Saftkartons, die vom Laster fielen, und andere Zeitdokumente

Mehrere zehntausend Fotos hat Andreas Kretschel für die neue Ausstellung im Textil- und Rennsportmuseum gesichtet. Mit rund 70 großformatigen Motiven und einigen kleineren Bildern zeigt er nun, wie bewegt die Wendezeit vor 30 Jahren war.

Hohenstein-Ernstthal.

Oftmals sind geschichtliche Ereignisse, die Themen von Ausstellungen werden, ziemlich weit weg. Doch das ist im Textil- und Rennsportmuseum diesmal anders, denn fast alle der Besucher bei der Ausstellungseröffnung haben die Wendezeit selbst miterlebt. "Wir sind in der Blüte unsere Lebens, und wir sind Zeitzeugen", stellte Frank Günther fest. Der hauptberufliche Förster aus Langenchursdorf, ein enger Freund von Andreas Kretschel, sorgte diesmal für die musikalische Umrahmung und sollte im Laufe des Abends noch oft Erinnerungen an die Zeit im Herbst hervorholen.

So ging es auch denen, die sich in der Ausstellung auf Fotos wiederentdecken. Denn neben Bildern aus Berlin, Leipzig und Chemnitz zeigte Andreas Kretschel in der Ausstellung auch Bilder, die das Geschehen rund um Hohenstein-Ernstthal dokumentieren. Das Friedensgebet in der Christophorikirche oder Diskussionsrunden im Schützenhaus wurden beispielsweise für die Nachwelt verewigt - damals noch auf Film, was immer auch für Spannung beim Entwickeln der Fotos sorgte. Anspannung bedeuteten die Wochen im Herbst 1989 nicht nur bei Andreas Kretschel, der anfangs sehr vorsichtig beim Fotografieren war. Auch die damaligen Demoteilnehmer hatten ein flaues Gefühl. "Natürlich war da auch Angst dabei", erinnert sich der Oberlungwitzer Thomas Schubert.

Nach dem Fall der Mauer begann eine bewegte Zeit, die Motive brachte, die einzigartig sind. Ein Unfall eines Lkw mit Saftkartons auf der Autobahn lockte etliche Leute an, die unversehrte Behältnisse mitgehen ließen. Der erste Banküberfall ließ auch nicht lange auf sich warten und die Geschäfte tauschten das alte Ostsortiment komplett gegen die Waren aus dem Westen aus. Ein fliegender Händler, der seine Waren aus dem Trabi heraus verkauft, darf nicht fehlen. Mit Günther Fontana aus Oberlungwitz gab es am Dienstag einen Besucher der Ausstellungseröffnung, der damals genau dort einkaufte und auch auf einem der Bilder zu sehen ist. "Was ich da gekaufte habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich da fotografiert wurde", sagte der 70-Jährige.

Dass die Stadt Hohenstein-Ernstthal in der Wendezeit ganz anders aussah als heute, fällt auf vielen Bildern auf. "Schauen sie auch mal auf das Umfeld, auf die Infrastruktur", sagte Oberbürgermeister Lars Kluge (CDU). Ein Pferdewagen, von dem aus 1988 auf dem tristen Altmarkt Weihnachtsbäume verkauft wurden, ist auf einem der Fotos zu sehen. Vor einem Bild, das Menschenmassen am Stausee Oberwald zeigt, stellten viele Besucher fest, dass die Bevölkerung in der Nachwendezeit offenbar ein ganzes Stück schlanker war als heute. Auch Bilder aus der früheren Sowjetkaserne in Oberlungwitz oder der Abtransport von Panzern regten zu Diskussionen an.

Die hat Andreas Kretschel in der Wendezeit auch mit seiner heutigen Frau Margret geführt. Sie lebte damals noch im Westen. Auszüge aus den vielen Briefen, die sich beide schrieben, vermitteln in der Ausstellung einen ganz persönlichen Einblick. Nachdenkliche Worte gab es vom ehemaligen Pfarrer Klaus Franke. Er kritisierte, dass heute der Slogan "Wir sind das Volk" missbraucht wird und die falschen Leute mit Forderungen wie "Vollende die Wende" für Gräben in der Gesellschaft sorgten. "Wir sind ein Volk" sei die wichtigste Botschaft, genauso dürfe auch nie vergessen werden, dass der Verzicht auf Gewalt die Garantie für den Erfolg war.

Die Ausstellung "Wendezeit - Zeitwende" wird bis zum 26. Januar gezeigt. Geöffnet ist das Textil- und Rennsportmuseum an der Antonstraße 6 in Hohenstein-Ernstthal von Dienstag bis Sonntag, 13 bis 17 Uhr.Der Eintritt kostet 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Das Museum ist barrierefrei.www.trm-hot.de

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