte, über die in Führungen Bemerkenswertes erzählt wird - die "Freie Presse" nimmt ihre Leser mit auf Entdeckungstour. Heute: Das Fernheizwerk in Bad Elster.

Bad Elster.

So konnte es beim besten Willen nicht weitergehen und irgendwann hatten die feinen Damen die Nase gestrichen voll: dieser Gestank jeden Tag, dieser Schmutz auf den Hüten und Spitzenkleidern! Das war in den Jahren nach 1835, als ein Interimsbadehaus errichtet worden war, mit einem hohen Schornstein, um die bei der Erwärmung des Badewassers entstehenden Rauchgase abzuleiten. Die feinen Damen also machten ihre Männer scharf, die wiederum konnten nach dem noch heute gültigen Spruch "Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat" handeln und nutzten ihre guten Drähte in die Landeshauptstadt Dresden. So kam es, dass 1897 beschlossen wurde: Das Kurbad braucht saubere Luft, weil auch sie ein wichtiges Heilmittel ist. Und: Der Kurort braucht ein neues Kesselhaus, und zwar außerhalb des Zentrums.

Gesagt, geplant, getan: Nach nur einjähriger Bauzeit und mit Kosten in Höhe von 46.107,60 Mark erfolgte die Inbetriebnahme 1898 in der heutigen Bahnhofsstraße. Die umliegenden Berge bedingten bei bestimmten Wetterlagen einen schwachen Luftaustausch. Deshalb wurden bis zu 120 Meter hohe Schornsteine gebaut. Bad Elster nebst Heizkraftwerk - das war für den König in Dresden sozusagen ein Versuchsballon, denn erst als es funktionierte, statt in die Luft zu fliegen, wurde 1899 auch in der Landeshauptstadt ein solches Werk gebaut.

Mit Informationen dieser Art beginnt Martin Schwarzenberg jede seiner Führungen durch das Fernheizwerk. Es ist das älteste seiner Art in Sachsen und das zweitälteste in Deutschland. Allein das lohnt einen Besuch, für Fachkundige sowieso und für Otto-Normalverbraucher auch. Denn wann hat man schon Gelegenheit, ins Innere eines Fernkraftwerkes zu schauen, die Leitzentrale zu sehen und sich aus sachkundigem Munde technische Zusammenhänge und Abläufe erklären zu lassen.

Trotz der Annehmlichkeiten der zentralen Wärmeversorgung und trotz der Schornsteine belastete die frühere Beheizung mit Braunkohlebriketts die Stadt und vor allem die Menschen. Martin Schwarzenberg: "Zu DDR-Zeiten wurden pro Tag 40 Tonnen Kohle in Wärme umgewandelt. Das entsprach zehn W50-Ladungen. Die Schornsteine haben 70 Tonnen Staub und 300 Tonnen Schwefeldioxid ausgestoßen."

Als die Essen 1994 gesprengt wurden, bedeutete das einen Neuanfang für das Heizkraftwerk. Es arbeitet seitdem auf der Basis von Erdgas, das fast schadstofffrei verbrennt und 50 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß zur Folge hat. "Herzstück der Anlage ist eine Gasturbine, die mit 15.000 Umdrehungen pro Minute Strom erzeugt. Mit dem Abgas wird ein Dampfkessel beheizt, der 10,5 Tonnen Dampf pro Stunde abgibt. Dieser Heißdampf wird in der Gegendruckdampfturbine auf Netzdruck entspannt und zur Stromerzeugung genutzt. Der Wirkungsgrad beträgt 85 bis 90 Prozent", so erklärt Martin Schwarzenberg.

Das Fernheizwerk versorgt heute über ein neun Kilometer langes Fernwärmenetz etwa 100 Kunden - unter anderem das Wohngebiet am Kuhberg, das Staatsbad, die Kirche, Hotels und fast alle Kliniken der Stadt - mit Wärme und Strom. Das macht insgesamt 80 Prozent des Bebauungsraumes aus, was ein Spitzenwert ist im Vergleich mit anderen Fernheizwerken.


Was man vor einem Besuch im Kraftwerk wissen sollte

Wann? Nächste Termine: 21. August, 18. September, 16. Oktober, 20. November, 18. Dezember. Die Führungen starten jeweils um 14 Uhr, Treffpunkt ist am Werkseingang Forststraße 9.

Am 1. September von 11 von 17 Uhr findet ein Tag der offenen Tür statt.

Wie? Eine Führung dauert circa eine Stunde und ist nicht behindertengerecht. Alle Teilnehmer an einer Führung müssen mindestens 14 Jahre alt sein. Schülergruppen haben nur in Begleitung einer Lehrkraft Zutritt. Die Gruppenstärke pro Führung darf maximal 15 Personen betragen (sofern es nicht anders vereinbart wurde).

Besonderes? Es ist erforderlich, festes Schuhwerk zu tragen. Schutzhelme werden zur Verfügung gestellt.

Kontakt? Anmeldungen unter 037437 539210 oder 0371 5255208.

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