Kältezentrum: Reichenbacher verlieren die Geduld

Bei einem Bitex-Forum zum geplanten Kältezentrum schlug den anwesenden Politikern Skepsis entgegen. Ist das Projekt eine Art Berliner Flughafen?

Reichenbach.

Der Frust bei Willi Löffler ist groß. "Kein Wunder, dass die Chinesen uns links und rechts überholen", schimpfte der Gründer der Heinsdorfer Kältetechnik-Firma Thermofin am Donnerstagabend. "Wenn wir in der Wirtschaft so arbeiten würden, gäbe es kein Thermofin." So hatte sich die Bürgerinitiative um Wolfgang Horlbeck ihr Forum wohl nicht vorgestellt, zu dem sie in das Veranstaltungsforum an der Wiesenstraße eingeladen hatte.

Gekommen waren neben Reichenbachs Oberbürgermeister Raphael Kürzinger auch die Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas sowie der Landtagsabgeordnete Stephan Hösl (alle CDU). Sie informierten zum neuesten Stand bei der geplanten Gründung eines Kältekompetenzzentrums in Reichenbach. Der Ball lag dabei vor allem bei Magwas, die das Bundesforschungsministerium in Berlin für das Projekt begeistert hat. Für dieses und für das nächste Jahr sind deshalb jeweils 750.000 Euro im Bundeshaushalt eingeplant. Das Geld dient vor allem für ein Konzept zum Kältezentrum.

Das ist mehr Geld, als jemals zuvor an irgendeiner Stelle für die geplante Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Forschungseinrichtung eingeplant gewesen war. Trotzdem war die Skepsis der rund 50 Besucher im Veranstaltungsforum mit Händen zu greifen. Thermofin-Gründer Löffler schoss am schärfsten. Aber weitere Kommentare und Fragen zielten in eine ähnliche Richtung. Denn geplant und über das Kältezentrum gesprochen wird seit Jahren. Aber einen Termin für Baubeginn oder gar Einweihung des fertigen Zentrums gibt es immer noch nicht.

Und daran ändert sich vorerst auch nichts. "In welchem Jahr wird das Band zur Eröffnung durchgeschnitten?", fragte Donnerstagabend einer der Besucher an die Adresse von Tobias Keller, Büroleiter des Reichenbacher Oberbürgermeisters. "Ich habe hier einen Termin", sagte Keller und hielt dabei ein Bündel Akten hoch. Aber öffentlich mitteilen wolle er ihn besser jetzt noch nicht.

Auch bei weiteren Nachfragen gab sich Keller schmallippig. So zum Beispiel, wie die 750.000 Euro eigentlich errechnet wurden, die im Bundeshaushalt eingeplant sind. Grundlage seien Kalkulationen der Technischen Universität Chemnitz, sagte er lediglich. Wie die Hochschule diese Summe ermittelt hat, wollte er nicht mitteilen.

Angesichts der eher unkonkreten Angaben zu Kosten und Fertigstellung wurden sogar Vergleiche zum Berliner Flughafen gezogen. "Man plant, einen Plan zu machen", spottete Stadtrat Ulf Solheid (Die Linke). Immerhin: Einen konkreten Termin hatte Reichenbachs OB Kürzinger doch noch im Gepäck. Noch in diesem Herbst wolle man mit Sanierungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs beginnen. Man warte nur noch auf die Fördermittel. Dort soll eine Forschungsanlage zum Einsatz der Wasserstoff-Stickstoff-Verbindung Ammoniak als Kältemittel errichtet werden. Allerdings hat auch das einen kleinen Schönheitsfehler: Wer die Ammoniak-Anlage baut und betreibt, steht noch nicht fest.

Bitex: Die Bürgerinitiative Bitex macht sich für eine Nachnutzung des Gebäudes der ehemaligen Textilfachschule stark, da sich die Westsächsische Hochschule von dort zurückziehen wird. Die Idee: Dort könnte ein Teil des Kältezentrums untergebracht werden.


