Tauziehen um die Arbeitszeit droht

Das Thema Vertrauensarbeitszeit ist neu im Vogtland. Ein Gerichtsurteil könnte vieles umkrempeln. Das schmeckt nicht allen. Eine Firma machte den Test.

Plauen.

Zigarettenpausen, Telefonate für die Firma nach Feierabend, kurze Erledigungen während der Arbeitszeit: Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte auch die Gewohnheiten der Arbeitswelt im Vogtland umkrempeln. Bald soll es verpflichtend für alle Unternehmen sein, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter zu erfassen. Wie dies in den EU-Mitgliedsstaaten umgesetzt werden soll, ist aber noch offen.

Axel Seidel, Chef der gleichnamigen Modefirma in Schreiersgrün, hat für ein Nachrichtenmagazin im TV den Praxistest gemacht. Eine Woche lang trugen alle jede Auszeit in Tabellen ein, auf Papier. Nervig, konstatieren die Mitarbeiter im Fernsehbericht. Das Urteil des Chefs ist auch schnell gefällt: Zeitaufwendig und untauglich. "Ich möchte hier im Familienunternehmen meinen Mitarbeitern gern auf einer Vertrauensbasis begegnen", sagt Seidel auf Nachfrage der "Freien Presse". "Tabellen über jede Minute Arbeitszeit führen aber genau zum Gegenteil. Das schadet dem Klima." Seidels Test ergab: Vier Minuten benötigen seine Beschäftigten allein fürs Ausfüllen, jeden Tag. "Das sind zwei verlorene Arbeitstage pro Jahr", kritisiert der Chef.

Für Gewerkschaftsvertreter geht diese Rechnung nicht auf. "Wenn man die Gegenfrage stellt, wie viele Minuten Arbeitnehmer pro Tag unbezahlt länger bleiben, weil die Arbeitszeit nicht richtig erfasst wird, kommt man in vielen Unternehmen sicher auf mehr als vier Minuten", sagt Matthias Eulitz, Gewerkschaftssekretär des DGB Südwestsachsen. Er rät Arbeitnehmern prinzipiell, ihre Arbeitszeit zu erfassen. "Das dient auch der eigenen Absicherung", betont er. Gewerkschaftsvertreter wie er begrüßen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Mit Ansammlung unbezahlter Überstunden könnte bald Schluss sein.

In der Plauener Stadtverwaltung ist das Thema Zeiterfassung schon fast ein alter Hut. Seit Dezember 2017 arbeitet das Rathaus einschließlich der Eigenbetriebe Kultur sowie Gebäude- und Anlagenverwaltung mit der elektronischen Zeiterfassung. "Ziel war eine leichte und sicherere Erfassung von An- und Abwesenheitszeiten der Beschäftigten", erklärt Nadine Pissors, Sachbearbeiterin im Organisationswesen. Zuvor füllten die Mitarbeiter Excel-Tabellen aus. Das dauerte. Jetzt erfassen die Angestellten ihre Arbeitszeit papierlos in Echtzeit mittels Transponder oder Buchung am PC. Automatisch werden Pausenzeiten vom Saldo abgezogen. Überzieht ein Mitarbeiter seine Pause, muss er die Einheit über den Computer buchen. Auch Raucherpausen werden auf diese Weise erfasst. Ein Vorteil sei, dass Dienstgänge und Dienstreisen besser belegbar sind, meint Pissors. Auch sei die Datenübertragung für die Gehaltsabrechnung ein Klacks, die Einhaltung der Arbeitszeitregelungen stets dokumentiert. Nachteile habe man noch keine feststellen können. Ein Jahr hatten Rathausmitarbeiter das System getestet, bevor es in weiteren Abteilungen zum Einsatz kam. Ein Wechsel zur einer anderen Form, etwa über eine App, sei derzeit nicht angedacht.

Unterdessen stemmt sich das Präsidium der Industrie- und Handelskammer (IHK) Plauen als Interessensvertretung der regionalen Wirtschaft gegen Änderungen. Es fürchtet, dass insbesondere kleinere, mittelständische Unternehmen unter dem Plus an Bürokratie ächzen. "Wir hoffen auf eine Variante, die es kleinen Firmen einfach macht", sagt Justiziar Julian Kohl. Schon die Kosten für die Anschaffung von Zeiterfassungsprogrammen bereiten Kopfschmerzen. So auch Mode-Unternehmer Axel Seidel. "Ich kann meine Mitarbeiter nicht zwingen, eine App zur Zeiterfassung auf ihr privates Smartphone zu installieren. Ich kann aber auch nicht allein für die Zeiterfassung alle mit einem Dienstgerät ausstatten", sagt er. Ein praktikables, bezahlbares System für die Anforderungen in seiner Firma habe er noch nicht gefunden.

Schon kurz nach dem Urteil im Mai hatten sich Vertreter der regionalen Wirtschaft kritisch geäußert. Die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU im Vogtlandkreis lehnt eine generelle Pflicht zur Arbeitszeiterfassung ab. "Das Urteil geht an der Realität der Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Vogtland vorbei", kritisierte Frieder Seidel, Vorsitzender und selbst Unternehmer. Nicht mehr Bürokratie, sondern mehr Flexibilität sei nötig.

