Gefährliche Straße braucht Radweg

Seit Jahren wünschen sich die Heinrichsorter einen Radweg, um sicher ihr Dorf verlassen zu können. Doch es sieht schlecht aus. Dabei hat sich das Land so hohe Ziele gesteckt.

Heinrichsort.

Es gibt eine Broschüre aus dem Jahr 2014. Auf dem Titelbild radeln strahlende Menschen durch Sachsen. Das ist die Radverkehrskonzeption für den Freistaat. Radfahren liegt im Trend, schreibt Sven Morlok im Vorwort, damals FDP-Verkehrsminister in Sachsen. Die Zahl der Alltagsradler steige, das sei zu unterstützen. Kein Lärm, kein Dreck - das Rad solle echte Alternative zum Auto werden.

So weit zur Theorie. In Heinrichsort würden viele gern mit dem Rad zur Arbeit oder in die Schule fahren, sagt Ortsvorsteherin Annett Richter (CDU). Doch auf der Straße, die von der A 72 durch das Dorf nach Lichtenstein führt, sieht man kaum strahlende Radfahrer. Dafür Kreuze links und rechts. Autofahrer sind hier gestorben. Selbst für sie ist die Straße gefährlich. Kurvig ist sie und schmal, viele Laster sind unterwegs. Einen Radweg gibt es nicht.

Torsten Kleditzsch

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Ähnlich ist es an vielen Straßen im Kreis Zwickau. "Es gibt zu wenige Radwege", sagt Grünen-Kreisrat Gerhard Sonntag aus St. Egidien. Der Grund ist für ihn klar: "Außer Konzeptionen passiert nicht viel. Die Verantwortlichen verkennen, wie wichtig den Leuten das Thema ist, planen lieber rund ums Auto." Teil des Dilemmas ist, dass die Zuständigkeit für Radwege zersplittert ist; Um Bundes- und Staatsstraßen kümmert sich der Freistaat, Kreise um Kreisstraßen, Kommunen um Kommunalstraßen. In der Koordination der Ebenen hakt es. Dem Freistaat fehlt das Wissen um den Bedarf vor Ort - doch gerade kleine Gemeinden seien heillos überfordert damit, eigene Konzepte zu erstellen, sagt Kreisrat Sonntag. Der Kreis müsse unterstützen, sagt er, doch fordere seinerseits erst einmal Zuarbeit. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz", stellt Sonntag fest.

In Sachsen haben nur vier Prozent der Kreisstraßen Radwege und zehn Prozent der Staatsstraßen. Damit ist Sachsen unter den Schlusslichtern. Zum Vergleich: In Schleswig-Holstein sind es 41 beziehungsweise 61 Prozent.

Dass es hakt, weiß auch das Land. Besserung bringen sollen sogenannte Regionale Arbeitsgemeinschaften Radverkehr. Auch im Kreis Zwickau gibt es Radverkehrskonzeption und eine AG Rad, Kreisrat Sonntag gehört seit Kurzem dazu. Investitionsbedarf von 31 Millionen Euro bescheinigt die Konzeption dem Kreis, empfiehlt Ausgaben von 1 Million im Jahr. Im Haushalt für Radwege eingestellt hat der Kreis allerdings: nichts. Und das macht Sonntag ziemlich wütend.

Die Heinrichsorter fragen seit Jahren vergeblich nach Radwegen, um sicher aus ihrem Dorf herauszukommen. Meist fragen sie Ortsvorsteherin Richter. Weil die eigentlich genauso viele Fragen hat, hatte sie vergangene Woche jemanden zu ihrer Ortschaftsratssitzung eingeladen, der die Antworten kennen sollte: Holger Quendt vom Lasuv, dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Die Behörde ist zuständig für die Staatsstraße 255, die durch Heinrichsort führt. Nur: Viel Konkretes konnte Lasuv-Mann Quendt auch nicht erzählen.

Die Planung des Radweges ist an den Ausbau der engen Straße selbst geknüpft. Südlich des Dorfes, in Richtung Autobahn, wird wohl ein Radweg gebaut. Wann? Nun ja, wenn die Straße ausgebaut wird. Die Angaben dazu sind vage. "Die Planungen stehen erst am Anfang", sagt Lasuv-Sprecherin Isabel Siebert. Anders in Richtung Lichtenstein: Dort ist die Ausbau-Planung einen Schritt weiter; einen separaten Radweg gibt's aber nicht. Um den zu rechtfertigen, müssen ausreichend Autos und Laster auf einer Straße fahren. Das Lasuv rechnet mit 3500 Autos in 24 Stunden, Grenzbereich, man könnte einen Radweg bauen. Doch diese Option wurde Sprecherin Siebert zufolge verworfen. Weil unten im Tal, in Lichtenstein, kein Anschluss besteht, der Radweg dort im Nichts enden würde. Eine Alternative zur gefährlichen Straße soll es trotzdem geben: Die Radler sollen über vorhandene Wege bis zur Burgstraße nach Lichtenstein fahren, die dafür ertüchtigt werden müssten.

Das erklärte Lasuv-Mann Quendt den Heinrichsortern. Befriedigend fanden die das nicht. Ein Mann in Publikum fasste zusammen, auch er hat die Broschüre von 2014 gelesen: Alltagsradverkehr solle gestärkt werden - und dann entscheide die Behörde, dass eben kein Radweg gebaut wird. "Was ist das für ein Signal", fragte er. Für Gerhard Sonntag ist es ein Signal dafür, dass Politiker aller Ebenen Radfahren immer noch vorwiegend als Freizeitspaß verstehen, nicht als Mittel gegen volle Straßen, für Gesundheit und Klimaschutz. Ohne Lärm, ohne Dreck.

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