Die Sorgen der Tageseltern

Nicht gesehen und unterbezahlt: Dorothea Fritzsch und ihre Berufskolleginnen haben sich in den letzten Jahren ihren Status hart erkämpft. Ohne eine gehörige Portion Idealismus wäre das nicht durchzuhalten. Ein Besuch.

Lichtenstein.

Fünf Kinder sitzen auf Stühlchen, jedes ein Musikinstrument in der Hand. "Singen wir zusammen? Das Lied vom Schmetterling?" Fünf Augenpaare fixieren Dorothea Fritzsche. Sie fängt an zu singen, die Kleinen werfen Brocken ein. Besonders textsicher sind sie nicht - der älteste ist gerade drei. Aber als im Refrain der Schmetterling über die Wiese gaukelt, breitet Niam die Arme aus, auf die Stelle hat er gewartet, und gaukelt mit.

Ein paar Minuten später und ein Stockwerk weiter oben atmet Dorothea Fritzsche kurz durch. Die Mutter der fünf Jungs ist die 59-Jährige mit den weichen grauen Locken nicht, aber ihre "zweite Mutti" - so sagt sie es manchmal zu den Eltern, die diese Einstellung ihrer Tagesmutter schätzen. Doch so sehr sie ihre Arbeit liebt: Ohne Idealismus ginge es nicht. Denn obwohl Kommunen auf Kindertagespflege - so heißt das im Amtsdeutsch - angewiesen sind, um ausreichend Betreuungsplätze zu bieten, und obwohl sie trotz besserem Betreuungsschlüssel oft günstiger sind als ein Platz in der Krippe: Um vieles mussten Tageseltern kämpfen, müssen es bis heute. Um Sichtbarkeit zum Beispiel.


Im Spielzimmer unten sitzt Soraya Assado neben Niam, ihrem Sohn. Nach der Geburt wollte sie ihr Abitur nachholen, erzählt die 25-Jährige. Doch der Kleine war sehr anhänglich. "Er braucht viel Aufmerksamkeit, muss gesehen werden." In einer Gruppe von zehn Kindern, fürchtet sie, wäre er untergegangen. Eine Sorge, die Assado mit vielen Eltern teilt, sagt Dorothea Fritzsche. Unter den 50 Kindern, die sie betreut hat in all den Jahren, waren auch die von Erzieherinnen. Soraya Assado erfuhr von einer anderen Mutter, dass es so etwas wie Tagesmütter überhaupt gibt. "Das war ein riesengroßer Zufall", sagt sie. Auch andere Eltern beklagen, dass die Stadt nicht aktiver für ihre sechs Tagesmütter wirbt. Eine Kritik, die Bürgermeister Thomas Nordheim (Freie Wähler) nicht nachvollziehen kann: Die Verwaltung informiere zu Ansprechpartnern und Adressen, die Angaben seien im Internet verfügbar.

In den Vordergrund drängen wolle sie sich nicht, sagt Dorothea Fritzsche, sondern gleichwertig neben den Kitas stehen. So steht es ihr zu: per Gesetz. Oben im Wohnzimmer hat sie Papiere ausgebreitet. Gesammelte Werke der letzten Jahrzehnte. Seit 28 Jahren ist sie Tagesmutter, war eine der ersten in Sachsen. Es waren die Eltern, die damals Alternativen zur Krippe einforderte. Ihr kam das gelegen: Nach Geburt ihres jüngsten Sohnes 1988 suchte sie eine neue Herausforderung. Heute ist sie stellvertretende Vorsitzende des Landesarbeitskreises Kindertagespflege. Eine, die immer gekämpft hat. Von Anfang an hat sie sich auch politisch engagiert: dafür nämlich, dem anfangs eher losen Konzept der Kinderbetreuung zu Hause einen Rahmen zu geben, an dem sich Eltern und Politik orientieren können. "Zwischen Herd und Waschmaschine", sagt Fritzsche, ließen Hausfrauen früher eben noch ein paar Tageskinder mitlaufen. So wollte sie es nicht. "Ich wollte Dokumentation, ich wollte Bildung."

Mittlerweile sind Kindertagespflege und Kitas rechtlich gleichgestellt. "Die bundesgesetzlichen Rahmenbedingungen sind fantastisch." Das sagt Stephan Kirsche, Vorsitzender des Landesarbeitskreises. Das Problem: Für deren Umsetzung verantwortlich sind die Kommunen. "Und das schaffen nicht alle", sagt Stephan Kirsche. Entsprechend uneinheitlich sei die Lage, was Regelungen für die Betreuung bei Urlaub und Krankheit angeht, oder die Zuweisung pro Kind und Monat. In Lichtenstein haben die Tagesmütter viele Monate um mehr Geld gekämpft, unterstützt von CDU und Linken. Nun gibt es 606 statt 485 Euro pro Kind und Monat. Damit liegen sie im Sachsenschnitt. Klingt gut, doch Stephan Kirsche erinnert: Davon zahlen Tageseltern alles, Miete, Spielzeug, Essen für die Kinder. Bei vielen geht das nur, wenn der Partner repariert, die Oma kocht - und die Altersvorsorge auf der Strecke bleibt. Außenstehenden ist das nicht klar, sagt Dorothea Fritzsche. "Warum bekommt ihr so viel Geld, höre ich dann." Das ist ein weiterer Kampf: der um Verständnis.

Kirsche würde gern das Bundesgesetz weiterentwickeln, wie er sagt: damit die Kommunen es nicht mehr nach unten hin auslegen können. Manche Städte und Gemeinden seien sehr bemüht um ihre Tageseltern, so der Landesvorsitzende. "Bei anderen haben wir den Eindruck, dass sie die Kindertagespflege lieber los haben wollen - vor allem, wenn sich Tageseltern für ihre gesetzlich festgeschriebenen Rechte einsetzen." Nur wenige, sagt er, seien so unerschrocken wie Dorothea Fritzsche. Ihnen allen sitzt dieselbe Angst im Nacken: Fallen sie aus der Bedarfsplanung für Betreuungsplätze, verlieren sie die öffentliche Finanzierung. Besonders groß wird die Angst, wenn irgendwo doch mal zehn Kitaplätze frei bleiben. Lichtenstein etwa erweitert demnächst die Kita Sonnenweg. Was, wenn es dann ausreichend Plätze gibt? "Das Angebot der Kindertagespflege war und ist fester Bestandteil der Bedarfsplanung", sagt Nordheim dazu. Das kann man als Bekenntnis zu den Tageseltern werten.

Die Eltern sollen wählen können zwischen Kita und Tagesmutter, betont Dorothea Fritzsche. "Das können sie gern vehementer fordern -sie haben eine größere Lobby als wir." Dann packt sie die Papiere zusammen, die Mutti auf Zeit von über 50 Kindern, und geht nach unten zu ihrer Rasselbande. Sie ist zu einer Trauung eingeladen, erzählt sie auf der Treppe. Die von einem ehemaligen Tageskind.

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