Straßenbahn: Elfjähriger ausgesetzt

Erneut gibt es Kritik an Fahrschein-Kontrolleuren. Das sind "Freizeit-Rambos", sagt eine Mutter aus Plauen. Ihr Sohn sei am Arm gepackt und ausgesetzt worden, weil er seine Dauerkarte vergessen hatte. Diese Praxis ist rechtswidrig.

Plauen.

Die Plauener Straßenbahn steht wegen ihrer Kontrolleure in der Kritik. Eltern werfen ihnen vor, zu derb mit Kindern umzugehen, die ihre Dauerkarte vergessen haben. Susanne Breuer schildert diesen Vorfall mit ihrem Sohn, der vergangenes Jahr passiert sei: Der damals Elfjährige sei von einem Kontrolleur eingeschüchtert und vor den anderen Fahrgästen "wie ein Verbrecher" behandelt worden. Der Mann habe den Jungen am Arm gepackt und ihn aus der Bahn gezogen. Der Elfjährige habe am Hauptfriedhof und damit deutlich zu früh aussteigen müssen. Zuvor habe die Mutter dem Kontrolleur am Mobiltelefon versichert, dass der Junge seine Dauerkarte vergessen habe.

Der Elfjährige sollte ebenfalls 60 Euro als Strafe zahlen und bekam einen entsprechenden Beleg für seine Eltern mit nach Hause. Diese Forderung hat das Unternehmen später zurückgenommen, sagt Susanne Breuer. Die Mutter schlägt eine Datenbank vor, in denen Adressen der Kinder erfasst sind. Dann seien die Kinder nicht dem Verhalten von "Freizeit-Rambos" ausgesetzt. Ein ähnlicher Vorfall war Anfang April von einer Neunjährigen auf dem Weg zur Grundschule bekannt geworden.

Sascha Aurich

Aurichs Woche:Der „Freie Presse“-Sonntagsnewsletter von Sascha Aurich

kostenlos bestellen

Das Unternehmen bemüht sich um Klärung. "Wenn wir von drastischen Fällen hören, setzen wir uns mit unserem Sicherheitsdienst in Verbindung. Dann nehmen wir diese Kontrolleure nicht mehr", sagt Straßenbahn-Sicherheitschef Jürgen Schmalfuß. Die Kontrolleure kauft sich das Unternehmen über eine Fremdfirma ein. Dort sind sie angestellt. Die Beschwerden nehme die Straßenbahngesellschaft ernst. Nach einem Konflikt mit einem erwachsenen Fahrgast habe sich der Verkehrsbetrieb bereits von einem Kontrolleur getrennt. "Er wird bei uns nicht mehr eingesetzt."

Die Mitarbeiter würden zum Umgang mit Fahrgästen belehrt und auf die Tarife der Straßenbahn geschult. Es gebe einen Pool an Sicherheitsleuten, die als Kontrolleure eingesetzt werden.

In einem Brief an die Redaktion äußert ein pensionierter Polizist Zweifel, dass das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro von Kindern eingefordert werden darf. Das Unternehmen kriminalisiere damit Strafunmündige. Jürgen Schmalfuß bezieht sich dagegen auf das Personenbeförderungsgesetz und auf den Vertrag, den die Eltern mit dem Kauf der Dauerkarte mit dem städtischen Betrieb eingehen: "Jeder Fahrgast kann mit einem erhöhten Beförderungsentgelt belangt werden."

Nach dem Bußgeldkatalog ist das Vorgehen gegen Minderjährige ohne Fahrschein dagegen nicht zulässig. Darin heißt es: "Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren können von einem Verkehrsunternehmen aufgrund von Schwarzfahren nicht zur Zahlung des erhöhten Beförderungsentgelts gezwungen werden. Begründen lässt sich dies durch die beschränkte bzw. nicht vorhandene Geschäftsfähigkeit."

Unabhängig davon sei aber möglich, eine "Beförderungserschleichung" nach dem Jugendstrafrecht bei Jugendlichen ab 14 Jahren anzuzeigen und zu ahnden.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 5 Bewertungen
14Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    4
    kartracer
    26.04.2019

    @HHCL, man kanns auch übertreiben, oder werden die vorgezeigten Tickets auch auf Echtheit und Gültigkeit geprüft.

  • 5
    1
    HHCL
    25.04.2019

    @kartracer: Im Grunde ja, aber auch da müsste der Nahverkehr auch aufrüsten und sich Scanner zulegen um die Gültigkeit zu prüfen (ähnlich wie bei der Bahn und bei Theatertickets, etc.).

  • 4
    2
    kartracer
    25.04.2019

    Es geht auch noch einfacher, das Ticket auf dem Smartphone abspeichern, denn das wird sicherlich nicht vergessen!