Kommentar: Papier reicht nicht mehr

Die Situation rund um das Kältezentrum erinnert ein wenig an den Kultfilm "Das Leben des Brian". Als sich in diesem die Lage dramatisch zuspitzt, verkündet der Anführer: "Männer - das erfordert eine sofortige Diskussion." Reden statt Handeln - diesen Eindruck haben viele mittlerweile auch beim Kältekompetenzzentrum. Denn geredet wird seit Jahren darüber. Und zu dem vielen Papier, das zu diesem Thema schon produziert worden ist, kommt nun noch ein Konzept obendrauf. Die Politiker der Region - egal ob sie in der Kommune, dem Land oder dem Bund tätig sind - müssen bald etwas liefern, das man sehen, hören oder anfassen kann. Papier allein stellt die Bürger sicherlich nicht mehr lange zufrieden.


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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Zeitungss
    09.02.2020

    Reichenbach und schnelle Entscheidungen, es geht einfach nicht zusammen. Sollte doch noch irgendwann etwas werden, könnte man das Postamt mit einbinden, Kälte ist dort seit Jahren heimisch, was doch gute Voraussetzungen für das angedachte Projekt ist. Möglicherweise gibt es bereits Bedenken bei den Anwohnern, dass beim Betrieb dieser Einrichtung das ganze Stadtviertel unterkühlt wird, was Wertminderung bedeutet und somit nicht geht. Um die vorhandenen Anlagen den Erfordernissen anzupassen, könnte noch urplötzlich ein seltener Wurm oder dgl. aufkreuzen, in Deutschland ist man bekanntlich damit federführend.
    Ich wüsche jedenfalls den Initiatoren für dieses Projekt eine glückliche und ausdauernde Hand, es wäre schön, wenn am Ende des Reichenbacher Tunnels auch einmal ein Licht erkennbar wäre.

  • 0
    2
    Friesner
    08.02.2020

    Herr Niehus, man konnte an dem Abend schon etwas mehr heraushören.

    Wie sich die 750.000 € errechnen, wurde erklärt. Es handelt sich um eine Zahl, die im Haushalt zur Verfügung steht. Diese wurde festgelegt und nicht errechnet. Eine Summe, die dazu dient dem Projekt Kältekompetenzzentrum ein Gesicht zu geben. Deshalb „plant man auch nicht einen Plan zu machen“, man macht einen solchen Plan (Machbarkeitsstudie) jetzt. Der Ball liegt nun beim Bund.
    Aber kritisiert ist ja heute auch schnell und mit Kritik kommt man auch eher in die Zeitung.

    Was nicht im Artikel steht, aber auch wichtig ist:
    Alle Anwesenden wollen das Projekt in Reichenbach umsetzen, daran ließen sie auch keinen Zweifel. Konkrete Maßnahmen, und sind sie auch noch so klein, sind bereits erfolgt.
    Auch wurden die momentanen Hürden des Projektes durch die Anwesenden klar dargestellt. Hiervon ist in dem Artikel auch nichts zu lesen. Ziemlich deutlich wiesen Magwas, Kürzinger und Keller darauf hin, dass bei diesen Projekt beispielsweise verschiedenste Zuständigkeiten (Bund, Land, Kommune) zu beachten und zu beteiligen sind, Förderrichtlinien stünden bislang teilweise noch entgegen und so weiter. Ich persönlich habe in der Stunde mehr herausgehört, als im Artikel abgebildet.

    Hier zeigt sich wieder, nur die Lauten werden gehört. Die Leisen, tragen Sie auch noch so vernünftig vor, gehen unter.
    Vielleicht sollten wir, wie Frau Magwas den Lauten entgegnete, etwas mehr Zuversicht haben und nicht immer alles schlechtreden.

    Schneller muss es gehen, da haben Sie und Herr Löffler auch recht. Damit es schneller geht und die Projekte nicht in der Schublade verschwinden, sind solche Formate wichtig.