Der Zimmermann kann ohne Riesen-Bildschirm nicht arbeiten

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Oberlungwitz.

Auf einem Gebäude hinter seiner Werkstatt hat der Oberlungwitzer Harry Bauer aufgestockt. Das ist für ihn kein Problem, denn er ist Zimmermann. Mit vorgefertigten Bauteilen, bei denen die Einzelteile mit der Nagelplattenbindertechnik verbunden wurden, ging das Ganze sehr schnell. Das ist der größte Vorteil dieses Verfahrens, doch auch die klassische Bauweise kommt noch oft zum Einsatz. Denn die Arbeit von Harry Bauer ist voller Gegensätze.

Holz als Baumaterial, das schon seit Jahrtausenden genutzt wird, spielt die Hauptrolle. Doch ohne moderne Technik geht es nicht. Auf einem riesigen Computerbildschirm erscheinen Entwürfe, die mit einer Spezialsoftware gestaltet werden. Auf Tastendruck wird aus dem Liniengewirr eine dreidimensionale Ansicht und nun kann sich auch der Laie vorstellen, was der Zimmermann bauen will. "Ich verbringe etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit am Computer. Früher habe ich auch noch von Hand entworfen, aber so geht das viel schneller", erzählt Bauer, der sich vor allem auf Carports, Pavillons, Vordächer oder Treppen spezialisiert hat.


Im Regal neben dem Schreibtisch wird die jahrhundertealte Zimmermannstradition deutlich. Ein Musterbuch ist rund 130 Jahre alt und als Nachdruck ist auch ein französisches Zimmermannsbuch aus dem Jahr 1763 zu entdecken. Es zeigt komplexe Entwürfe, zum Beispiel für den Bau einer Mühle. "Die Handwerker hatten schon damals viel Sachverstand und haben für alles Lösungen gefunden", sagt Bauer mit viel Respekt über die Zimmerleute früherer Jahrhunderte, die mit viel einfacherer Technik auskommen mussten. Ein Dreibein mit Flaschenzug sei aber auch heute noch praktisch, denn Lasten bis zu einer Tonne können so relativ unkompliziert gehoben werden. Manchmal hatten es die Altvorderen vielleicht leichter, denn immer neue Vorschriften machen die Arbeit heute komplizierter und teurer. In Sachsen sei beispielsweise im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern Vorschrift, dass ein Statiker die Entwürfe des Zimmerermeisters berechnet.

In der Werkstatt von Harry Bauer steht viel Technik. Holzbearbeitungsmaschinen, die schon etliche Jahrzehnte alt sind, verrichten treu ihren Dienst. Um Rundungen in Balken zu bekommen, die dann beispielsweise Giebel verzieren, hat er entsprechende Vorrichtungen für die Bandschleifmaschine ersonnen. Ein Lasermessgerät, dessen Daten direkt in den Computer übernommen werden können, und eine Vielzahl von elektrischen Handgeräten für unterschiedlichste Bearbeitungen dürften nicht fehlten, doch manchmal ist auch die Bearbeitung von Holz noch ganz klassisches Handwerk. Wenn beispielsweise Eichenbalken als Verzierung für rustikale Kamine entstehen sollen, wird zum Hobel gegriffen, der mehr als 130Jahre alt ist.

Solche besonderen Werkzeuge mit Tradition schätzt Bauer genauso wie ausgefallene Bauwerke, die früher mit ihrer Hilfe entstanden sind. Schon mehrfach hat er über 100 Jahre alte Gartenpavillons oder Giebelverzierungen gerettet, die entsorgt werden sollten. Die Pavillons, die früher von den Zimmerermeistern für wohlhabende Unternehmer gebaut wurden und als Vorzeigeobjekte handwerklich sehr aufwendig sind, hat der Oberlungwitzer auch schon nachgebaut. Im Computer gibt es zudem noch so manche Zeichnung für komplizierte Projekte, die auf ihre Umsetzung warten.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...