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5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Zeitungss
    18.09.2019

    @Eichelh....:Dann haben Sie in einem Büro gearbeitet, wo Hammer und Meißel noch zur Grundausstattung gehört. Wir reden täglich und zwar den ganzen Tag über Digitalisierung und es scheitert schon an einer Arbeitszeiterfassung. Ich muss auch nicht mit dem Chef absprechen, der hätte das zwar gerne, um meine geleistete Arbeitszeit nachzuweisen und hinterher einer genauen Berechnung nachzulaufen.
    Warum kommt man ausgerechnet auf die Idee der Erfassung und die AG sind dagegen ? Nicht umsonst rennen genug AN der Bezahlung ihrer geleisteten Überzeit hinterher. Es gibt eine Reihe Betriebe wo die Erfassung kein Problem ist und die AN demnach auch keine Probleme haben. Als Beispiel nenne ich einmal die DB, dort wird nach Minuten im operativen Dienst abgerechnet und Flexibilität ist in diesem Bereich wohl keine Frage. Es ist auch jeder Zeit möglich nachzukommen, wer wann wo und wie lange gearbeitet hat, der Privatunternehmer kann sich an dieser Version nicht erfreuen, was verständlich ist und wenn eine AN-Vertretung noch ins Handwerk pfuscht, schon gar nicht. An der Technik liegt es nicht, eher am Willen. Betroffene sind jederzeit lieferbar.

  • 2
    2
    Eichelhäher65
    17.09.2019

    Nein, Zeitungss, ich bin kein Unternehmer, sondern war kleine Büroangestellte in der Lohnbuchhaltung, die den ganzen Quatsch bearbeiten musste ! War selbst Teilzeitkraft, die ihre Arbeitszeit täglich aufschreiben musste. Und - was bringt es?
    Wenn man länger machen musste, war das eben so, schließlich wollte und musste man fertig werden. Zur Monatsmitte, wo im Lohn weniger zu tun war, ging man eben mal eher, kein Problem. Wird sicher nicht überall so einfach sein, aber bei Angestellten kann es doch nur so ähnlich laufen, wenn man keine "Arbeit nach Vorschrift" haben will. Sicher ist das auch ein Problem der Bezahlung überhaupt. Wer in seinen Augen zuwenig verdient, wird auch nicht länger machen wollen, ganz klar.Für Stundenlöhner gibt es Zeitkonten. Überstunden werden dort im Zeiterfassungsprogramm , was man für diese dann natürlich haben muss, gespeichert und in einem bestimmtenn Zeitraum abgesetzt. Das ist schon jahrelang möglich . Für kleine Firmen ist das zu teuer. Hier kennt man sich aber dafür persönlich und kann so bei Auftragsspitzen und -flauten flexibler reagieren. Es muss in Absprache zwischen Chef und Arbeitern geregelt werden, anders geht es gar nicht.

  • 5
    0
    Zeitungss
    17.09.2019

    @Eichel...: Wenn ein AN, gleich welcher Art, 7 Std. 43 Min. arbeitet und ein anderer AN 9 Std. 27 Min arbeitet hat er Anspruch auf entsprechende Vergütung. Wenn Sie zu den AG gehören, welche Arbeitszeit noch mit Hammer und Meißel in Stein dokumentieren müssen oder wollen, haben Sie die Zeit verpasst. Selbst zu Ostzeiten gab es die mechanische Stechuhr. Erbrachte Arbeitszeit unter den Tisch fallen ist auf jeden Fall einträglicher für den AG. Nicht umsonst stehen in D. Mio. unbezahlte Überstunden im Raum, wenn man den Medien glauben darf. In meinem Bekanntenkreis ist es mehrfach Realität und belegbar.

  • 7
    4
    Zeitungss
    16.09.2019

    Eichelh….: Es geht einzig und allein darum, das Beschäftigte ihre tatsächlich geleistete Arbeitszeit auch vergütet bekommen. Sollten Sie Unternehmer sein, ist Ihre Ablehnung nachvollziehbar.

  • 9
    2
    Eichelhäher65
    16.09.2019

    Vor einigen Jahren wurde bereits die Erfassung der Arbeitszeit für Minijobber und Teilzeitkräfte angeordnet. Jeder musste in meiner damaligen Firma die Erfassung für sich vornehmen und unterschreiben. Auch dies hätte man problemlos manipulieren können. Es ging darum, dass Teilzeit-und Minijobber nicht zuviele Stunden für ihren Lohn leisten. Dies sollte angeblich irgendwann der Zoll kontrollieren, was aber in vielen Branchen nur alle zig Jahre überhaupt möglich wäre. Völliger Blödsinn !
    Was aber jetzt passieren soll, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Statt Flexibilität werden starre Arbeitszeiten verordnet, die dokumentiert werden müssen. Stundenlöhner haben sowieso ein Zeiterfassungssystem, da ist es auch nötig für die Lohnabrechnung, aber Angestellte oder kreative Berufe kann man doch so nicht gängeln ! Man sollte froh sein, wenn diese Kräfte flexibel arbeiten und wenn sie selbst der Meinung sind, dass sie ungerecht behandelt werden, dann müssen sie dies mit ihrer Firmenleitung klären, anders geht es nicht, was helfen da Bürokratiemonster ? Man kann letzten Endes alles manipulieren, dass es ins Bild passt, wenn die Gesetze es verlangen.



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