Echt heiß

Wer noch immer nicht an den Klimawandel glaubt, hat im Sommer 2019 vielleicht einen kleinen Verdacht geschöpft. So hohe Temperaturen gab es in Sachsen noch nie.

Unter dem hellen Feuerwehrhelm ist es fast so heiß wie in einer Bratpfanne, in der man gerade ein Spiegelei brät. Patrick Grimm (38) versucht nicht daran zu denken. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, denn in der dicken, schweren Uniform, in der er steckt, ist es nicht viel frischer. Fünf Meter hinter ihm sticht eine riesige Flamme aus dem Feld. Von oben knallt die Sonne. Willkommen im Backofen!

Die Durchschnittstemperatur des diesjährigen Sommers in Sachsen betrug 20,1Grad Celsius. Das klingt auf den ersten Blick erst einmal ganz entspannt, nicht zu warm und nicht zu kalt. Aber Zahlen haben manchmal auch etwas Trügerisches, so nüchtern und emotionslos sie auch rüberkommen mögen. Denn die Wahrheit sieht natürlich anders aus. In der Realität ist so eine Durchschnittstemperatur echt heiß. Hinter ihr stecken lang anhaltende Hitzewellen und Höchstwerte manchmal sogar fast bis an die 40 Grad. In Deutschland war der Sommer 2019 der drittheißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 140 Jahren. In Sachsen war es sogar noch nie so heiß wie im zurückliegenden Sommer. Der Freistaat als eine einzige große Trockensauna. Das ist nicht ganz ungefährlich.

Es ist Freitag, der 5. Juli, wieder ein sehr warmer Sommertag. Erst vor einer Woche war in Leipzig mit 38,5 Grad ein neuer sächsischer Hitzerekord gemessen worden. Auch an diesem Tag wird die Quecksilbersäule wieder auf 32 Grad klettern, viele Menschen stöhnen oder haben sich daran gewöhnt oder beides. Patrick Grimm aus Hohenstein-Ernstthal arbeitet als Polier in einer Tiefbaufirma in Wüstenbrand. Aber er hat Urlaub in diesen Tagen. Dabei ist Urlaub vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Grimm ist nicht an die Ostsee gefahren und auch nicht ans Mittelmeer geflogen, Grimm ist zu Hause geblieben. Es ist die Woche, in der auf dem Sachsenring der Motorrad Grand Prix stattfindet und Zehntausende Menschen in die Stadt strömen. Schon seit Montag ist die Freiwillige Feuerwehr von Hohenstein-Ernstthal an der Strecke präsent; in einem Bürocontainer und mit einem Löschfahrzeug halten die Kameraden die Stellung. Vier Tage zu je zwölf Stunden, von Montag bis Donnerstag, ist auch Patrick Grimm mit vor Ort, dafür hat er seinen Urlaub geopfert. Er ist Feuerwehrmann mit Leib und Seele und war schon, als es die DDR noch gab, als kleiner Bengel bei den Jungen Brandschutzhelfern. "Aber an diesem Freitag hatte ich frei", erinnert er sich an jenen Tag, als ihn am Nachmittag kurz vor halb vier der Piepser alarmiert: Feldbrand in Gersdorf. Grimm springt in sein Auto und ist knapp zwei Minuten später am Feuerwehrdepot. Mit den Kameraden geht es dann an den Hofgraben, der Verbindungsstraße zwischen Hohndorf und Gersdorf. Große Aufregung herrscht während der Fahrt noch nicht, denn es riecht nach einem Routine-Einsatz. Aber die Sache entpuppt sich als viel brenzliger als angenommen. Grimm erzählt heute: "Vor Ort wurde schnell klar, dass das eine knifflige Angelegenheit wird. Es wehte ein starker Wind, und das Feuer begann in einem Höllentempo, sich auszubreiten."

Der Boden hart wie Beton. Der Sommer 2019 war nicht nur extrem heiß, sondern er war auch extrem trocken. Besonders die Bauern schauten in diesen Wochen sehnsüchtig nach oben in Richtung Himmel - in der Hoffnung, dass Petrus seine Schleusen öffnet. Aber der streikte. In Sachsen fielen nur 130 Liter je Quadratmeter, bundesweit waren es wenigstens 175 Liter. Die Folgen für die Böden waren fatal. Ein Monitor des Zentrums für Umweltforschung Leipzig stellte eine außergewöhnliche Dürre bis in eine Bodentiefe von 1,80 Meter fest. Die Erde wäre wohl selbst dann nicht aufgeweicht, wenn es tatsächlich einmal geregnet hätte.