  • 3
    1
    HHCL
    25.04.2019

    @Hankman: Wenn man das einführt und es sich herum spricht, hat bald gar kein Abo-Kartenbesitzer mehr sein Ticket mit. Wo ist das Problem seinen Fahrschein dabei zu haben? Muss man Kindern jetzt diese "Zumutung" auch noch abnehmen, mal an wichtige Dinge denken zu müssen? Meinen Wohnungsschlüssel muss ich auch immer dabei haben. Wie sollen die ein Verantwortungsbewusstsein entwickeln, wenn man immer alles entschuldigt und Probleme immer von der Gegenseite zu lösen sind?

    Außerdem: Wie viele vergessen den ihre Fahrkarte? Wozu also diesen "Service" anbieten.

    Sie schreiben es bedürfe dazu keiner neuen Technik. Das würde bedeuten, dass dann immer jemand in der Zentrale anruft und jemand die Anfrage "händisch" bearbeitet. Aus Datenschutzgründen sind diese Datenbanken (inkl. Kontonummrn, etc.) gar nicht jedem Mitarbeiter zugänglich. Für diesen Unsinn müsste man also Leute abstellen. Wenn es wirklich ein so großes Problem ist, dass man sich nun so dringend darum kümmern müsste, würde da viel telefoniert werden müssen. Das kann's doch wohl nicht sein.

  • 3
    3
    Hankman
    25.04.2019

    @HHCL: Das Problem, die Identität des Kindes festzustellen, hat der Kontrolleur auch, wenn er die 60 Euro Strafe abkassieren will (denn die hat ein Kind sicher nicht in bar dabei). So oder so: Der Kontrolleur notiert die Daten des "verdächtigen" Kindes und gibt sie an das Verkehrsunternehmen weiter - dieses prüft dann, ob tatsächlich (wie behauptet) das Ticket bezahlt ist. Das kann doch nicht so schwer sein. Ist das Ticket bezahlt, hat das Kind keinen Grund, eine falsche Identität vorzugaukeln. Fährt es tatsächlich schwarz, dagegen schon. Ihre Argumentation greift hier also nicht.

    Für das beschriebene Verfahren ist keine zusätzliche Technik nötig. Die Daten sind - wie gesagt - vorhanden. Man könnte natürlich auch tragbare Geräte an die Kontrolleure ausgeben, mit denen sie Zugriff auf die Datenbank haben. Bei personengebundenen Tickets wird generell ein Passbild verlangt - das sollte dann eigentlich auch elektronisch gespeichert und abrufbar sein. Nur dafür wäre zusätzliche Technik nötig.

  • 6
    3
    HHCL
    24.04.2019

    @Hankman: Und wie soll der Kontrolleur feststellen, das er auch genau das Kind vor sich hat, dessen Daten er gerade prüft. Personen dieses Alters haben meist keinen Ausweis dabei; ein Abgleich mit einem Foto etc. ist also nicht möglich. Man hat die Fahrkarte dabei zu haben und vorzuzeigen Punkt!

    Wer soll eigentlich den Aufwand für diese ganzen Abfragen und die Schaffung der dafür nötigen technischen Geräte bezahlen? Alle, die in der Lage sind ihren Fahrschein dabei zu haben, oder nur die Traumtänzer?

    Einzig der rabiate Umgang ist hier ein Problem, dass sich schnell lösen lässt (Abmahnung, Kündigung, gegebenenfalls Anzeige durch die Eltern). Alles andere halte ich für schlicht unnötig, da es im Vergleich auch viel zu selten auftritt.

  • 8
    2
    Hankman
    24.04.2019

    Wenn ich die Vertragsbedingungen der Plauener Straßenbahn richtig verstehe, sind die Dauerkarten für Schüler stets personengebunden und nicht übertragbar. Man bekommt sie auch nur, wenn sie bar bezahlt oder der Firma ein Lastschriftmandat für das Konto erteilt. Das heißt: Die Karte kann normalerweise niemand anderes missbräuchlich verwenden. Und die Datenbank, aus der hervorgeht, ob jemand eine solche Dauerkarte hat oder nicht, sollte eigentlich schon vorhanden sein (auf jeden Fall für die per Lastschrift bezahlten Fahrausweise). Da wir nicht mehr im 19. Jahrhundert leben, sollte das Unternehmen sehr leicht nachvollziehen können, ob für das Kind ein gültiger Fahrausweis bezahlt wurde oder nicht. Man könnte das Ganze kunden- und kinderfreundlich regeln: Vergisst ein Kind unter 14 Jahren einmal den Dauer-Fahrausweis, gibt es vom Kontrolleur eine Ermahnung - und einen Vermerk in der Datenbank. Im Wiederholungsfall verlangt das Verkehrsunternehmen dann eine Verwaltungsgebühr für die nötige Überprüfung in der Datenbank. Aber keine 60 Euro. Das sollte zumindest für Schüler-Jahreskarten im Abo gelten, die quasi automatisch bezahlt werden.

