Fußgängerzone im Kreuzfeuer: Harsche Kritik und neue Ideen

Rund 80 Bürger, zumeist Bewohner und Gewerbetreibende, haben am Mittwoch mit der Stadtverwaltung diskutiert. Nun soll der Stadtrat entscheiden. Kein Scherz: am 1. April.

Reichenbach.

Die Fußgängerzone, die seit Januar in Reichenbach ausgeschildert ist, polarisiert. Das ist am Mittwoch beim Informations- und Gesprächsabend erneut deutlich geworden. Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) hatte dazu Bewohner und ansässige Gewerbetreibende in den Ratssaal eingeladen. Rund 80 Bürger kamen.

Von den Händlern gab es auch diesmal ein klares Kontra. "Die Fußgängerzone enteignet uns", spitzte Robby Winefeld von der Fleischerei Schneider unter Beifall zu. Es sei eine Katastrophe. "Wir haben dieses Jahr in Reichenbach noch kein Geld verdient", sagte er. "Fahrverbote sind kontraproduktiv", zitierte Beate Rockstroh von der Pelikan-Apotheke einen Brief des Handelsverbandes Deutschland an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Barbara Kurpiers vom Geschenkeladen Schicki-Micki in der Zenkergasse erklärte: "Wenn es Fußgängerzone bleibt, ist die Stadt ganz tot." Evangelos Gionis vom Pizza Heim in der Zenkergasse, seit 25 Jahren in Reichenbach, fand, dass man die eingetretene Ruhe vermeiden müsse. Als es die Fußgängerzone 2006 bis 2011 schon einmal gab, hätten 14 Geschäfte zugemacht, nur drei blieben, rechnete er vor. Benedikt Lommer, Gewerbevereinschef und einer von 14 Stadträten, die am Mittwoch anwesend waren, erklärte: "Ich fordere die Rücknahme der Fußgängerzone. Wir entscheiden hier über Existenzen."

Für Kritik sorgte, dass jeder Anwohner der Fußgängerzone jetzt für Ausnahmegenehmigungen Gebühren zahlen soll. Laut wurde der Ruf nach Geschwindigkeitskontrollen. Eine Anwohnerin der Zenkergasse schilderte, wie jedes Auto die Gehwegplatten klappern lasse. Eine Mieterin sei ausgezogen, weil sie beim Ausladen aus ihrem Auto von einem, der schnell durchfahren wollte, angepöbelt worden sei. Olaf Schwarzenberger, Vorsitzender des Seniorenbeirates Reichenbach, sprach sich dafür aus, auch die Belange der Fußgänger zu beachten. Gerade Senioren empfänden es als zu gefährlich, bei rollendem Verkehr in der Zenkergasse zu laufen.

1260 Autos hatte die Verwaltung tagsüber im Verkehrsberuhigten Bereich Zenkergasse/Zwickauer Straße gezählt. Die meisten nutzen die Einkaufsstraße nur als Abkürzung. Wie viele zum Einkauf Halt machen, blieb unerforscht. "Man sollte mal die Fußgänger zählen", hieß es aus der Runde. So viele wären das wohl nicht. Gefordert wurde zudem, den Busverkehr aus der unteren Zwickauer Straße zu entfernen. Laut OB gebe es dazu Gespräche mit dem Verkehrsbetrieb Gerlach.

Um einen künftigen Verkehrsberuhigten Bereich unattraktiv für den Durchgangsverkehr zu machen, gab es drei konkrete Ideen. Benedikt Lommer schlug einen Rechts-Zwangspfeil an der Ecke Zwickauer Straße/Oststraße vor. Severin Zähringer von der Agentur "Realitätsverlust" plädierte für einen Poller an der alten Hauptpost. Damit kämen Autos nur noch von der Zenkergasse in die untere Zwickauer Straße. Stadtrat Thomas Höllrich (Linke) möchte die Fahrtrichtung drehen, sodass man aus der Albertistraße kommend von oben in die untere Zwickauer Straße gelangt. Ohne ein neues Verkehrsleit- und Parkleitsystem werde es nicht gehen.

Zahnarzt Jörg Schaller erklärte, er hätte sich die lebhafte Diskussion deutlich eher gewünscht. Er sprach sich dafür aus, die Zenkergasse mit Eiscafé, Bar und Biergarten als Fußgängerzone zu belassen. Bar-Betreiberin Cornelia Schmidt sagte der "Freien Presse", sie könne sich gut eine Wintervariante mit Verkehr und eine Sommervariante ohne Autos vorstellen. In anderen Städten gebe es so etwas. Jörg Schaller ermunterte die betroffenen Händler zudem, nicht immer nur die Stadtverwaltung in die Pflicht zu nehmen, sondern selbst Vorschläge zu bringen, wie man für Kunden attraktiver werden wolle.

OB Kürzinger verwies auf den Antrag von zwölf Stadträten, den Verkehrsberuhigten Bereich wieder einzuführen. Die Ausschüsse befassen sich damit am 18. März, bevor der Stadtrat am 1. April entscheiden soll. Die Hinweise aus der Diskussion sollen in die Beratung einfließen. "Wir werden es uns nicht leicht machen", erklärte der OB.


Kommentar: Reset-Knopf für totes Pferd

Wie kommt Reichenbach raus aus dem Dilemma Fußgängerzone? Um den Druck aus dem Kessel zu lassen, sollte der Stadtrat tatsächlich den Reset-Knopf drücken und für eine Übergangszeit zur Verkehrsberuhigten Zone zurückkehren. Dann kann man mit dem im April zu bestellenden City-Manager, dem im Mai neu zu wählenden Stadtrat, Anwohnern und Händlern das Ganze neu anfassen und tragfähige Lösungen finden. Den gesamten demokratischen Prozess ab 2016 mit dem Runden Tisch Innenstadt und den Bürgerworkshops jetzt zu verteufeln, wäre fatal. Im daraus resultierenden Papier für die Stadtentwicklung war von einer Fußgängerzone nicht die Rede, sondern von der Beseitigung des Durchgangsverkehrs. Dass die Verwaltung als Konzept dafür die Fußgängerzone wieder auftischte, die es so bis 2011 schon einmal gab, griff zu kurz.

Wer ein Pferd reitet, das schon mal tot war, muss sich nicht wundern, wenn er nicht vorankommt.

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