Zeitzeugen blicken auf Wende zur Demokratie zurück

Kerzen waren die Symbole der friedlichen Revolution 1989. Kerzen leuchteten wieder in Reichenbach bei Veranstaltungen am Tag der Deutschen Einheit.

Reichenbach.

Es war Kerzenlicht, das Menschen in der Trinitatiskirche und im Bahnhofsgebäude in Reichenbach inne halten ließ, sie miteinander verband. So wie vor 30 Jahren, als die Menschen im Vogtland und in Reichenbach auf die Straße gingen, um gegen das DDR-Regime zu protestieren. Gotthold Lange aus Mylau, Pfarrer im Ruhestand, sagte dazu: "Die Kerzen in den Händen waren entwaffnend. Die Menschen gingen nur mit einer Kerze in der Hand auf die Straße."

Lange war es, der die Friedensgottesdienste damals in Reichenbach leitete. Er war am gestrigen Donnerstag zum Bürgerfest in Reichenbach, das unter dem Motto stand "Revolution und Demokratie", einer der Zeitzeugen in der Gesprächsrunde über die Wendezeit 1989/90 in der Trinitatiskirche. Der Geistliche: "Die Friedensgebete in Reichenbach waren mittwochs. Es war eine spannungsgeladene Zeit." Geprägt auch dadurch, dass wenige Wochen vorher in China eine Demonstration niedergewalzt wurde, Menschen starben. "Das DDR-Regime hatte China dazu gratuliert. Das sorgte für Empörung bei den Menschen. Sollte das bei uns auch geschehen?" Lange: "Es war ein Geschenk, dass kein Blutbad angerichtet wurde."

Die Mylauerin Emmi Labisch, als CDU-Mitglied am im Dezember 1989 gebildeten Runden Tisch beteiligt, erinnerte sich, dass es Verhaftungen gab: "Wir, die wir den Krieg und die Flucht miterlebt hatten, versuchten, die Leute zu beruhigen." Das war die wichtigste Aufgabe des Runden Tisches. "Wir haben Kerzen aufgestellt, mit den Leuten auf der Straße geredet. Wir standen in Mylau Hand in Hand. Die Kirche hat die Tore aufgemacht, dafür bin ich heute noch dankbar." Gerd Stemmler, der am Runden Tisch und im Neuen Forum in Reichenbach mitarbeitete: "Eine Möglichkeit, sich zu informieren, war die Kirche, auch wenn man nicht christlich war. Die Kirche war ein geschützter Raum." Und: "Wir wollten nach dem Friedensgebet eine Demonstration durch die Stadt durchführen. Die Kirche sorgte dafür, das jeder eine Kerze in die Hand bekam." Es ging vorbei an der Stadtverwaltung, Polizei, SED-Kreisleitung und am Stasigebäude in Cunsdorf. "Die sollten uns sehen." Erst 2000 bis 3000, dann bis zu 7000 Leute gingen in Reichenbach mit damals etwa 25.000 Einwohnern auf die Straße. Und heute? Dass man heute wieder respektvoller miteinander umgeht, das der Staat den Respekt selbst ausstrahle, dass keiner übersehen und vergessen wird, das wünschte sich Sigrid Mann, die damals am Runden Tisch für den Demokratischen Frauenbund Deutschlands mitarbeitete. "Ich wünsche mir, dass wir im Gespräch miteinander bleiben, uns Gewalt entgegen stellen. Es ist unsere Aufgabe, die Erde, die Schöpfung Gottes zu erhalten", so Lange, und: "Ich möchte Kerzen verteilen." Er reichte den Besuchern Kerzen und entzündete sie. Das Licht wurde weitergegeben, so wie damals.

Die Veranstaltungen zu "Revolution und Demokratie" sollten das Lernen aus den damaligen Ereignissen fördern. Das Wissen darum sollte weitergegeben werden, gerade auch an junge Leute. Der vogtländische Landtagsabgeordnete Stephan Hösl (CDU): "Wir wollen nicht nur das Bürgerfest feiern, sondern den schweren Weg zur Demokratie und wie man diese erhält zeigen." Deshalb waren Schüler des Goethe-Gymnasiums in die Feierstunde im Bahnhof eingebunden. Im Bahnhof, in dessen Mitte Kerzen auf einem angedeuteten Gleis mit einer Rose darauf die Zahlen 1989 und 2019 bildeten, fand eine außergewöhnliche Feierstunde statt: Im mit vielen Menschen gefüllten Bahnhof deshalb, weil Zeitzeuge Jens Rohde von Zwölftklässlern interviewt wurde. Er und Jörg Reinhard gehörten zu den drei Jugendlichen, denen es 1989 gelang, auf einen der Züge in die Freiheit aufzuspringen. Es waren die Züge, in welchen die Botschaftsflüchtlinge aus Prag in den Westen gefahren wurden. Den drei Jugendlichen gelang damals die Flucht. Wie genau, das wollten die Gymnasiasten wissen. "Wir waren schneller als die Stasi", sagte Rohde.

Reichenbachs Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU): "Die Geschehnisse in Reichenbach trugen zur friedlichen Revolution bei." Er nahm wie Landrat Rolf Keil (CDU) an der Feierstunde teil. "Im normalen Alltag vergisst man es, dabei ist die Demokratie ein so kostbares Gut."

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