Wie sieht unser Zukunftswald aus?

Viren, Bakterien, Insektizide: Der Professor für Waldschutz der TU Dresden forscht an Lösungen gegen künftige Käferplagen

Michael Müller leitet die Professur für Waldschutz der TU Dresden in Tharandt. In einem Gespräch mit Nicole Jähn erklärt er, wie sich der Wald in hiesigen Regionen verändern wird und welche Probleme die Forschung derzeit umtreiben.

Freie Presse: Professor Müller, ist die Käferkatastrophe noch aufzuhalten?


Michael Müller: Nein, das ist sie nicht. Die Fachleute haben schon voriges Jahr gesehen, dass der Prozess nicht mehr aufzuhalten ist. Wir sprechen von den schwersten Schäden seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und sehen uns mit einer der schwerwiegendsten Waldschutzsituationen in 200 Jahren nachhaltiger Waldwirtschaft konfrontiert. Viele scheuen noch das Wort Katastrophe, da es ein rechtlicher Begriff ist, der andere Mittel auf den Plan ruft als in Zeiten einer Krise. Ich werte es ganz klar als eine Katastrophe, deren Überwindung adäquate Mittel erfordert.

Die Emotionen beim Thema "Waldsterben" in den 1980er Jahren kochten in der Bevölkerung weit höher, obschon die Schäden heute größer sind. Woran liegt das?

Schäden im Wald finden weniger in der Öffentlichkeit statt und werden im wahren Ausmaß meist erst später wahrgenommen. Damals wurde das Thema in den Medien stärker dramatisiert als heute, auch standen ganze Hänge auf dem Erzgebirgskamm kahl. Aber wer in der Region unterwegs ist, kann die Schäden sehen. Es betrifft ja nicht nur die Fichten, sondern weiter nördlich auch die Kiefern, hier bei uns um Tharandt herum sterben viele Rotbuchen. Mit unseren Studierenden war ich jetzt im Harz, wo ganze Fichtenwälder verschwinden.

Im Nationalpark Bayerischer Wald spricht man 30 Jahre nach den Borkenkäferwellen von einem Glücksfall und Geburtshelfern eines neuen Waldes. Wird man das in 30 Jahren auch im Vogtland und im Erzgebirge sagen können?

In einem Nationalpark ist das etwas ganz anderes. Dort verfolgt niemand ein wirtschaftliches Ziel und deshalb nimmt auch keiner Schaden. Dort sind die Borkenkäfer schon definitionsgemäß keine Schädlinge. In den Wirtschaftswäldern aber werden aktuell hunderte Millionen Euro Vermögen von Waldbesitzern vernichtet. Der Vergleich mit dem Nationalpark klingt so als ob man zu einem Hausbesitzer sagt, er soll sich nach einem Brand freuen, jetzt ein neues Haus bauen zu können. Ich halte es für ein sehr unangemessenes Gleichnis, Borkenkäferschäden als Glücksfall zu bezeichnen.

Kritiker sagen, es sind keine Wälder, sondern Monokulturen, die schädlingsanfällig sind.

Wer das sagt, ignoriert, aus welchem Grund die Reihenbestände angelegt wurden. Es war eine überragende Leistung der heutigen Urgroßelterngeneration nach dem Ende des Krieges, um den damals unwahrscheinlich hohen Bedarf an Holz für die Folgegeneration zu decken. Es ist regelrecht unanständig, dieses Geschaffene nicht zu würdigen. Es ist nicht so, dass damalige Waldbewirtschafter und Waldwissenschaftler es eben nicht besser wussten. Schon in der Literatur des 19. Jahrhunderts lässt sich finden, dass man sich der Problematiken bewusst war, die Reihenbestände mit sich bringen und in der nächsten Periode Mischungen vorgesehen waren. Im Wald funktioniert ein Wechsel aber nicht so leicht wie auf dem Feld und es dauert viele Jahrzehnte, bis ein solcher Wandel sichtbar wird. In den vergangenen 30 Jahren liefen umfangreiche Waldumbaumaßnahmen, die inzwischen viele Wälder prägen.

Die Holzlager sind voll, Preise tief. Sachsens Umweltminister will eine bessere thermische Verwertung prüfen lassen. Halten Sie das für sinnvoll?

Das ist natürlich ein wichtiger Baustein. Es werden jedoch schon jetzt circa 50 Prozent des Rohholzes der thermischen Verwertung zugeführt. Wenn wir den CO2-Ausstoß senken wollen, müssen wir einen möglichst großen Anteil des Holzes zunächst veredeln, in Häusern verbauen, Möbel daraus herstellen. Weitere Möglichkeiten bestehen darin, den Holzexport anzukurbeln. China zeigt dem Vernehmen nach großes Interesse an unserem Holz.

Wie sieht der Wald in hiesigen Regionen in 50 Jahren aus?

