Keine Angst vor großen Tieren

MEIN TRAUMBERUF: Kristin Böhme liebt den Umgang mit Tieren, Pflanzen und Technik. In einer Serie stellt die "Freie Presse" junge Vogtländer mit bodenständigen Tätigkeiten vor, die man in der Region erlernen und ausüben kann. Heute: Land-/Tierwirt.

Waldkirchen.

Ohne Liebe und Leidenschaft kann niemand den Beruf eines Land-/Tierwirts ausüben: Er ist teils körperlich anstrengend, verlangt Wochenendarbeit und Überstunden, ist schlecht bezahlt und hat bei manchen Menschen kein gutes Image. Jörg Mothes, Lehrausbilder in der Marienhöher Milchproduktion Agro Waldkirchen, sagt: "Das Landwirte-Gen muss man im Blut haben. Entweder man weiß es gleich - oder merkt es erst später." Die 25-jährige Kristin Böhme aus Lengenfeld hatte sich trotzdem nichts Schöneres vorstellen können, als genau diesen Beruf zu ergreifen.

Kristin Böhme stand lediglich vor der Entscheidung, ob es nun der Pferde- oder der Landwirt sein sollte. Nun arbeitet sie in der Reproduktion, das ist die Abteilung, in der die Kälber auf die Welt kommen. Zu ihren Aufgaben gehört es, kalbende Kühe bei der Geburt zu überwachen. "Angst vor großen Tieren darf man bei dieser Arbeit natürlich nicht haben", sagt die junge Frau. Gleich nach der Geburt kontrolliert sie die Atmung, schaut, ob die Kälber trinken, ob sie einen gesunden Eindruck machen. Für bis zu 130 Kälber ist Kristin Böhme verantwortlich: "In der Schicht sind wir immer zu zweit. Manchmal helfen wir auch am Melkroboter mit, falls dort unsere Unterstützung gebraucht wird."

Sie kann aber noch mehr: Traktor fahren und den Minilader durch den Stall lenken, um Transportarbeiten zu erledigen. Traktor fahrende Frauen sind immer noch etwas Besonderes. "Manche Männer schauen schon überrascht, wenn eine Frau aus dem Traktor steigt", hat Kristin Böhme beobachtet. "Mit einem Traktor hatte ich vor meiner Ausbildung nichts zu tun. Das musste ich erst lernen. Wenn man etwas wirklich will, ist das aber zu schaffen", sagt sie. Die Männer in der Firma erwiesen sich als nette Kollegen, die ihr geholfen haben, sich mit der Technik anzufreunden. Michael Goldberger, Bildungsberater für Grüne Berufe im Landratsamt, weiß, dass sich junge Leute gerade wegen der modernen, digitalen Technik für die Ausbildung interessieren.

Lehrlinge, die sich für eine Ausbildung zum Land- oder Tierwirt entscheiden, kommen häufig aus einem landwirtschaftlichen Umfeld, sagt Goldberger: "Oft haben die Schüler schon als Kinder die Arbeit im Betrieb der Eltern oder Großeltern kennengelernt." Dieses grundlegende Interesse sei immens wichtig. Schließlich arbeiten Berufsanfänger mit lebenden Organismen. Das bringt viel Verantwortung.

Kristin Böhm liebt an ihrer Arbeit die Abwechslung: "Es gibt zwar regelmäßige Abläufe, aber trotzdem ist jeder Tag anders." Auf den pünktlichen Feierabend kann sie nicht vertrauen: "Wenn gerade eine Kuh kalbt, kann ich nicht nach Hause gehen, bloß weil meine Arbeitszeit zu Ende ist." Das gilt für die Männer und Frauen, die die Ernte einfahren wie für die Leute im Stall. Viele Arbeiten auf dem Feld bestimmt das Wetter. Überstunden und Wochenendarbeit im Sommer sind der Normalfall. Auch in der Tierproduktion ist das nicht viel anders. "Wir wechseln uns ab, dass jeder einmal ein freies Wochenende hat", erklärt Kristin Böhme.

Sie hat die Entscheidung für diesen Beruf nie bereut, bringt auch ihr Familien- und Privatleben mit dem Job unter einen Hut. Zu Hause warten Kind und Mann auf sie. Zudem sind Tiere zu versorgen. In ihrer Freizeit kann Kristin Böhme nicht von den Tieren lassen: Hinterwälder Kühe, eine alte Nutztierrasse, grasen auf den Wiesen. Außerdem wollen Schafe, Pferde und Hühner versorgt werden. Dass der Beruf des Landwirts eher zu den schlechter bezahlten Jobs gehört, stört sie nicht: "Ich arbeite wegen der Familie verkürzt. Mit dem Geld, das ich verdiene, bin ich zufrieden."

61 vogtländische Betriebe bilden Land- und/oder Tierwirte aus. Nicht alle Betriebe stellen ihre freien Stellen ins Netz. Für dieses Jahr hat die Branche bisher 22 abgeschlossene Ausbildungsverträge als Land- oder Tierwirt gemeldet. Die Marienhöhe gehört nicht dazu. Der Betrieb wartet schon das zweite Jahr in Folge auf geeignete Bewerber. Die Arbeitsagentur meldet noch zehn freie Azubistellen im Vogtland.


Die wichtigsten Fakten zum Beruf Land-/Tierwirt

So sieht die Arbeit aus: teilweise Schicht-, Feiertags- und Sonntagsarbeit, Überstunden zur Ernte, körperliche Arbeit, hohe Verantwortung beim Umgang mit Technik und Natur und mit Blick auf Betriebswirtschaft.

Ausbildung: drei Jahre im dualen System, im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule in Reichenbach, die zum BSZ Vogtland gehört.

Besonderes: kein Bürojob, trotzdem Umgang mit hochmoderner, digitaler Technik bei gleichzeitigem Umgang mit Tieren und Pflanzen.

Lehrlingszahlen: derzeit 61 Ausbildungsbetriebe für Land- und/oder Tierwirte im Vogtland. 62 Auszubildende in den letzten drei Jahren in den Berufen Landwirt/Tierwirt.

Verdienst: Lehrlinge erhalten im ersten Ausbildungsjahr 631 Euro, im zweiten 676 Euro und im dritten Lehrjahr 761 Euro. Ausgelernte Landwirte erhalten meist Mindestlohn: 9,19 Euro pro Stunde. Jahresbruttoeinkommen: rund 18.500 Euro. (sia)

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