Malerin entlockt Steinen Botschaften

Millionen Jahre alte Steine faszinieren die meisten Menschen. Eine Künstlerin aus Zwickau haucht ihnen mit Farbe Leben ein. "Eindrücke" heißt die neue Ausstellung in der Kleinen Galerie.

Hohenstein-Ernstthal.

Wohin geht die Reise, wenn ein Menschenleben endet? Beschreitet der Verstorbene tatsächlich den "Weg ins Nirgendwo"? Ungern hat sich die Zwickauer Malerin Elisabeth Decker mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Doch plötzlich war diese Leere da, als im September 2018 ihr Ehemann nach langer Krankheit verstarb. Malen brachte sie wieder heraus aus dem Tal der negativen Emotionen. Auch "Weg ins Nirgendwo", das erst 2019 entstanden ist, zeigt Steine. Wie so oft bei Elisabeth Decker. Ein Tunnel - keiner weiß, wo er hinführt oder endet. Der Eingang zu einer Höhle, eine verdunkelte Sonne. Wer sich die Zeit dafür nimmt, entdeckt 1000 Dinge. Auch Emotionen wie Trauer, Schmerz und ein wenig Hoffnung. Das Werk ist die pure Leidenschaft in Acryl. Selten mit dem Pinsel gezeichnet, eher dick aufgetragen mit der Spachtel oder der Walze - so kraftvoll und doch harmonisch wie Millionen Jahre alte Gesteinsformationen von Natur aus eben sind.

"Es ist unglaublich, wie viel Kraft Elisabeth in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema wieder entwickelt hat", schwärmt ihre Freundin Heidi Bergmann. Die Zwickauer Autorin wird am Donnerstag die Laudatio zur Vernissage in der Kleinen Galerie halten. Eines ihrer Lieblingsbilder ist "Spuren". Es geht um Spuren, die Menschen hinterlassen und die das Leben in den Menschen selbst hinterlässt. Man verliert sie, findet sie wieder, verdrängt sie und wünscht sie sich wieder herbei. Spuren ziehen sich wie Gräben durch das Bild. Die Farben Rot, Orange, Blau und Weiß, harmonisch kombiniert, versprühen Optimismus und Geborgenheit. In anderen Bildern erkennt der Betrachter auf Anhieb die Felsenstadt im jordanischen Petra oder die steinige Küste Irlands. "Sie hat nicht nur die Fähigkeit, den Steinen eine Botschaft zu entlocken. Bei ihr werden Steine lebendig. Sie tanzen, springen und singen", schwärmt Heidi Bergmann. Das Faszinierende: Jeder, der lange genug hinschaut, sieht etwas anderes. "Manchmal bin ich selbst überrascht, was die Leute in meinen Bildern entdecken. Ich male das nicht bewusst, es entsteht einfach so", versichert die Malerin. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen durch die Steine. "Es war an der Ostsee auf einer Kunstreise. Sie ist mir im Bus aufgefallen, hat blitzschnell Steine skizziert. So kamen wir ins Gespräch", erinnert sich Heidi Bergmann an den Beginn einer innigen Freundschaft. "Und sie hat auch eines meiner Bücher illustriert."

Christoph Ulrich

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Den Lebensweg der Künstlerin kennt sie bestens. Elisabeth Decker, 1931 im tschechischen Dux geboren und aufgewachsen, kam 1945 mit Mutter und Großvater als Heimatvertriebene nach Zwickau. Hier schlug sie neue Wurzeln. "Ich wohnte damals im selben Haus, in dem auch Prof. Carl Michel lebte. Er hat mir als junges Mädchen das Malen beigebracht", erinnert sie sich an den Gründer der legendären Zwickauer Mal- und Zeichenschule. Ihren Wunsch zu studieren verhinderten die gesellschaftspolitischen Umstände der damaligen Zeit. "Also lernte ich erst Schneiderin und wurde dann Kunstlehrerin." Mehr als 40Jahre lang arbeitete sie in dem Beruf. Als Künstlerin hat sie inzwischen mehr als 50 Personalausstellungen bestritten und war an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt. Etliche ihrer Arbeiten befinden sich in Privatbesitz in Deutschland, Italien und in der Schweiz oder zieren öffentliche Einrichtungen.

Die Vernissage zur Ausstellung "Eindrücke" findet am Donnerstag, 19 Uhr in der Kleinen Galerie, Altmarkt 14 in Hohenstein-Ernstthal statt.

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