Bis heute ist nicht ganz klar, was zu dem Feuer auf dem großen Feld am Hofgraben geführt hat. War eine weggeworfene Zigarette die Ursache oder hat ein Mähdrescher den Brand ausgelöst? "Aber es ist wohl ziemlich sicher, dass die große Trockenheit das Feuer begünstigt und in der Ausbreitung unterstützt hat", ist sich Grimm sicher.

Grimm gehört an diesem Tag zu den Feuerwehrleuten, die am Anfang mit einem Dunghaken die auf dem Feld ausgebreiteten Strohschwade vor dem heranrückenden Flammen in Sicherheit bringen wollen. Aber das Feuer ist schnell und wird von den Windböen vorangetrieben, sodass es die Männer an manchen Stellen regelrecht überspringt. Von der großen Flamme, die urplötzlich direkt hinter Grimm auflodert, bekommt er gar nichts mit. Zweimal während des Einsatzes wird einigen Kameraden befohlen, sich zurückzuziehen. Sie wären sonst in eine unkalkulierbare Gefahr geraten. Am Ende stellt sich heraus, dass tatsächlich zwei Feuerwehrleute verletzt wurden.Einsatzleiter an diesem Freitag ist André Legies (41), der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Gersdorf. Auch er sagt heute: "Das war schon ziemlich heftig." Zum Glück ist auf dem nahen Sachsenring, auf dem zu diesem Zeitpunkt die Rennfahrer ihre Trainingsläufe absolvieren, auch ein Polizeihubschrauber stationiert. Er wird an den Hofgraben beordert. Die Polizisten liefern von oben Bilder in das Fahrzeug der Einsatzleitung. So wird den Männern um André Legies unten schnell die Dimension des Brandes klar.

Die Flammen sind weiter auf dem Vormarsch. Ist das Feuer an der einen Stelle gelöscht, schießt es an einer anderen wieder aus dem Boden. Es ist fast so wie bei Sisyphos in der Unterwelt. Der rollt einen Felsblock einen steilen Hang hinauf - und jedes Mal, wenn er oben auf den Gipfel ist, entgleitet ihm der Stein und rollt wieder nach unten. Dann bricht etwa 700 Meter entfernt ein weiteres Feuer aus. Der Kampf gegen die Flammen wird zu einer Materialschlacht. 250 Kameraden und 50 Fahrzeuge von Wehren aus der ganzen Gegend sind am Hofgraben im Einsatz. Aber der Brand erreicht die ersten Häuser von Gersdorf. Zehn Meter davor wird er gestoppt. Insgesamt hat das Feuer am Ende 500.000 Quadratmeter Feld abgebrannt. Aber zum Glück: Das Dorf bleibt verschont.

Nicht nur Flächenbrände haben 2019 die Feuerwehr auf Trab gehalten. Es gab im Freistaat auch 134 Waldbrände. Der Klimawandel macht die Aussichten für die kommenden Jahre nicht besser, Wissenschaftler und andere Experten wie zum Beispiel Raimund Engel, der Waldbrandschutzbeauftragte des Landes Brandenburg, das ebenfalls mit den Folgen des Hitze-Sommers zu kämpfen hat, befürchten, dasses immer öfter zu Trockenperioden und Hitzephasen kommen wird. Und die hätten einen Anstieg der Brände zur Folge. Für die seriöse Wissenschaft ist es längst keine Frage mehr, dass Klimawandel und die Hitze, wie wir sie zum Beispiel 2019 erlebt haben, miteinander in Verbindung stehen. Mitte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland im Schnitt lediglich vier Tage im Jahr mit jeweils über 30 Grad Celsius gegeben. Das sagen die Daten des Deutschen Wetterdienstes aus. Heute sind es mehr als 20. Die Wärmerekorde seien ein klares Anzeichen für den anhaltenden, langfristigen Klimawandel, hat zum Beispiel der Klimaexperte Christian Franzke von der Universität Hamburg in einem Interview bilanziert.

Nach über drei Stunden darf Patrick Grimm endlich seinen Schutzhelm wieder vom Kopf nehmen. Es ist eine Erlösung. Aber er steht noch immer in einem Backofen.

 

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