Vogtländer häufig krank geschrieben

Im Sachsen-Vergleich zum Krankenstand gehört die Region zu den Spitzenreitern. Was ist die Diagnose wert, die auf den gelben Scheinen steht?

Reichenbach/Plauen.

Auf den Krankenscheinen wirkt es, als würde der Vogtländer mehr zupacken als die Menschen im weiteren Sachsen. Er fällt bei der Arbeit häufiger aus wegen Muskel- und Skelettbeschwerden sowie wegen Verletzungen. Seltener wegen psychischer Erkrankungen. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK hervor. Doch was ist die Diagnose wert, die auf den gelben Scheinen steht?

Kerstin Antlauf, Sucht-Expertin und Verhaltenstherapeutin im Diakonischen Beratungszentrum, kennt Leidensgeschichten hinter den Krankschreibungen und sagt: "Es ist leichter, Rücken zu haben als eine Depression." Der Diagramm-Balken für psychische Erkrankungen gebe nicht die Realität wider. Als Grund sieht sie unter anderem einen Mangel an Psychiatern in der Region. Außerdem falle es den Betroffenen leichter, sich wegen körperlicher Beschwerden krank zu melden. Bei ihrer Arbeit stelle sie häufig fest, dass die Diagnosen auf den Krankenscheinen nur einen Teil des Problems abdecken.

Im Fokus des DAK-Reports steht zum ersten Mal das Thema Sucht. Bei der Präsentation gestern in Plauen lud die Krankenkasse Kerstin Antlauf als Expertin ein. "Wir haben Schwerstabhängige, die in den letzten drei Jahren keinen einzigen Tag wegen ihrer Sucht krankgeschrieben waren", sagt sie. Die Betroffenen saßen wegen anderer Beschwerden in der Sprechstunde. Antlauf: "Die Leute gehen selten zum Arzt und sagen, dass sie getrunken haben oder Drogen konsumiert haben. Sie sagen zum Beispiel, sie waren die ganze Nacht auf dem Klo." Um für Klienten der Suchtberatungsstellen Langzeittherapien zu beantragen, müssen Antlauf und ihre Kollegen Anträge ausfüllen. Dazu fordern sie unter anderem Arbeitsunfähigkeitsbelege mit Diagnosen an. Demnach legen die Betroffenen selten die Karten auf den Tisch, wenn sie vor ihrem Hausarzt sitzen. Sie geben stattdessen die Folgeerscheinungen an, so die Sozialtherapeutin. Dass hinter dem gebrochenen Finger zum Beispiel ein Alkoholunfall stecke, erfahre der Arzt in der Regel nicht.

Etwa jeder 20. Fehltag geht in der Region auf Drogenkonsum zurück, vor allem auf Alkoholmissbrauch. Das geht aus dem Gesundheitsreport der DAK vor. Die Krankenkasse wertet jedes Jahr die Krankschreibungen der Arbeitnehmer aus, die bei ihr versichert sind. 8000 Mitglieder hat die Kasse im Vogtland, 31.000 in ganz Sachsen. Deren Daten fließen in den Bericht ein.

Im Sachsen-Vergleich gehörten die Vogtländer vergangenes Jahr zu den Arbeitnehmern mit den meisten Fehltagen im Job, so der DAK- Report. Demnach waren vergangenes Jahr sachsenweit täglich 47 von 1000 Arbeitnehmern krankgeschrieben. Im Vogtlandkreis waren es 51. Noch häufiger ließen sich die Menschen in Bautzen sowie in den Landkreisen Leipzig und Görlitz krank schreiben. Die Zahlen sind laut Antje Grünler von der DAK Indiz für einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsstrukturen und Gesundheit. Ziel der Analysen sei es, den Arbeitgebern Hilfe anzubieten, Symptome zu erkennen und auf Gesundheitsmanagement zu setzen.

Ab und an wird Kerstin Antlauf zu Ärztestammtischen im Vogtland eingeladen, um über Ergebnisse der Suchtforschung zu sprechen. "Der Grund ist interessant, weshalb die Leute trinken oder rauchen", sagt sie. Häufig gehe es darum, Angst, Ärger und Stress zu kompensieren.

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