"Problem immer kleingeredet"

CDU-Stadträtin und Geschichtslehrerin Gabriele Dreyer über den Umgang mit den Vorfällen von Chemnitz

Hohenstein-Ernstthal.

Der Tod eines Deutschen am Rande des Stadtfestes in Chemnitz und die anschließenden Krawalle werden auch am Lessinggymnasium in Hohenstein-Ernstthal diskutiert. Erik Kiwitter sprach mit der Geschichtslehrerin Gabriele Dreyer (55) über Reaktionen und mögliche Ursachen. Dreyer ist seit 1994 für die CDU im Stadtrat von Hohenstein-Ernstthal.

Freie Presse: Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal Bilder von den Ausschreitungen in Chemnitz gesehen haben?

Gabriele Dreyer: Ich war entsetzt. Nicht schon wieder in Sachsen, habe ich gedacht. Die ganze Sache hat sich sozusagen vor unserer Haustür abgespielt.

Und dann?

Ich wusste, dass auch Schüler von uns am Sonntag beim Stadtfest in Chemnitz dabei waren. Da habe ich mir große Sorgen gemacht: Hoffentlich ist ihnen nichts passiert! Am Montag dann - wenn man sie mal so bezeichnen will - die Kundgebung mit den vielen Rechtsextremen. Da war ich schockiert. Dass am Rande des Stadtfestes ein Mensch getötet wurde, ist eine Tragödie. Aber sie wurde von diesen Krawallen in den Hintergrund gedrängt.

Wie haben Ihre Schüler reagiert?

Auch sie waren natürlich entsetzt. Schon am Montag haben wir im Leistungskurs Geschichte darüber gesprochen. Die Jugendlichen sind häufig im Internet unterwegs und haben gesehen, was passiert ist. Sie haben das alles als sehr bedrohlich empfunden. Besonders die Jagd auf vermeintliche Ausländer.

Was waren die Kommentare?

Einer sagte, er sei froh, dass er und seine Eltern immer mit dem Dienstwagen des Vaters in den Urlaub fahren. Das habe kein sächsisches Nummernschild.

Sagen Sie den Schülern Ihre Meinung?

Natürlich. Erst recht, wenn Grundwerte unserer Gesellschaft angegriffen werden. Man muss den Schülern sagen, dass ein Verbrechen begangen wurde, das geahndet werden muss. Aber man muss auch klarmachen: Menschen zu jagen, ist durch nichts zu rechtfertigen. Und man muss auch sagen, wer sich neben Nazis stellt, verbündet sich mit ihnen. Die machen sich mit Hitler gemein. Und dabei wissen wir doch, was für Verbrechen während der Nazi-Zeit begangen wurden.

Reicht das Wissen aus, was den Schülern vermittelt wird?

Ja, ich denke schon. Hitlers Aufstieg und die Ursachen dafür werden intensiv behandelt. Dazu der Zweite Weltkrieg und die vielen Verbrechen. Dann behandeln wir die Zeit nach 1945, in der es eine richtige Entnazifizierung eigentlich nicht gab.

Vielleicht liegt in dieser halbherzigen Entnazifizierung ein heutiges Problem, weil das Gedankengut nicht so einfach beseitigt wurde.

Das ist schwer zu sagen. Aber möglicherweise wurde sowohl im Westen als auch im Osten nur ungenügend aufgearbeitet, was früher passiert ist. Das Gedankengut gibt es ja noch, da haben Sie recht.

Sind Sie dafür, dass Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern wie Buchenwald oder Auschwitz-Birkenau zu Pflichtveranstaltungen gemacht werden sollen?

Nach den jüngsten Vorkommnissen in Chemnitz: ja! Pflichtveranstaltung ist vielleicht das falsche Wort. Wer einmal so eine Stätte wie Auschwitz-Birkenau gesehen hat, der kommt nicht auf die Idee, zu sagen, das war alles halb so schlimm.

Haben Sie eine Erklärung für die Vorfälle von Chemnitz?

Da gibt es mehrere Aspekte. Aber der Freistaat hat das rechtsextreme Problem immer kleingeredet und auch Mittel für die politische Bildung gestrichen. Als wir mit den Schülern 2017 nach Auschwitz-Birkenau fahren wollten, haben wir gefragt, ob es irgendwelche Zuschüsse gibt. Es gab keine. Das sagt viel aus.

Sehen Sie als Geschichtslehrerin Parallelen zwischen der Zeit heute und der Zeit Ende der Weimarer Republik?

Manches erinnert tatsächlich daran. Aber heute gibt es viel mehr demokratisch denkende Menschen.

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