Autor setzt Denkmal für Hans Serelman

Viele Jahre hat Konstantin Seifert über das Leben des jüdischen Niederlungwitzer Arztes geforscht. Doch alles ist noch nicht geklärt.

Niederlungwitz.

Die Situation musste sich enorm zugespitzt haben. Der Geburtsvorgang dauerte nun schon länger als einen Tag, als die Hebamme Lina Selma Wulf den Doktor rief. Es war der 14. Juli 1934 in St. Egidien. Hilda Jost, damals 26 Jahre alt, gebar unter Komplikationen ihre Tochter Helga. Um das Leben der jungen Mutter zu retten, spendete der aus dem Nachbardorf Niederlungwitz herbeigerufene Arzt Hans Serelman sein eigenes Blut. Serelman war Jude, die Patientin nicht. Zehn Tage später wurde der Arzt verhaftet, kam zunächst in das Schutzlager Hohnstein in der Sächsischen Schweiz und später ins KZ Sachsenburg. Gut ein Jahr später, in Oktober 1935, stand die Geschichte in der "New York Times". Wegen "Rassenschande" sei der jüdische Arzt ins KZ gekommen.

Zeitsprung in die Gegenwart. Konstantin Seifert, ein ehemaliger Glauchauer, stieß aus Zufall auf den Beitrag in der "New York Times". Das ist jetzt etwa sechs Jahre her. Seiferts Interesse war geweckt, er wälzte Akten in Archiven, machte Zeitzeugen und auch Verwandte von Serelman ausfindig, erforschte das gesamte Leben des jüdischen Arztes und schrieb schließlich ein Buch darüber. Das wird er am Freitag in Glauchau vorstellen. Ein Kapitel der Biografie ist den Ereignissen in Niederlungwitz gewidmet, und obwohl Seifert eifrig recherchierte, sind noch viele Fragen unbeantwortet. Die am 14. Juli 1934 geborene Tochter Helga Jost zum Beispiel ist bislang nicht ausfindig gemacht worden. Sie soll bei den Großeltern aufgewachsen sein und in den 1950er- Jahren in den Westen gegangen sein. "Eine offizielle Begründung für Serelmans Verhaftung gab es nicht", schreibt Seifert. Denkbar sei es, dass er wegen "Rassenschande" zu sieben Monaten inhaftiert wurde. Doch die Nürnberger Gesetze, die die juristische Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie waren, wurden im September 1935 erlassen. Denkbar, dass der Arzt denunziert wurde. Serelman war aber nicht nur Jude, sondern auch Mitglied der KPD, die nach dem Reichstagsbrand 1933 in die Illegalität gegangen war. Seine KPD-Mitgliedschaft könnte auch der Grund dafür sein, dass an jenem 14. Juli 1934 nicht der für St. Egidien zuständige Arzt, sondern Serelman zur Hilfe gerufen wurden. Denn die Hebamme und ihr Ehemann waren auch in der KPD.


Nach sieben Monaten, im Februar 1935, kehrte Serelman nach Niederlungwitz zurück. Ihm wurde ein herzlicher Empfang bereitet. Am 22. September verließ er nicht nur Niederlungwitz, sondern Deutschland, schloss sich später den Internationalen Brigaden im Spanienkrieg an und kämpfte anschließend in der französischen Widerstandsbewegung gegen die Nazis. Am 19. Juni 1944 wurde er von Nazis erschossen.

Die Buchvorstellung findet am Freitag im Konzertsaal des Schlosses Forderglauchau statt. Beginn ist um 18 Uhr.


Im Buchtitel steht ein Fragezeichen

Die Biografie über Hans Serelman trägt im Titel ein Fragezeichen. "Mediziner 'Rassenschänder', Interbrigadist...?", so heißt das 260 Seiten umfassende Buch. Ein Indiz dafür, dass es im Leben des jüdischen Arztes und Widerstandskämpfers Hans Serelman noch viele offene Fragen zu beantworten gilt. Aber irgendwann wollte der Autor einen Schnitt machen und seine bisherigen Forschungsergebnisse veröffentlichen.

Das Buch, das erstmals zur diesjährigen Buchmesse in Leipzig vorgestellt wurde, ist im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen. Dabei handelt es sich um ein Berliner Verlagshaus für jüdische Kultur und Zeitgeschichte. Verlagsleiterin Nora Pester wird bei der Buchlesung am Freitag in Glauchau die Moderation übernehmen.

Autor ist Konstantin Seifert. Er wurde im 1968 geboren und wuchs in Glauchau auf. Er studierte in Jena Biologie, Sportwissenschaft und Pädagogik und arbeitet als Lehrer. 2017 promovierte er in Geschichte der Naturwissenschaften. sto

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