Mit der Pyramide steht noch ein Stück DDR-Geschichte im Ort

Damit Grumbach endlich eine Weihnachtspyramide bekommt, fuhren einige Enthusiasten vor 35 Jahren mit dem Dienst-B 1000 des Bürgermeisters als Spähtrupp durchs Erzgebirge.

Grumbach.

An das Jahr 1984 erinnert sich Reiner Conrad noch genau. Der heute 70-Jährige mischte damals im Grumbacher Dorfklub mit. Vorsitzender der Truppe, die in der Baracke gegenüber der Kirche das Vereinsleben in Schwung hielt, war Harald Meier. Seine Dorfclubmitglieder schielten in der Weihnachtszeit fast immer ein bisschen neidisch auf die Weihnachtstraditionen weiter oben im Erzgebirge. Callenbergs Bürgermeister Siegfried Vogel ging es da nicht anders. Er legte kurzerhand fest: Grumbach braucht eine Weihnachtspyramide für den Ort.

Aber wie baut man so etwas? Der Dorfclub bildete einen Spähtrupp. Dienstauftrag: Stehlen im Erzgebirge. Natürlich nur mit den Augen. Dafür durften die Pyramiden-Gucker sogar den Dienst-B 1000 des Bürgermeisters samt Chauffeur nutzen. Der Zweitakter aus dem VEB Barkas-Werke Karl-Marx-Stadt quälte sich bei der Bergtour von einem Erzgebirgsort zum anderen. Fahrer Harry Götze brachte den Bulli des Ostens sicher durch die winterliche Dienstreise. Die Mitstreiter der munteren Truppe packten überall den Zollstock aus - gucken, vermessen, notieren. "Das schlimmste war das Materialproblem", erinnert sich Conrad. Hilfe bekamen die Grumbacher von der damaligen Fenster- und Türen PGH Obercallenberg. Die Organisation des Projekts war natürlich Chefsache, Klubvorsitzender Harald Meier führte Regie. "In unserer Truppe war alles vertreten, was man an Gewerken für den Bau der Pyramide brauchte", weiß Reiner Conrad noch genau. Für den Sockel, in dem der Motor verschwinden musste, setzte sich der gelernte Maurer Otto Hirschi den Hut auf. Schmied Horst Petzold übernahm den Metallbau der Konstruktion und die Antriebsmechanik. Einen Durchschlag von der behördlichen Genehmigung hat Gerhard Rost noch in seinen Akten. Als Auftrag Nummer 60/86 ist das Schreiben registriert worden. Damit er beim VEB Landmaschinen St. Egidien zum Anfertigen von Bauteilen an die Drehmaschine durfte, musste ein Antrag gestellt werden. "Eine Stunde an der Drehbank kostete 2 Mark", sagt Rost und lacht.

Zimmermann Wolfgang Neubert oblagen die Gestaltung und die Holzarbeiten. Dachdecker Rolf Hermsdorf, der damals im Klub auch hinterm Tresen stand, zauberte mit Ehefrau Isolde die Figuren: Holzweib, Schneemann, Schmied, Jäger, Nachtwächter, Bergmänner und andere machen das Dutzend voll. Die kamen bei Reiner Conrad unter den Pinsel. "Erst Halböl, dann die Farben drauf", sagt er. Seither wurden sie nur ein einziges Mal restauriert. 2006 versah Jutta Gräser die Männeln wieder mit frischem Lack. Die Elektrik, die damals Ulrich Steinert baute, ist heute freilich längst auf Energiesparlampen umgerüstet.

Wer an der Pyramide mit baute, bekam von der Gemeinde eine kleine Entschädigung von 3 Mark pro Stunde. "Wie wir die damals aufgebaut haben, da würde heute jeder Tüv-Prüfer einen Herzanfall erleiden", sagt Rost. Vom Dach der Baracke balancierten die Erbauer über Pfosten. Die Erinnerung an den feierlichen Moment, als sich im Jahr 1986 die Pyramide zum ersten Mal drehte, lässt noch immer bei Conrad und Rost die Augen leuchten.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...