    Etwas polemisch finde ich in dem Artikel den Begriff "ausgesetzt". Das Kind musste aus der Straßenbahn aussteigen. "Aussetzen" ist was anderes. Dennoch halte ich das Vorgehen des Kontrolleurs für rechtlich fragwürdig. Und auch aus Sicherheitsgründen sollte so etwas unterbleiben. Dass die Kontrolleure bei einer anderen Firma angestellt sind, ist nur eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Das Verkehrsunternehmen ist in jedem Fall verantwortlich und sollte dafür Sorge tragen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

  • 19
    3
    HHCL
    24.04.2019

    Ich gehe mal davon aus, dass Hinterfragt auch schon mal was vergessen hat. Das ist aber gar nicht der Punkt, sondern wie man dann damit umgeht. Hier sind irgendwie alle dafür verantwortlich die Fahrtberechtigung nachzuweisen, nur Mutter und Kind nicht.

    Wo ist hier eigentlich das Problem? Wenn man eine personengebundene Karte hat, muss man nur eine geringere Gebühr zahlen. Sollte der Kontrolleur handgreiflich geworden sein, erstattet man Anzeige. Ende der Geschichte.

  • 23
    5
    409086
    24.04.2019

    Ich frage mich ja immer, ob da keine anderen Menschen in den Bussen und Bahnen sitzen, die solchen Kontrolleuren dann mal ordentlich den Kopf waschen und den Betroffenen beispringen. Sowas darf nicht in Gegenwart anderer (Erwachsener) passieren!!! Wenn sowas als "normal" hingenommen wird, muss man sich auch nicht wundern, wenn derart gestrickte Kontrolleure ihre Machtposition gnadenlos ausnutzen. Jeder trägt da eine Mitverantwortung, der mit in der Bahn sitzt und nichts tut.

  • 14
    15
    Hinterfragt
    24.04.2019

    @576218; "...Hinterfragt hat bestimmt noch nie etwas vergessen..."
    Hab ich das geschrieben? Nur muss ich mir dann eben selber an die Nase fassen!

    "... Vielleicht war die Mutter schon auf dem Weg zur Arbeit..."
    Sorry, aber die Schultasche wurde bei uns schon ABENDS gepackt und nicht erst 3vor los!

    Das ganze nennt sich ERZIEHUNG!

  • 6
    6
    CPärchen
    24.04.2019

    Blöde Situation:
    Die Mutter ist zurecht verärgert. Das Beförderungsunternehmen kann auch nur Konsequenzen bzgl. den Mitarbeitern fordern und die Sicherheitsunternehmen können auch nur die Leute einstellen, die sich bewerben.

  • 8
    4
    MPvK87
    24.04.2019

    Dieses respektlose Verhalten der Straßenbahnkontrolleure häuft sich.

    Kürzlich ein 7 Jähriges Mädchen dass sich nicht mehr alleine in die Straßenbahn traut, nun ein 11 Jähriges Kleinkind.
    Vor Wochen hat die freie Presse auch über ältere Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen geschrieben die vergleichbar mies behandelt werden.
    Die „Entschuldigung“ der Straßenbahn ist auch lediglich eine inhaltsleere aneinanderreihung von Wörter in dem sie keine Verantwortung übernimmt sondern alles auf „Sub-Unternehmer“ zurückführt.
    Die handeln im Namen der Straßenbahn.

  • 24
    7
    576218
    24.04.2019

    Kontrolle, Kontrolle. Hinterfragt hat bestimmt noch nie etwas vergessen. Vielleicht war die Mutter schon auf dem Weg zur Arbeit, als der Sohn zur Bahn musste? Einem 11jährigen darf man auch durchaus eine gewisse Eigenständigkeit zumuten. Aber vergessen ist halt menschlich und KINDER sind da wohl keine Ausnahme. Übrigens, wenn unsere Jüngsten kostenfrei mit dem Nahverkehr zur Schule dürften, wäre dieses Problem aus der Welt!

  • 17
    17
    Hinterfragt
    24.04.2019

    Mutter - Datenbank der Kinder - Datenschutz!
    Schön wie die Mutter Fehler auf andere abwälzt.
    Warum hat sie ihr Kind nicht gefragt/ kontrolliert, ob die Dauerkarte dabei ist?
    Der harte körperliche Umgang des Kontrolleurs ist allerdings nicht zu entschuldigen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...