"Das Volk auf Linie bringen"

Über die paranoiden Reaktionen der Plauener SED auf den "Prager Frühling" spricht Archivar Clemens Uhlig

Vielen Menschen blieb die Reformbewegung "Prager Frühling" durch ihr gewaltsames Ende im Gedächtnis. Clemens Uhlig, stellvertretender Leiter des Plauener Stadtarchivs, hat seitenweise Dokumente zum Thema ausgewertet. Andreas Klinger sprach mit ihm über Reaktionen in Plauen am Tag des Einmarsches in Prag.

"Freie Presse": Die Menschen in Prag gingen auf die Straße, weil sie von einem besseren Leben in Freiheit träumten. Was haben die Leute in Plauen davon mitbekommen?

Clemens Uhlig: Offiziell wenig. Als in der Nacht zum 21. August aber in der Nähe von Plauen stationierte sowjetische Panzer in Richtung Tschechien rollten, hat das die Leute aufgeschreckt. Viele Plauener verbrachten Urlaub in der È SSR oder hatten dort Bekannte. Man wusste also über vieles Bescheid. Die Leute blickten mit einer gewissen Sehnsucht auf die Ereignisse im Nachbarland. Es war das Gesprächsthema, die Stimmung war angespannt.

Wie reagierte die Führung?

Die SED-Kreisleitung in Plauen interessierte sich genau dafür, was die Leute auf der Straße dachten und worüber sie redeten. Dabei ging es nicht primär um Stasi-Abhörung. Alle Betriebe und Abteilungen der Stadtverwaltung wurden früh am 21. August - dem Tag, als Truppen des Warschauer Paktes in Prag einmarschierten - instruiert, die Belegschaft zusammenzutrommeln. Sinn und Zweck der "militärischen Hilfe" sollte dargelegt werden. Es ging darum, das Volk auf Linie zu bringen. Einigen städtischen Angestellten wurde aufgetragen, sich umzuhören und Aussagen der Leute auf der Straße zu protokollieren.

Und was haben die gesagt?

Ein Kunde der VEB Backwaren wunderte sich, dass in einem sozialistischen Staat wie der ÈSSR eine bestimmte Meinungsfreiheit vorherrschte und in der DDR nicht. "Das setzt doch einen gewissen Mut voraus", schlussfolgerte er. Ein Straßenbahnfahrer meldete einen Fahrgast, der fragte, ob denn tatsächlich das Volk der ÈSSR "militärische Hilfe" gerufen habe. Taxi-Fahrgäste diskutierten, ob auch deutsche Truppen wieder in die ÈSSR einmarschieren sollten, so wie 1938.

Gab es neben diesen Unmutsbekundungen auch Tendenzen der Solidarisierung?

Große Solidaritätsbekundungen gab es nicht, Protest verlagerte sich weitgehend ins Private. Die Leute erinnerten sich noch an die blutige Niederschlagung des Aufstandes von 1953. Vereinzelte Aktionen gab es von Jugendlichen, die jedoch vom Regime streng verfolgt wurden. Ein gewisser Gerald Zschorsch hatte am Tag des Einmarsches am Tunnel in Plauen Flugzettel verteilt. Anderthalb Jahre musste er in den Knast.

Hat es weitere Maßnahmen gegeben?

Tankstellen sollten melden, wer besonders viel Benzin zapfte. Das kam allerdings kaum vor. Die Kreissparkasse hatten den Auftrag, zu dokumentieren, ob ungewöhnlich hohe Geldbeträge abgehoben wurden. Auf der Linie Richtung Elsterberg mussten 30 Leute den Zug verlassen, da die Bezirksgrenze plötzlich nicht mehr überschritten werden durfte. Die Führung wurde nervös aufgrund der Ereignisse im Nachbarland. Auch von dort wurden Informationen eingeholt, schon Monate vor den Ereignissen in Prag.

Wie geschah das?

Beispielsweise durch den Besuch städtischer Delegationen. Dazu haben wir im Archiv einen gut dokumentierten Fall. Ende Mai 1968 besuchte eine Delegation der Plauener Dittesoberschule die größte Schule im tschechischen Marienbad und sprach mit dem Direktor. Seine Aussagen wurden genauestens notiert.

Systemkritische Aussagen?

Der Direktor wollte, genau wie Staatsoberhaupt Dub èek, nicht den Sozialismus abschaffen, ihm aber ein "humanes Antlitz" verleihen.

Was sagten die Plauener dazu?

Dass der Direktor klarer gedacht habe als andere, aber die Dinge nicht ausreichend vom "Klassenstandpunkt" betrachtete. Schon ein gewisses Zugeständnis, wenn man bedenkt, dass die Delegierten, allesamt Parteimitglieder, an die SED-Kreisleitung berichteten. Nebenbei wurde durch den Bericht eine berühmte Falschmeldung aufgeklärt.

Die da wäre?

Die hiesigen Zeitungen hatten über amerikanische Panzer in Prag berichtet. Die Nachricht erwies sich als "Ente". Tatsächlich drehten die Amerikaner einen Film in der È SSR - "Die Brücke von Remagen". Dabei griffen die Filmemacher auf 5000 überwiegend tschechische Statisten und einige Militärfahrzeuge zurück. Die Sowjets fürchteten ein geheimes amerikanisches Waffenlager. Das alles sei jedoch Unsinn, hieß es im Bericht der Dittesschule-Delegierten.

Sie betreuen ein Projekt zum Prager Frühling, in dem Schüler Zeitzeugen befragen. Was können Jugendliche dabei lernen?

Die jüngere Generation sollte lernen, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind, sondern Engagement und eine kritische Grundhaltung erfordern.


Clemens Uhlig

Der 32-Jährige wurde in Greiz geboren und studierte in Heidelberg und Jena Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropa. Zuvor absolvierte er das Studium zum gehobenen Archivdienst. Uhlig beschäftigte sich intensiv mit dem Prager Frühling und wälzte viel Literatur zum Thema. Seit 2016 arbeitet er als stellvertretender Leiter im Plauener Stadtarchiv. Uhlig spricht Tschechisch.


Prager Frühling

Der Antritt von Alexander Dubcek als Parteichef der KPC am 5. Januar 1968 markiert den Beginn des Prager Frühlings. Ziel seiner Reformen war ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Moskau und seine Verbündeten reagierten brutal. In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten deren Truppen in der CSSR ein. Knapp 100 Demonstranten und andere Personen kamen dabei ums Leben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...