Wir sind als Fachleute vorsichtig, was Vorhersagen betrifft, aber wir gehen davon aus, dass unterhalb von 300 Metern die Fichte als waldbestimmende Baumart verschwindet. Es ist ein landschaftsverändernder Prozess. Im Vogtland werden in höheren Lagen Mischwälder mit Tannen und Rotbuchen, in den unteren Lagen Mischwälder mit Eichen entstehen. In den Kammlagen des Erzgebirges dominiert weiterhin die Fichte, aber auch diese Wälder werden mit Ebereschen, Weißtannen und Rotbuchen angereichert.

Ist der neue Wald auch ein gesünderer Wald?

Das ist die Hoffnung, mitunter aber auch ein Trugschluss, dass in Mischwäldern keine potenziellen Schadfaktoren vorkommen. Natürlich mindert man mit naturnahen sowie mit Mischwäldern das Risiko von Insektenmassenvermehrungen beziehungsweise deren Auswirkungen, aber mit einem anderen Lebensraumangebot im Wald werden auch andere Arten an Bedeutung gewinnen, die ebenfalls Schäden verursachen können. Für Eichen interessieren sich weit mehr Insekten - darunter potenzielle Schädlinge - als für Fichten, denken Sie an den Schwammspinnerbefall aktuell im Raum Leipzig, Eichenwickler, den Prozessionsspinner oder den Goldafter, um nur einige zur Zeit besonders auffällige Arten zu nennen.

Wie sieht Ihre Strategie für die Zukunft aus?

Wir brauchen mehr als nur eine Strategie. Die Fortsetzung des Waldumbaus steht dabei im Vordergrund. Für die Regulation ist eine naturnahe Strategie, natürliche Gegenspieler zu fördern. Das wird auch schon gemacht. Etwa, indem man Totholz belässt oder Waldränder anlegt. Wir forschen am möglichen Einsatz von Viren und Bakterien, an Parasiten, die die Schädlinge vertilgen könnten. In anderen Agrarbereichen ist das in Teilen schon Realität. Im offenen Ökosystemen wie dem Wald ist das aber weitaus schwieriger und ohne sehr umfassende Subventionen kaum wirtschaftlich gestaltbar. Die Forschung ist ebenfalls sehr teuer. Es ist also eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das zu wollen und letztendlich zu bezahlen.

Zumindest sinkt die Akzeptanz von Pestiziden.

Die Waldwirtschaft ist die naturnaheste Nutzung von Landflächen, die es in Deutschland gibt. Es ist mitunter unerträglich, wie dogmatisch inzwischen über den Einsatz von Insektiziden diskutiert wird. Waldbesitzer ertragen unglaublich viel, verzichten auf ganze Jahresernten, bevor sie zu solchen Mitteln greifen. In anderen Agrarbereichen werden Pflanzenschutzmittel routinemäßig angewendet. Das wird aber nicht fotografiert, sondern der Helikopter, der über den Wald fliegt. Sie sprechen mit jemandem, der in den 1990er Jahren in Brandenburg als zuständiger Fachvertreter für Zehntausende Hektar Insektizidapplikationen die Verantwortung tragen musste. In solchen Situationen kommt es oft zu unsachlichen Übersteigerungen. Es hieß, dass Hunde und Katzen Schaden nehmen könnten. Das ist fachlich unhaltbar. Die Vorgehensweisen für derartige Maßnahmen sind rechtlich sehr klar und streng geregelt. Im Jahresdurchschnitt werden nur 0,14 Prozent der Waldfläche in Deutschland mit Insektiziden gegen Blätter und Nadeln fressende Insekten behandelt.

Sie wollen diese Quote erhöhen?

Nein, keinesfalls, ich verlange nur mehr Augenmaß und die Entwicklung angepasster Waldschutzverfahren. Schon jetzt interessieren sich die großen Pflanzenschutzmittelhersteller nicht für die Waldwirtschaft, weil dieser Markt unbedeutend klein ist. Schonende Insektizide verschwinden, weil die Hersteller das Interesse verloren haben und die Zulassungskosten scheuen. Die Entwicklung eines neuen Insektizides würde 250 Millionen Euro kosten. Waldbesitzer müssen deshalb auf Mittel zurückgreifen, die für die Landwirtschaft entwickelt wurden und für den Wald nicht ideal sind. Auf Insektizide als ein Teil der Waldwirtschaft können wir nicht verzichten. Wenn wir Waldbesitzer ermutigen wollen, abzuwarten oder schonende Verfahrensweisen anzuwenden, brauchen wir ein letztes Instrument, um im Notfall Waldbestände retten zu können.


Zur Person

Der gebürtige Brandenburger Michael Müller (57), der selbst in den 1980er Jahren in Tharandt studiert hatte, wurde 1999 auf die Professur für Forstschutz (seit 2013 Waldschutz) der TU Dresden berufen. Müller, der seit 2011 Mitglied des Landesforstwirtschaftsrates des Freistaates Sachsen ist, forscht unter anderem zur natürlichen und naturnahe Vorbeugung und Regulation von potenziellen Schadinsekten. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (nij)

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