Wende-Abend weckt Gefühle und Erinnerungen

Der Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, Roland May, hat viele Lieder und Texte aus der Zeit der DDR, der Friedlichen Revolution gesammelt und danach zu einem Gesamtkunstwerk geformt.

Plauen.

Wenn man in einer Vorstellung von "Die bessren Zeiten sagen Guten Tag" im Löwel-Foyer des Vogtland-Theaters sitzt und das entsprechende Lebensalter aufzuweisen hat, dann hat man unentwegt ein Aha-Erlebnis. "Das kennst du doch", kommt es dem Besucher immer wieder in den Sinn. Denn natürlich hat Generalintendant Roland May für seinen Wendeabend viele bekannte und einprägsame Stücke aus dieser Zeit ausgesucht und sie wie die Texte von Heiner Müller und anderen zu einem Kunstwerk geformt.

Dazu dient ihm ein DDR-Wohnzimmer mit den altbekannten Tapeten, Gardinen, der obligatorischen Schrankwand, Erdnuss-Flips und eine Gruppe von Jugendlichen, von Punkern, die diese Lieder singen. Und dass junge Leute auch damals zuhause rumgehangen und ihre Lieblingssongs nachgesungen, vielleicht noch Luftgitarre dazu gespielt haben, ist nachvollziehbar und nicht weit hergeholt.

Passend zur Langspielplatte in der Schrankwand erklingt dann auch gleich "I can't get no satisfaction". Auch Wolf Biermanns "Warte nicht auf bessre Zeiten", Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow", Bettina Wegners "Sind so kleine Hände", "Born in the GDR" der Gruppe Sandow, Marius Müller-Westernhagens "Freiheit" und "Als ich fortging" der Gruppe Karussell sind in den zirka 75 Minuten zu hören.

Die Herkunft dieser Lieder kennen freilich nur die reiferen Jahrgänge im Publikum. Die Jüngeren können da nur raten. "Als ich fortging" aus dem Jahre 1987 wird heute gerne als Wendelied gesungen, was es ursprünglich aber nicht gewesen ist. Die Melodie hat sich Dirk Michaelis schon als Kind ausgedacht. Der Text stammt von Gisela Steineckert. Es geht um die Trennung eines Paares. Das Lied wurde 1988 in der Folge "Eifersucht" der TV-Serie "Polizeiruf 110" als Filmmusik verwendet.

Die Gruppe Jugendlicher wird in der Theaterinszenierung von Sabrine Pankrath, Johanna Franke, Gerrit Maybaum und Dominik Tremel dargestellt. Gerrit Maybaum glänzt mit einer Udo-Lindenberg-Parodie, bei der kein Auge trocken bleibt. Dominik Tremel stimmt am Klavier auch schon mal die Sandmann-Melodie aus dem DDR-Kinderfernsehen an, als die Akteure sich schlafen legen. Das Lied "Sind so kleine Hände" und auch andere Stücke lassen so die Zuschauer nicht kalt, rühren an.

Der Abend ist mit Texten von Christa Wolf, Volker Braun, Heiner Müller, Peter Hacks und auch von der damaligen Machtzentrale Politbüro angereichert, die man aus heutiger Sicht vielleicht hier und da etwas anders sieht als damals. Für diesen gelungenen Abend bekamen die Schauspieler und Regisseur Roland May viel Applaus.


Auszüge vorgetragener Texte

"Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle. Er ist die Zukunft der heranwachsenden Generation. Es lässt uns nicht gleichgültig, wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben."

(Aus der Erklärung des Politbüros des ZK der SED vom 12. Oktober 1989 nach Massenflucht von DDR-Bürgern)

"Ich vertrete entschieden die Meinung, die DDR ist von den Russen verschleudert worden, und diese haben den dazu nötigen Umsturz in der DDR organisiert." (Peter Hacks)

"Sobald das Wort Volk fällt, werde ich doch misstrauisch. Es ist nicht mein Volk. Ich hab' sehr gut verstanden, gerade im Herbst vorigen Jahres, warum der Brecht immer darauf bestand, Bevölkerung zu sagen statt Volk. Natürlich ist so eine Losung 'Wir sind eine Bevölkerung' unbrauchbar, die zündet überhaupt nicht. ... Aber zurück zur Revolution. Man darf das, glaube ich, nicht so pathetisch nehmen, so heroisieren. Was da wirklich passiert ist, war ein Staatsbankrott."

(Heiner Müller) (pa)

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