Zeitzeuge fesselt Neumarker Schüler

Herbst 1989 Michael Schlossers Flucht via selbst gebautem Flugzeug flog auf. Darüber und sein Leben in der DDR sprach er in der Oberschule.

Neumark.

60 Jahre seines Lebens trennen Michael Schlosser von den Schülern der beiden zehnten Klassen der Neumarker Oberschule, vor denen er steht und seine Lebensgeschichte erzählt. Doch das ist nicht das einzig Trennende. Der 75-Jährige, der im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs aus Anlass des Mauerfalls vor 30 Jahren zu Gast ist, hat die DDR in all ihren Facetten erlebt. Die Schüler kennen nur Bruchstücke, meist eingefärbt von Erzählungen der Menschen, zu denen sie eine persönliche Beziehung haben. Deshalb sind Zeitzeugenauftritte wie der des Gasts aus Dresden wichtig für die Heranwachsenden.

Michael Schlosser war Fuhrparkleiter beim DDR-Fernsehen. Manchmal spricht er wie selbstverständlich vom MDR, weil die Jugendlichen den Nachfolgesender kennen. Als Kfz-Meister wollte er sich selbstständig machen. Das wurde ihm verwehrt. "Die Idee mit der Flucht in den Westen war eine Trotzreaktion", sagt er im Hinblick auf seine gescheiterte Flucht, die er im selbst gebauten Flugzeug vorhatte.

Diese Geschichte erzählt ein Film, den Michael Schlosser am Anfang zeigt. Die Sache mit dem Flugzeug hatte mit einer Sendung des westdeutschen Rundfunks zu tun, in der jemand gesucht wurde, der mit dem Hubschrauber auf dem Springer-Hochhaus in Berlin landete. "Das konnte mein Flugzeug nicht. Aber es war alles mit der Bildzeitung abgesprochen. Ich sollte beim Grenzübergang der A 9 in Oberfranken landen", sagt er. Er baute in seiner als Hühnerstall deklarierten Werkstatt ein Flugzeug aus Rohren und Polyesterplatten, testete es unbemerkt auf einem sowjetischen Truppenübungsplatz, bekam zwei Spitzel in seiner Nähe platziert und flog auf. Statt des Bildzeitungs-Artikels ereilte ihn unwürdige Untersuchungshaft, anschließend eine mehrjährige Gefängnisstrafe in Bautzen und die Abschiebung über Chemnitz - für 96.000 DM Kopfprämie, in harter Währung gezahlt in die klammen Ostkassen.

Das Flugzeug von damals ist verschollen. Inzwischen hat Michael Schlosser ein neues gebaut, schwerer, weil aus Aluminium, das in der DDR nicht zu beschaffen war. Die Stasiakten von damals sind nicht verschollen, im Gegenteil, sie haben sich vermehrt. Aus ursprünglich 4000 Seiten wurden 5315 - erweitert um die Zeit in der BRD, in der er bis zur Wende weiter bespitzelt wurde. Dem Mauerfall konnte er zunächst nichts Gutes abgewinnen, aus Angst, dass er wieder in die Fänge der Stasi gerät.

Bemerkenswert ist sein Verhältnis zu dem Offizier, der seinen Vorgang bearbeitet hat. Manchmal sucht er Kontakt zu ihm, weil er noch viele Fragen hat. "Er hat seinen Dienst getan, alles andere wäre Befehlsverweigerung gewesen", meint er. Die Prämie bekam der Spitzel, der ihn verpfiffen hat. "Die beiden informellen Mitarbeiter, die auf mich angesetzt waren, haben sich nie entschuldigt." Das wiegt schwerer.

Die Schüler wollen wissen, ob in seinem Bekanntenkreis jemand vom Vorhaben wusste, wie er den Mauerfall erlebt hat oder wie der Alltag im Gefängnis mit all seinen Hierarchien war. Dann sind die zwei Stunden auch schon zu Ende. Nicht aber die Beschäftigung mit dem Thema, denn darüber gibt es noch viel zu sagen. Die Neumarker Lehrer wissen, was sie zu tun haben. Das wurde in den Dankesworten an Michael Schlosser deutlich.

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...