Heinrichsorter: Wir sind kein Dorf von Kiffern

Im Lichtensteiner Ortsteil sind Minderjährige beim Drogenkonsum erwischt worden. Das Dorf reagiert. Motto: Wegschauen ist keine Alternative.

Heinrichsort.

Das Thema hat die Heinrichsorter aufgewühlt. Mehr als 20 Einwohner sind am Donnerstagabend zur Sitzung des Ortschaftsrats gekommen. Nachdem Vorsteherin Annett Richter (CDU) einen Drogenbericht für den Lichtensteiner Ortsteil angekündigt hatte. Heinrichsort - ein Kifferdorf?

Nein, das sei man nicht. Sowohl Toni Merkel vom Jugendclub als auch Hans-Ulrich Petzsch vom Sportverein wehrten sich gegen diesen Begriff. Auch wenn, wie die Ortsvorsteherin erneut deutlich machte, in der "Dorf-Generation U 18" Drogen konsumiert werden. Erst am Mittwoch habe man in einem Waldstück wieder eindeutige Hinweise gefunden.

Wie bereits vor Kurzem auch der Rödlitzer Waldbesitzer Peter Schwemmer. Der war auf Überreste von verbranntem Cannabis und dazugehörige Rauchutensilien auf und rund um seine Jagdkanzel in der Nähe des Heinrichsorter Sportplatzes gestoßen. "Das geht schon seit mindestens einem Jahr so", sagte er vor ein paar Tagen der "Freien Presse". Ein paar der Kiffer waren enttarnt worden. "Drei Jungs, Zwölfjährige", so Schwemmer. Seine Tochter habe die gekannt. Das war für Annett Richter der Grund, den Drogenbericht auf die Tagesordnung der Ortschaftsratsitzung zu setzen. Denn, so sagte sie am Donnerstagabend, weggucken gehe nicht. "Das sind unsere Kinder. Dafür haben wir alle ein Stückweit Verantwortung." Sie habe als Jugendschöffin schon häufig mit den Folgen solcher Drogen-Fälle zu tun gehabt. "Die Kinder versauen sich ihre Zukunft."

Christoph Ullmann pflichtete ihr bei. Der 59-Jährige arbeitet für das Blaue Kreuz in Westsachsen als Streetworker. Die Ausbreitung von Suchtmitteln vergleicht er mit einer Epidemie. "Das Problem hat sich unkontrolliert ausgebreitet." Auch Kinder könnten sich heute relativ einfach Drogen beschaffen. "Die können sie sich von ihrem Taschengeld kaufen", sagte er. Und Cannabisrauchen sei eben kein Kavaliersdelikt, wie es sich Erwachsene oft weismachen. Nach dem Motto: Ob die Bier trinken oder mal kiffen ist doch egal. Die lassen das schon wieder. "Eben nicht", warnte Christoph Ullmann. Cannabis sei heute nicht mehr "mit dem Gemüse zu vergleichen, was Sie sich vielleicht mal während Ihrer Studienzeit reingezogen haben", wandte er sich an die Zuhörer. Der Gehalt des Wirkstoffes THC betrage jetzt ein Vielfaches. Das habe bei Kindern im Alter von 12 oder 13 Jahren eine verheerende Wirkung.Und sprach vom mittlerweile hohen THC-Gehalt im Cannabis, der im Gehirn von zwölf- oder 13-jährigen Kindern verheerende Wirkung hinterlasse.

Stadtoberhaupt Thomas Nordheim (Freie Wähler) hatte sich vom Streetworker mehr Unterstützung erhofft. "Es gibt eben Gruppen, die erreichen wir nicht, trotz Sportverein und Jugendclub", sagte er. "Wie finden wir Zugang zu jenen, die uns entfleucht sind", wollte er wissen. Ein Zuhörer ging noch weiter. Er sehe hier ungefähr fünf Elternteile, die Kinder in dem betreffenden Alter haben. "Wo sind die anderen?", fragte er. "Wenn die es nicht interessiert, was sollen wir dann machen?"

Annett Richter warnte vor Gleichgültigkeit. "Wenn Eltern sagen, das Problem gehe sie nichts an, weil es nicht ihre Kinder betreffe - dann hört der Spaß auf. Dabei mache ich nicht mit." Ullmann sprang ihr zur Seite. "Diese Probleme erwachsen durch die Wegschaugesellschaft", sagte er. Es sei oft fehlende öffentliche Kommunikation, die den Kindern schade. "Mit mir redet doch kein Schwein", diese Worte höre er in seiner Streetworker-Arbeit oft. Deshalb: "Nehmen Sie ihr Dorf in Besitz, lassen Sie das Gemeinwesen aufleben, reden Sie miteinander." Kinder müssten sich hier eingebettet fühlen. Im kleinen Heinrichsort seien Gespräche viel leichter zu führen. "Da ist unsere Chance."

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