Die Hitze weicht den Dresscode auf

In manchen Branchen gibt es sie noch: die Kleiderordnung. Doch gilt sie auch bei Backofentemperaturen? "Freie Presse" hat nachgefragt. Eines vorweg: Frauen sind im Vorteil.

Reichenbach.

Die Hitze fordert ihren Tribut. Bei einem Strafprozess vorm Auerbacher Amtsgericht hat der vorsitzende Richter in dieser Woche die Robenpflicht aufgehoben. "Das habe ich zum ersten Mal erlebt in den vielen Jahren, die ich in der Region arbeite", sagt Ulf Solheid, Anwalt aus Reichenbach. Eigentlich tragen Richter während der Verhandlung eine Robe mit Samtkragen über ihrer Kleidung, die Anwälte Talare aus Seide. Da saßen sie nun: Anwalt und Richter im Kurzarmhemd, die Staatsanwältin im Blüschen, erzählt Solheid lachend. Wenn die Kleiderordnung sogar vor Gericht einreißt - wie sieht es dann in anderen Branchen aus? Weicht die Hitze den Dresscode auf?

In den meisten Unternehmen ist er längst aufgeweicht, sagt Sina Krieger, Geschäftsführerin der Wirtschaftsjunioren. 50 Unternehmer aus dem Vogtland sind Mitglied in dem Verein, der zur Industrie- und Handelskammer gehört. Stilfragen kommen oft, von Arbeitgebern wie Mitarbeitern: Was ist angemessen im Job? Gerade Jungunternehmer wollen nicht spießig rüberkommen, sagt Krieger. In den vergangenen Jahren hat sich Freizeitlook in vielen Firmen durchgesetzt, salonfähig auch dank prominenter Ärmelhochkrempler wie Fußballbundestrainer Jogi Löw, vermutet sie.

Überrennt nun bald ein Heer aus Schlappenträgern in Badehosen das Vogtland? Hängen sogar Banker ihren Schlips an den Nagel?

Letzteres kann passieren - "Aber einen Bankberater in Shorts und Shirt werden Sie definitiv nicht sehen", sagt Heike Ziegenbalg lachend. Sie ist Sprecherin der Commerzbank, mit mehr als 20 Filialen in Südwestsachsen. Die Regeln sind strenger als in anderen Branchen. Das heißt im Normalfall: Anzug für die Männer, Hosenanzuge oder Rock und Bluse für die Frauen. Ein gepflegtes Äußeres gilt noch immer als Wertschätzung den Kunden gegenüber. Doch bei Backofentemperaturen sei es schwer, einen Kompromiss zu finden zwischen erträglich und korrekt, gibt Ziegenbalg zu. Für Frauen ist ein luftiges Kleid drin, die Herren dürfen maximal das Jackett ablegen.

Das sind ungeschriebene Gesetze; einen verordneten Dresscode gibt es bei der Commerzbank nicht. Anders bei der Polizei: Eine Verwaltungsvorschrift legt fest, wer was tragen darf, sagt Pressesprecher Christian Schünemann. Auf Streife ist Mütze Pflicht. "Unter der wird's warm, ja. Dafür spendet sie Schatten", so Schünemann. Zur Auswahl stehen Kurzarmhemd und Poloshirt, Anzug- oder Cargohose - für Frauen gibt es Röcke.

Überhaupt ist nacktes Männerbein noch immer vielerorts verpönt. Ist das nicht ungerecht? Anwalt Solheid hat dazu eine klare Meinung. "Ich habe lange in Italien gelebt und gearbeitet. Da gab es immer mal Sommer wie diesen." In kurzen Hosen zur Arbeit - für die stilbewussten Italiener sei das unvorstellbar. Dafür gebe es Hosen aus besonders dünn gewebtem Wollstoff. "Die trage ich auch jetzt noch", sagt Solheid.

Die Reichenbacher Verkehrsbetriebe sind da legerer - ohnehin ist der Fahrer von der Taille abwärts nicht zu sehen, sagt Einsatzleiter Jens Groschopf. Zwar gibt es Dienstkleidung: lange Hose und Kurzarmhemd. Die Fahrerinnen und Fahrer können aber auch eigene Kleidung anziehen - kurze Hose einbegriffen. Nur feste Schuhe sind Pflicht, wegen der Sicherheit.

Kleidung ist auch Symbol. "Sie dient der Zugehörigkeit - oder grenzt ab", sinniert Dirk Postler, Referent des Reichenbacher Oberbürgermeisters. Kurze Hosen hat Postler im Reichenbacher Rathaus noch nicht gesehen. Doch zumindest der Krawattenanteil hat abgenommen. "Ich muss neidvoll feststellen, dass Frauen bei der Wärme einen kleinen Vorteil haben", sagt er. Eine Dienstanweisung zur Kleiderordnung gebe es übrigens nicht. Im Plauener Landratsamt schon: Angemessene, saubere Kleidung ist zu tragen. Das lässt Spielraum, bestätigt Hauptamtsleiter Volker Neef. Und ja: Bei der aktuellen Witterung sind knielange Hosen für Herren okay. Die Behörde will nicht verstaubt wirken.

Das mit dem Dresscode ist so eine Sache, findet Holger Zöbisch, der in Auerbach ein Augenoptikergeschäft betreibt - und derlei Erwartungen gerade hinterfragt. "Das ungeschriebene Gesetz lautet ja: immer eine Stufe höher als der Kunde kleiden. Aber warum eigentlich?" Zöbisch mag keine Krawatten. Bei aktuell 30 Grad im Laden trägt er knielange Hosen, und hat an die Tür einen Zettel geklebt: "Liebe Kunden, aufgrund der heißen Witterung haben wir uns entschlossen, die Kleiderordnung ein wenig zu lockern." In Badehose kam bisher trotzdem keiner.


Wann gibt's hitzefrei?

Die Rechtslage ist kompliziert, das schon mal vorweg. Mehrere Gesetze und Verordnungen auf Landes- und Bundesebene regeln den Arbeitsschutz. Außerdem gibt es für mehrere Branchen Sonderregelungen. Hagen Sczepanski, Präsident der IHK-Regionalkammer Plauen, fasst das Wichtigste zusammen.

Ab 26 Grad Celsius Raumtemperatur sollte der Arbeitgeber aktiv werden. Wie, ist ihm überlassen. Den Dresscode zu lockern, ist eine Möglichkeit. Auch kann er Getränke bereitstellen oder Abkühlung schaffen, etwa durch Ventilatoren, Jalousien oder Raumwechsel.

Ab 30 Grad muss er dann eine der oben genannten Maßnahmen ergreifen.

35 Grad ist die kritische Marke: Ab dann ist der Arbeitsplatz nicht mehr als solcher geeignet. Hitzefrei bedeutet das aber nicht: Die Arbeitszeit kann beispielsweise in kühlere Stunden verlagert werden.

Diese Marken gelten allerdings nur für Arbeitsplätze innen, im Büro, im Verkauf.

In der Baubranche gelten andere Regeln. Auf dem Dach oder beim Straßenbau herrschen im Sommer wie im Winter oft Extrembedingungen. Hier kann der Arbeitgeber mehr Pausen einräumen, wenn möglich für Schatten sorgen, Getränke immer in Griffweite bereitstellen.

Oberkörperfrei dürfen Bauarbeiter nicht in der Sonne stehen. Sie müssen Kleidung tragen, die UV-Strahlen absorbiert, lange Hosen und Arbeitsschutzschuhe.

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